Hessenmeister CXXXV

Peru Es herrscht Melancholie im Oriente. So heißt die Gegend von Ecuador, in der Blattschneider mit seinem Begleiter ...
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Bonjour

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Blattschneider sieht den Sangay. Er erwartet einen Ausbruch des Cotopaxi. Ein Gletscher bemäntelt den Krater. Feuer und Schnee treffen auf unwahrscheinliche Weise zusammen. Den Eindruck verstärkt Psilocybin, Alfonso, Blattschneiders Führer, hat den Offfenbacher Reiseschriftsteller mit magic mushrooms versorgt, und jetzt fühlt sich der Offenbacher als Bergsteiger überragend.

Das ist ein Entdeckergefühl. Der Entdecker sieht etwas, das zum Alltag für Millionen gehört und fühlt sich von Gott persönlich angesprochen, weil er es auch sieht, so wie Blattschneider einen aktiven Vulkan on the rocks. Er notiert hemmungslos: „Kegelpyramide“, während Alfonso kokst.
Die spinnen, die Europäer, denkt Alfonso.
Alfonsos Inka-Vorfahren wurden von Pizarroverschnitten aufgespießt, verheizt und spanisch angehaucht. Seine Heimat ist das Hochland von Quito, auffällig wegen einer Doppelreihe von Giganten. Alfonso guckt gar nicht mehr hin, Alexander von Humboldt sah wie ein erdgeschichtlicher Hochofen rasend schnell seinen Krater vom Schnee befreite.
Humboldt: „In dunkelroter Gluth erhob sich die Feuersäule des aufsprühenden Schlackenregens zu gewaltiger Höhe. Der Berg empörte sich so furchtbar, dass man seine Beschwerde (im kolumbianischen) Honda vernahm“ – eine Entfernung von achthundert Kilometer in der Luftlinie.
Eine leichtfertige Bestellung von Feldern in gefährdeten Gebieten konnte hundert Jahre lang hinhauen, dann schoss von gleich auf sofort glühender Auswurf die Hazienda zu Klump und Essig war es mit den „paradiesischen“ Myrtengärten und Orangenhainen.
Blattschneider beobachtet Dürre und Unfruchtbarkeit. „Der Boden liegt wüst da“, schreibt er.
Sand trifft Lehm.
„Überhaupt geben uns die Felder und ihre Bestellungsart die traurigsten Begriffe von der Indolenz der Einwohner.“
Blattschneider mährt: „Der Mais wird nur zwei Fuß hoch und braucht dreizehn Monate zum Gedeihen, die Kartoffel eher noch länger.“
Geld wird in der Viehwirtschaft verdient. Verwilderte Herden wandern auf Weiden, die Gemeindeeigentum sind. Es gibt doch noch Inkakollektive.
Als Blattschneider Quito besucht, zählt die Stadt „siebenunddreißigtausend Seelen“. Quito liegt so im Verborgenen, dass man in die Stadt hineinläuft wie in eine Falle. Ihre Festigkeit bewog die Spanier, den Inkas in der Bestimmung Quitos zur Hauptstadt zu folgen.
„Quito hat sehr wohl den Charakter eines geräumigen, für den Touristen geputztes Bergdorf so wie bei uns Berchtesgaden“, findet Blattschneider.
Man baut nicht hoch wegen der Erdbeben. Man wohnt im ersten Stock zweigeschossiger Häuser. In Parterre sind Läden und Werkstätten.
Kein Karren taugt für die steilen Pisten.
Blattschneider bemerkt Ruinen, „offensichtlich im Zustand fortgeschrittener Verwitterung“. Was gut und fest steht, zeigt Vorlieben der Renaissance, stets fällt das Licht von oben ein. Was weniger gut ist, beweist „die schwache Seite des Barock“.
So sieht das Blattschneider. Der deutsche Pendant begegnet dem spanisch-katholischen Kolonialdekor mit den Abneigungen eines Prüden. Er verspricht ein alter Junggeselle zu werden, von der Art, die bei kaum wohlhabenden Witwen logieren und deren Nachlass in zwei Kartons schließlich passt. Solchen sagt man nach: der hat sich im Leben nicht breit gemacht und Frauen waren seine Sache nicht gewesen. Der guckt sich Fassaden an und motzt wegen „gesimsloser Flächen“. Er vermisst Ornament. - Glanzziegeln, wie in Lima, Mosaike wie sonst wo. Da ist ihm zu wenig Ausdruck und Lebhaftigkeit im Spiel der Wände. Ich schildere trotzdem keinen Armleuchter, das Wissen braucht seine Wesire.
