Hessenmeister CXXXVI

Kassel Die Jesuiten erachteten den Kaziken als Beamten, der ihrem Belieben unterstand
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Am Atlantik
Bildnachweis: Texas Team Tuschick
„Im Allgemeinen lebt der Indianer sehr einfach“, meldet Blattschneider im August 1837. „Ihn ernährt die Banane und ein süßer Kartoffelbrei.“
Blattschneider bereist das Amazonastiefland, seine Beobachtungen macht er auf dem Territorium der Huaorani. Er rechnet den Stamm grundlos einem größeren Volk zu. Gelegentlich spricht Blattschneider vom „Napo-Indianer“. Napo heißt ein Fluss in der Gegend seiner Irrtümer. Huaorani pendeln zwischen Ecuador und Peru. Dem Ehrengast und seinem Bademeister Alfonso zeigt man Trophäen.
Der Offenbacher Ethnologe schildert die Huaorani als Feiervolk. Blattschneider mäkelt: „Vorratshaltung kennen sie nicht. In den Haupthütten leben Familien zusammen. Da die Hütten nur eine Abteilung haben, häufen sich im nämlichen Raum diverse Ehepaare, halb und ganz erwachsene Jünglinge, Jungfrauen, Knaben und Mädchen. Eine Absonderung der Unverheirateten von den Verheirateten findet nicht statt.
An anständige Kleidung ist nicht zu denken.“
Die „Wilden“ machen einen verwilderten Eindruck auf Blattschneider.
„Anderen Indianern wurde das Gesetz gegeben, wenigstens eine Schürze aus Blättern zu tragen.“
Die Huaorani haben ihre eigenen Gesetze. Sie sind einander in Blutfehden zugetan, die Männer behalten ihre Speere in Reichweite.
„Fremden begegnen sie mit mordbereiter Gleichgültigkeit“, behauptet Blattschneider. Ihm und Alfonso krümmen sie trotzdem kein Haar. Sie kennen ein geistiges Getränk, gewonnen von der Puca. Sie kochen und rühren Blätter zu Brei und setzen der Masse ihren Speichel zu, um die Gärung anzuregen.
„Sie kauen den Brei und spucken ihn in Krüge. Mehr Drogen haben sie nicht.“
Wieder irrt Blattschneider. Die Huaorani machen Branntwein aus Bananen und Zuckerrohr. Sie reisen auf dem Napo und besuchen Inseln im Strom. Nie übernachten sie unter freiem Himmel, stets werden Unterstände aufgebaut und die Einrichtung aus den Kanus geholt.
Blattschneider bewundert Handfertigkeiten, seine Perspektive antizipiert ethno-fantastische Redundanz. Oft steht er ratlos vor einem Geschehen. Er tendiert zu der Ansicht, die Weisheit mit Löffeln gefressen zu haben und vermutet den Stein des Weisen in Offenbach.
Am Rio Napo ist alles anders als in Offenbach. Blattschneider stellt fest: „Schon die Kinder beweisen außerordentliche Kraft und Ausdauer, wenn es gilt, den breiten, manchmal reißenden Fluß zu durchschwimmen. Sie machen sich einen Sport daraus, obwohl sie Bewegung sonst nur mit Nützlichem verbinden.“
Blattschneider erkennt, dass der Urwald keine Überflussgesellschaft hervorbringt. Schließlich zieht es ihn in die Berge, er spricht von „basaler Unlust“ und „einer bedenklichen Lethargie“ bei seinem Alfonso. Die Reisenden sind Vormünder einander für. Wo Alfonso die Nase vorn hat, nutzt Blattschneider die Chancen fremder Überlegenheit. Alfonso führt ihn in ein verschneites Gebiet, wo es keine Durchgänge gibt, so sie nicht von Wasserkraft in den Felsen gesprengt wurden. Die Seilschaft übersteigt Eisfelder und gelangt tatsächlich zum Papallacta-Pass, wo sie in einer Köhlerklause willkommen ist.
Blattschneider notiert „ein armes Obdach“, deprimiert von einer „Indianerfamilie“. Der Autor ist „erkältet“. Die Gastgeberin ist ein „herkulisches, vom Ruß schwarzes Weib mit fliehendem Kinn.“
Blattschneider fällt über die Bleibe her - „elende Baracke du/ ohne Türen und Kamin/ allen Winden offen.“
Kein Tisch, kein Stuhl, kein Bett. Hunde halten Wache gegen Wölfe, die nachts in den Pass schleichen.
Alles rückt und macht Platz. Die Gastfreundschaft grenzt an Raserei. Blattschneider fragt:
„Leute, warum baut ihr keine ordentliche Hütte?“
Das nenne ich Takt.
„Ja, freilich“, entgegnete das Oberhaupt, „ein Männchen“, so Blattschneider, „von greisen-kindlichem Format“, „hinge es nur von uns ab, wollten wir uns längst einen schmucken Bungalow neben die private Therme gesetzt haben. Doch gehört uns die Luft nicht zum Atmen und kein Fuder Holz, den man hier zusammenschlagen könnte.“
Leibeigenschaft herrscht auf dem Berg. Jeder Vogel baut sich sein Nest wie er will, aber der Mensch hat es geschafft, die Natur zu hintergehen.
„Wo wohnt denn euer Herr?“
„Ach, der wohnt weit weg und sieht uns nie. Doch hat er einen Jäger, der auf uns mit der Knute achtet.“
Nach den Begriffen der Zeit lebt die Köhlersippe „unter Weißen“. Zwar abgeschieden von -, aber noch viel abgeschiedener von „wilden Indianern“. Blattschneider: „Diese zivilisierten Indianer sind eine tief gesunkene, verachtete Rasse. Auch, wo es gegen das Gesetz ist, ist der Indianer Sklave, eine Ware, die man kauft, verschachert, vererbt oder einem zahlungsunfähigen Schuldner abnimmt.“
Der Indianer kann sich auch selbst verkaufen, um von Schulden herunter zu kommen.
Die Leute am Pass sind fromm, ihr Gott ist verreist. Sobald er wieder da ist, wird gewiss alles gut.
Ich habe keine Lust mehr, das Unglück der Kolonisierten weiter auszumalen. Blattschneider reicht am nächsten Morgen ein Almosen, dann geht es weiter „auf einem endlos sich windenden und windigen Hohlweg“. Blattschneider besichtigt „Heilquellen“.
Als Nächstes lobt er regelmäßige Gesichtszüge und erkennt, dass die Indigenen in dem Grad nicht entwurzelt sind, in dem sie Abstand halten zur Zivilisation. Es gibt Indianer, weiß Blattschneider, deren natürliches Misstrauen gegenüber Weißen von der christlichen Religion nicht aufgehoben werden kann. Sie bleiben bei ihrem alten Glauben und gehorchen Priestern nur zum Schein.
Blattschneider klagt über Moskitos, der Protestant übernimmt ein katholisches Motto, das in diesem fernen Osten unter Missionaren kursiert: Sursum corda. Missionare sehen den Deutschen nicht gern in dem schwierigen Gelände. Die Wirkungen ihrer Sendung führen seit Jahrhunderten zu Szenen wie in einem failed state.
Überall ist nach Gold gegraben worden. Leute verbergen sich in aufgegebenen Stollen. Manche sind wilder als „die Wilden“.
Vereinzelt erinnern Avocado- und Zimtbäume an Plantagen, die nach Überfällen aufgegeben wurden.
Die Reisenden verlieren ihre Pferde. Der Unfall wird zum Segen in Anbetracht einer überwältigenden Natur. Je beschwerlicher die Reise, umso azuriger die Flügelfarbe von Schmetterlingen. Ein Fluss rauscht wie ein Siegeszug durch eine lachende Landschaft. Eine natürliche Allee gestattet es, einen grünen Triumphbogen zu unterschreiten. Alles ist herrlich, das peinliche Gefühl des Hungers entreißt Blattschneider seinen Schwelgereien. Doch gibt es nichts und die Pferde sind hin. Ausgesprochen träge Typen hängen in Blattschneiders Nähe ab. Sie sehen nicht hilfsbereit aus. Besser, man spricht sie nicht an.
Alfonso verschwindet spurlos. Blattschneider hält sich an seinen Beobachtungen fest, nur fest schlafen, das geht nicht mehr. Alfonsos Bedeutung wächst in seiner Abwesenheit. Er war ein guter Kamerad und der Teddybär zum Einschlafen.
Halb betäubt schwankt Blattschneider auf eine Lichtung zu und erstarrt, bevor er sie erreicht. „Dürftig bekleidete Wilde taten etwas, das ich zuerst für rituell hielt. Sie imitierten Tierstimmen.“
Blattschneider unterscheidet den Schrei des --- vom Glucksen der Truthennen. Bald tobt auf der Lichtung der Bär.
Die näheren Umstände der Normalisierung seiner Lage, verschweigt Blattschneider. Plötzlich ist er obenauf, das Land flacht ab, die Flora wird immer noch berauschender. Dornen allein hindern den Weg des Reisenden; das Beil zur Hand, bringt er sich weiter. Er tötet jede Schlange auf seiner Strecke, wie er es von den Huaorani gelernt hat.
„Kleine Schlangen fürchten die Huaorani mehr als große, da man sie leicht übersehen kann. Jede zu töten, ist Dienst an der Gemeinschaft, denn da, wo man selbst nicht gebissen wird, kann es den nächsten treffen.“
Blattschneider erreicht Pfahlbauten. So sieht Zivilisation aus – Kloster, Kirche, Zuckerrohr und Pfahlbauten. Blattschneider ist so über jeden Punkt, dass ihm die katholische Gesellschaft recht ist, nur weil die Ordensmänner „gebildete Menschen“ sind.
„Kinder bestaunten mich, ich vermisste eine oft beobachtete Scheu vor Weißen.“
Um nicht für schwerste Irritationen zu sorgen, besucht Blattschneider die Messe. Man erwartet, dass er der Farce mit zügiger Abreise ein rasches Ende bereitet.
„In der ersten Reihe saß der Kazike* mit seinem Hauptmann. Beide waren von Kopf bis Fuß gemustert.“
Nach der Andacht stürzen die „getauften Wilden“ in den Wald, ohne dass ein Grund für die Eile erkennbar wäre. Ein Jesuit verfolgt Blattschneider. Er sagt: „Ihr seht ein, dass wir Euch nicht behalten können. Es ist schon so schwer genug, die Leute an ein gesittetes Leben zu gewöhnen.“
*Die Jesuiten erachteten den Kaziken als Beamten, der ihrem Belieben unterstand. Dieser Bedeutungsarmut stand ein extrem hohes Ansehen im Stamm entgegen. Der Kazike konnte jederzeit und ohne Diskussion einen Angriff auf die Missionsstation veranlassen. Die Missionare hatten es nach ihren Begriffen mit einem unberechenbaren Kind zu tun, dem sie seine Verfügbarkeit gern deutlicher vor Augen führen wollten, als die Umstände es ratsam erscheinen ließen.
Morgen mehr.
13:20 11.01.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare