Hessenmeister CXXXIX

Buenos Aires Juan d'Oyola unterstellte sich Domingo Martínez de Irala, der den Zug mit der Nachricht einholte, der erste Gouverneur von Paraguay, Pedro de Mendoza y Luján ...
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Im Schlosspark von Niederschönhausen

https://scontent.xx.fbcdn.net/hphotos-xtp1/v/t1.0-9/12548929_1244884775525741_6665962094814587685_n.jpg?oh=ee4c3f3d917e537e658a274bf6cbcafb&oe=56FEDA10

Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Pedro de Mendozas weiches Fleisch faulte im Fieber. Der Flottenführer erschlug einen Jungen mit dem beinernen Schuhlöffel. Eine kritische Bemerkung kostete einen Bootsmann den Schmerz und die Schmach von fünfzig Hieben. Mendoza ließ Delinquenten zur Abschreckung an Pranger stellen und in den Vorrichtungen auf Deck verrotten. Ein zu geringer Grad der Unterwürfigkeit konnte Insubordination sein. Das lag im Ermessen der Flottenführers.
Im Zweifelsfall stand Mendoza allein gegen eine See von Plagen. Es hatte sich gezeigt, dass man Meutereien am besten mit Erniedrigung der Mannschaft und dem Abstand zu Offizieren vorbeugte.
Die Flotte fand sich nach einer stürmischen Zerstreuung im „süßen Meer“, wie manche den Río de la Plata nannten. Nun hieß Hunger die Geisel. Die Strandinder erschreckte „das stolze und gewaltsame Auftreten des Fremdlings“ in seiner Mehrzahl so, dass Annäherungen ausblieben. Keine Pocahontas in Sicht.
Mendozas hochnäsiges Terrorregime reizte seine Leute zu Gewalttaten gegen die Bevölkerung. „Horden kriegerischer Guarani“ kreisten im Gegenzug die „Entdecker“ weiträumig ein. Mendoza kannte nur ein Rezept.
„Ein Kriegszug sollte den Widerstand brechen.“
Der Kriegsherr schickte „den Kern des Fußvolks und die Blüte der Ritterschaft“, vierhundert Mann im Ganzen, er unterstellte die Expedition seinem Bruder Diego. Drei Tage später kehrten zwölf Klägliche wieder, die anderen lagen zur Freude der Geier in der Pampa. Die Guarani hatten einen Sumpf für ihre Zwecke genutzt, eine Engstelle, die den „Entdeckern“ wenig Spielraum bot. Da entfalteten sich die Nachteile komplizierter Waffen und die Vorteile unterkomplexer Lösungen.
„Die Pulverpfannen waren nass geworden, die Musketen versagten. Die dem Zügel auf der Überfahrt entwöhnten Pferde bockten. Umsonst warf sich Diego mit seinen Kavalieren auf den Feind. Mehr als ein altes Geschlecht erlosch an diesem Tag.“
Wie die Germanen laut Tacitus: kämpften die Guarani mit ihren Leibern mehr als mit anderen Streitmitteln. Ihre Führer zeigten die Einsichtsfähigkeit des Arminius. Sie zerschellten dann an der Monotonie eines Mannes, der es für seine Aufgabe hielt, einen Posten in ihrem Gebiet aufzustellen - Nuestra Senora Santa Maria del Buen Aire.
Es waren Leute am Verhungern, die Buenos Aires gründeten. Man sagt, Pedro de Mendoza habe Fleisch vom Leichnam seines Bruders nicht verschmäht, so heruntergekommen war dieser „zum Herrschen geborene“ Kolonist.
Die Inder witterten Morgenluft. Die Sache am Sumpf hatte sie zuversichtlich gemacht. Jetzt waren sie im Beat. Schamanen prognostizierten Sieg. Die Guarani rannten gegen einen Zaun, den die Neubürger in die Landschaft gepflanzt hatten wie überall. Sie legten Buenos Aires in Schutt und Asche. Die Kolonisten wichen zurück und gründeten Corpus Christi an der Stelle, wo der alte Sebastian Cabot sein Eldorado direkt vor der Palisade vermutet und deshalb den Solís-Fluss“ in Rio de la Plata (Silberfluss) umbenannt hatte. Das war ein Propagandacoup. Indem Cabot sich beeilte, in Spanien Erwartungen hochzuschrauben, machte er „die Welt um eine Täuschung reicher“. (C. Kammschneider)