Alfonso biegt inzwischen zum „Wilden Kegler“ ab. Das ist vielleicht eine Kaschemme und Räucherkammer. Eine Freundin von Alfonso kuddelt da in der Küche, Alfonso sticht gleich durch.
„Du weißt Bescheid“, befleißigt sich die Frau am Pass einer überflüssigen Bemerkung. Den „Wilden Kegler“ sah noch keine Dame. Damen lassen sich, wann immer es ihnen anzeigt erscheint, inne zu halten, von dem Mädchen, welches sie stets begleitet, einen Teppich unter die Sohlen legen und mitunter die zur Ambulanz gehörende Sitzbank aufstellen. Sie erscheinen in schwarzen Mantillen, man sieht sie nicht anders.
Blattschneider lobt Fresken und beschuldigt Altäre der Arroganz. Der falkengleiche Konquistadoren-Hochmut war stilbildend und wurde in Beispielen aufbewahrt. Dass sich eine unverbrüchlich erschienene Ordnung einfach umstoßen ließ, hatte die „Eroberer“ erschüttert, bis sie das Knie nur noch pro forma beugen konnten.
Hunderte und Tausende vor sich her zu treiben und nieder zu machen, war erhebend. Das schlug auf die Architektur durch. Spätere (jüngere) Ansichten schufen Überkupplungen. Blattschneider protokolliert die Brüche mit eigener Überheblichkeit. Für ihn ist ein Spanier so eben noch weiß. Er könnte sich als Maurenmulatte entpuppen, sollte man sich die Mühe machen, dahinter zu steigen.
Besser nicht am Spanier rühren, denkt Blattschneider zimperlich. Seine Wahrnehmung denunziert die Residenzstadt Quito als Versammlung besserer Hütten. Alle anderen Autoren sind von der urbanen Pracht überwältigt.
Eine Militärkapelle unterhält das Publikum vor dem Palast des Erzbischofs, Blattschneider findet die Musik „geschwätzig“, die Uniformen „pompös“. „Auf die armen Kirchenglocken drischt man mit Knüppeln ein“, schreibt er.
„Es fehlt eine gute Volksschule.“
„In einem produktiven Sinne tätig, so wie ein Deutscher es versteht, ist kein Mensch.“
„Die Leute sind in Erwartung von Naturkatastrophen fatalistisch geworden.“
„Mein Bursche, der Alfonso, ist keinesfalls wacker. Er hält sich schlecht und missachtet seine Familien.“
Das beschäftigt Blattschneider. Der mehrfache Familienvater klappert im Verlauf des Jahres ein halbes Dutzend von ihm zu ihrem Nachteil abhängiger Mütter seiner Kinder ab und strebt bei jedem Aufenthalt eine weitere Schwangerschaft an. Seinen Kindern erscheint Alfonso nicht fürsorglich. Er ignoriert sie weitgehend bis vollkommen. Sein Ziel erschöpft sich darin, so viele Kinder wie möglich mit so vielen Frauen wie möglich zu zeugen. Während Treue bei der Verfolgung seines Ziels unpraktisch wäre, erwartet er von „seinen Müttern“ ihn als Hauptmann zu achten; das zumindest vorzugeben. Auf Wahrhaftigkeit kommt es ihm nicht an. Ihn befriedigt der Anschein, auch Heuchelei, sofern er sie veranlasst hat. Jemand in die Verstellung zu nötigen, stimmt Alfonso fröhlich. Vor Kirchen macht er heimliche Zeichen. Er prahlt mit Frauengeschichten. Er isst lieber auf einem freien Platz als an einem Tisch.
Alfonso kann nicht stillsitzen.
„Alfonso verachtet mich. Er lässt sich nicht zu einem passablen Burschen erziehen. Er will sein eigener Zeitgenosse sein.“
„Überall lauern Jesuiten und gucken, was ich mache.“
Die Allgegenwart der Jesuiten verstimmt Blattschneider. Der Orden ist für ihn so gut wie des Teufels. Dass der Islam nach der Reconquista getarnt in Spanien blieb, weiß Protestant Blattschneider außerdem ganz genau. Der Islam hat sich lediglich einen katholischen Mantel angezogen. Gepflogenheiten „bekehrter Mauren und christlicher Juden“ bieten nur die Ansicht einer Eisbergspitze.
Und so fort. Ob Muslim, Katholik, Moriske oder Marrane: ist doch alles nix, fragt man den Blattschneider. Dessen Verfolgung ist groß angelegt, die Jesuiten sehen in dem Deutschen Ärgeres noch als einen Spion. Blattschneider reist ab nach Ibarra, wo ihm ungelernte Hilfskräfte der Ordenspolizei offen folgen. Die personelle Peripherie wird zur Gewohnheit. Alfonso dreht den Missratenen lange Nasen, er pisst auf ihre Sandalen, Blattschneider kümmert sich gar nicht mehr um das Gesindel.
Jeder kirchliche Feiertag wird zum rauschenden Vergnügen hochgejazzt. Priester bemühen sich um Eindämmung hochländischer Trinkfreude. Trink- und Tanzspiele so wie Ringkämpfe werden leidenschaftlich betrieben. Jeder Andacht folgt ein Wochenmarkt mit Zurschaustellungen. Das Angebot ist bescheiden, Monstrosität Mangelware. Die Freakshows haben keine Stars. Man ist froh, wenn man einen Wolfsmenschen zu sehen kriegt. Alfonso nutzt die Belustigungen, um Bekanntschaften zu machen. Er setzt Blattschneider als Attraktion ein.
Erdstöße kommen vor, die sich in keinem Hund angekündigt haben. Das macht den Leuten Angst. Sie haben alle einen Aberglauben (behauptet Blattschneider an einer Stelle). An anderer Stelle behauptet er: „Man kann dem Indianer einen größeren Schimpf nicht antun, als ihm zu sagen, er sei gar kein Christ. Aus den entlegensten Winkeln bringen die Leute ihre Kinder zur Taufe. An der Kommunion haben sie aber kein Interesse. Sie leben und sterben ohne Beichte. Ihren Toten stellen sie eine Speise als Reiseproviant hin.
In ihren Dörfern halten sie Erinnerungen an die Vertreibung und Ermordung früher Missionare mit Erzählungen wach. Es gibt eine indianische Traditionslinie des Ressentiments gegen die Agenturen ihrer Unterdrückung. Man neigt zu Umdeutungen christlicher Grundsätze.
Nichts vermag die Trägheit dieser Leute zu vermindern.
Der Indianer fürchtet die Rache von Tieren, die er getötet hat oder die in seiner Gegenwart getötet wurden.
Sie verwahren alles in einer Hütte, Saatgut, Fischgerät und Haustiere.
Sie trinken den ganzen Tag.
...
Man sieht viele traurige Gesichter, ich kann für Kummer aber keinen Grund erkennen.“
Es herrscht Melancholie im Oriente. So heißt die Gegend von Ecuador, in der Blattschneider mit seinem Begleiter unterwegs ist.
Es herrscht ein Jauchzen und Springen, „der Indianer (liebt) außerordentlich den Wechsel und die Veränderung.“
Blattschneider schüttelt die zu seiner Verfolgung bestellte Bande im Wald ab, wo der Indianer zwischen drei Hütten pendelt. Plötzlich steckt nicht mehr alles in einer, nein, plötzlich ist das Paradies unweit und der Indianer hat eine Hütte für den Besuch, eine für seine Vorräte und noch eine ist dann seine „eigentliche Behausung.“
Ich werde bloß ausführlich, um zu zeigen, was Beobachtungen auf einem Sattel der Unkenntnis und des Vorurteils wert sind. Aus Falschem kann man alles schließen. Es muss nur der erste Satz falsch sein und schon kollabiert die Ableitung.
Blattschneiders erste Sätze stimmen nicht. Sie rauschen so vor sich hin, „während die Frauen die Speisen und Getränke bereiten, besorgen die Männer die Jagd“.
Blattschneider stellt keine Verbindung her zu der kaum älteren Feststellung: „Der Indianer fürchtet die Rache von Tieren, die er getötet hat oder die in seiner Gegenwart getötet wurden.“
Es ist immer nur von dem Indianer die Rede, der Indianer fürchtet die Rache der Tiere, der Indianer geht auf die Jagd, seine Frau hat ihm ein gutes Frühstück mit auf den Weg gegeben. Keine Arbeit nimmt viel Zeit in Anspruch, in der Freizeit geht der Indianer von einer Hütte zur nächsten und „tötet die Zeit“ mit Trommeln und Pfeifen.
Morgen mehr.
11:46 10.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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