Von Cabots Station war ein zerfallener Turm übrig. Die Flüchtlinge richteten ihn wieder auf. Heute noch erinnert eine Prozession an die Flucht in den Wald. Das waren Abgeschnittene und Versprengte, die den Turm in Erwartung heiterer Stunden Buenas Esperanza nannten und gleich wieder einen Stoßtrupp zur Erkundung der Gegend losschickten. Ich greife kurz vor, um die Sache abzukürzen. Jedes Kind weiß, dass die Guarani nicht im Rennen geblieben sind. Sechzig Jahre nachdem sie die Spanier so gut wie aufgerieben und den eingeregneten Rest zu Kannibalen gemacht hatten, verkamen sie zu Mündeln ihrer Feinde. Jesuiten mussten sie beschützen, ich nenne dies einen traurigen Ausgang der Geschichte. Gestern habe ich von den Araukanern in Patagonien erzählt. Es gab sie auch anderswo. Sie hatten vor den Inka bäurische und nomadische Systeme, sie leisteten den indigenen Usurpatoren Widerstand, wie dann auch dreihundert Jahre lang den europäischen. Sie erhielten sich wie die Chatten, die als letzter germanischer Stamm und Urväter aller Hessen schließlich im fränkischen Reich aufgingen. Als Sonderbotschafter Friedrich von Zierenberg auf eine Bitte Bismarcks hin Patagonien, Feuerland und die Falklandinseln abklärte, traf er kerngesunde, hünenhafte Araukaner. Widerstand belebt.
„Jeden Patagonier hätte man auf ein Postament stellen können“, schreibt Zierenberg in seinen geheimen Erinnerungen, die ich auf dem Dachboden der Kasseler Witwe Voss fand. Sie tragen den irritierenden Titel „Remember the Alamo“. Don Juan d'Oyola führte den von Mendoza befohlenen Erkundungszug. D'Oyola war auch ein jüngster, zu seinem Glück wenigstens legitimer Sohn mit einem großen Namen. Mit so einem Namen konnte man keinen Job annehmen. Also, woher nehmen und nicht stehlen? Es geht fast nichts für einen armen Adligen. Außer Krieg ist alles unter seiner Würde. Der kann nur die Badehose einpacken und das nächste Flugzeug nach Buenos Aires nehmen. Ein illegitimer Halbbruder dient im Zug. Alano hält dem besseren Bruder den Rücken frei. Das ist zwar gefährlicher als Stiefelputzen und Speichel lecken, macht aber auch mehr Spaß. Bei einem Scharmützel, man weiß gar nicht gegen wen, man sieht nämlich nichts außer Flora. Von der Flora gefangen, kannst du dich drehen und wenden wie du willst. Der Feind könnte neben dir aus der Erde springen oder dir auf den Kopf koten. Eine Schlange könnte zu seiner Unterstützung eingreifen. Unter solchen Bedingungen behält jeder d'Oyola einen kühlen Kopf. Das ist das einzige, was ein d'Oyola kann. Der kriegt ohne Knecht keinen Stiefel vom Bein. Der ist nicht belesen. Der bohrt auch in der Nase, wenn einer guckt. Der spricht mit jedem Spanisch, ob man ihn nun versteht oder nicht. Der steht im Wald und harrt der Dinge, die da kommen – mit einem kühlen Kopf. Alle anderen haben heiße Köpfe.
Juan d'Oyola und sein Alano unterstellten sich Domingo Martínez de Irala, der den Zug mit der Nachricht einholte, der erste Gouverneur von Paraguay, unser Pedro de Mendoza y Luján sei im Zustand geistiger Umnachtung auf einer Reise nach Spanien über Bord gegangen. Er habe bis zum letzten Atemzug sein überseeisches Unternehmen verflucht. Man fand ihn „krank, gebrochen, düster“, endlich tot.
De Irala war ein Mann, der sich selbst zu einer Vollmacht verhelfen konnte. Er führte die neue Kolonie ohne Mandat mal mit mal ohne Vorgesetzten. Das zeichnete sich erst ab, als man ihn (er sich) zum Generalkapitän bestimmte und so „eine wilde Soldatenherrschaft anfing“. Irala war der Prototyp des „gewalttätigen Abenteurer“. Er folgte dem Río Paraguay und gründete Asunción. Er tat jede Menge, aber zentral finde ich hier, dass Irala anfing die „Inder“ zu konzentrieren. Der wusste, arbeiten können die Inder nicht, aber an einem Schnupfen sterben, das können die. Die sterben wie die Fliegen. Führt der Inder nicht gerade gegen uns Krieg, liegt er uns auf der Tasche. Wir stellen am besten Konzentration her und dann sehen wir weiter.
„Die harte Willkürherrschaft und das Aussauge-System des Irala ließen keine gedeihlichen Zustände aufkommen.“
*Alle Zitate: Priv. W. Blechbeißer, „Die Geschichte Paraguays“, Kassel/Göttingen 1812
Morgen mehr.
08:31 14.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare