Hessenmeister CXXXVII

Chile Bismarck: „Chile hat ein gewisses Anrecht auf die Anteilnahme Deutschlands, finden sich doch aus alle Gauen unseres Vaterlandes Auswanderer da.“
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Weihnachten 2015

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

Was zuvor geschah.

Halb tot, doch gut gelaunt erreicht der Offenbacher Reiseschriftsteller und Hobbyornithologe Willi Sibelius Blattschneider eine Missionsstation im Oriente von Ecuador. Die Missionare trotzen ihrer von Misstrauen gekrönten Abneigung eine notdürftige Gastfreundschaft ab. Der deutsche Protestant steht ihnen ferner als alle „Heiden“, einschließlich der getauften. Umgekehrt verhält es sich ärger. Blattschneider findet jedes Ding auf der Station „grob zusammengehauen“. Ihn stört die gestauchte Virilität seines Aufsehers. Jorge Salamanca ist ein im Ernst lodernder, monoton vollblütiger Mann. Der geborene Inquisitor. Die dramatische Erscheinung passt für Blattschneider aber nur zu einer Reisetheatergruppe ohne Pferd. Die ursprüngliche, von den Missionaren agitierte und zu regelmäßiger Arbeit im Zustand der Vollbekleidung angehaltene Bevölkerung nennt Blattschneider furchtsam. Im Vergleich zu den Huaorani stimmt das. Doch haben die Leute vielmehr ihren Mut als ihre Wildheit verloren. Unbewaffnet sich ihnen anzuvertrauen, ist immer unklug. Dreihundert Jahre Misshandlung machen ihren Auftritt schwerfällig. Ihre Ausbrüche sind aber fürchterlich.
Der Jesuit führt den Fremden in die Asservatenkammer. Sie bewahrt den Kriegsschmuck Bekehrter. Es ist keine hundert Jahre her, dass die letzten Einheimischen in einem Ornat aus Eidechsenhaut und Kaninchenfell unterwegs waren.
Was konnte sie mäßigen?
Weiter geht es so.
„Die Wilden bleiben große Kinder in allem“, sagt Salamanca.
Blattschneider ignoriert den Jesuiten. Er nimmt eine frische Arbeit näher in Augenschein. Die Sache unterscheidet sich unheimlich von älteren Beispielen archaischen Kunstgewerbes.
„Sind das Zähne eines Menschen?“ fragt Blattschneider.
„Einige darf man wohl dafür halten“, erwidert der Experte.
„Es ist nämlich so, dass ich meinen Burschen verloren habe in der Wildnis. Er ist mir einfach abhanden gekommen.“
„Das passiert so selten nicht“, erklärt Salamanca zu Blattschneiders Beruhigung. Er bittet den Gast, ihn zu begleiten. Es könnte ihn belustigen, die Angelegenheit aufzuklären.
Wieder brechen Blattschneiders Aufzeichnungen ab. Die Datierungen sind lückenhaft, Manipulationen am Manuskript nicht erkennbar. In Begleitung des im Busch aufgetriebenen Burschen Fierro besucht Blattschneider „Indianer“, die wieder ganz anders sind als die Betschwestern in der Urwaldstation.
„Alles zeugt von Ungestüm und einer Liebe zum Streit, die Haltung, der Schritt, die Lanze, die sie nie aus der Hand geben und im Gespräch schwingen oder auf den Boden stoßen.“
Angeblich sind sie so wegen „ewiger Nachstellungen“ der „heidnischen Jibaros“.
Blattschneider sieht Krieger, die mit Regenschirmen und Krawatten bewaffnet sind. Dem Zivilisationskram wird Zauberkraft zugeschrieben.
Blattschneider: „Die Hütte des Salucca-Indianers ist typischerweise ganz zur Verteidigung eingerichtet. Neben dem Lager stehen Lanzen, mit giftigen Pfeilen gut gefüllte Köcher und Sarbacane, deren Mundstücke ebenso zu Klarinetten gehören könnten. Der Salucca lebt im Entsetzen vor dem Jibaro. Der Jibaro mordet, um zu morden. Findet er keinen Christen, fällt er die eigenen Leute an. Ist sonst nichts da, nimmt er eine seiner Frauen, um seinen Blutdurst zu stillen. Seine Familie ist eine Pflanzschule sämtlicher Laster. … In dieser verpesteten Atmosphäre wird ein Heranwachsender zwangsläufig zum Zeugen jeder Gemeinheit. Es lernt die Mutter zu verachten. … Von der Arbeit kommt der Vater mit den Schädeln Erschlagener. Sofort kehrt wahnsinnige Freude in der Hütte ein, die Gattinnen stürzen zu den Trophäen, um sie anzuspucken. In die Verhöhnung steigern sie sich hinein, bis sie ganz von Sinnen sind und auseinander getrieben werden müssen, dass sie sich gegenseitig nicht zu sehr verletzen. Mit dem Veitstanz versuchen sie ihrem Versorger zu gefallen und unter den vielen Konkurrentinnen hervorzustechen.
Sie häuten ihre Feinde und nutzen die Häute für Handtaschen, Tabakbeutel und Muschelgeldbörsen. Über Krieg und Frieden entscheidet die Wahrsagung eines berauschten (halluzinierenden) Kaziken. Was er sieht in seinem Fieber nimmt der Stamm für bare Münze.“
Blattschneider findet von Wurzeln in die Luft gehobene Ruinen, die auf Städte eines namenlosen Volkes verweisen. Lange vor den Inkas kolonialisierte es den Urwald. Blattschneider hält die Jibaros für degenerierte Nachkommen der Bauherren.
Was fehlte den Altvorderen zum anhaltenden Erfolg?
Erst als er sich in Sicherheit weiß, gesteht sich Blattschneider ein, wochenlang auf der Flucht gewesen zu sein. An Alfonso denkt er nicht mehr. Aus einer Laune schickt er Alfonsos Nachfolger fort. Allein entdeckt er den Tropf der Welt.
„Kein Land auf Erden muss sich so ungeliebt wie Feuerland fühlen.“
Ein klassischer Blattschneider. Berge bedauern, dass sie kahl sind. Außerdem ist ihnen kalt. Da das Klima außerordentlich rau ist, sind rau auch die „Wilden“.
„Man zählt den Feuerländer zu den am tiefsten stehenden Menschen. Er leidet an entzündeten Augen. Er lebt von Schwämmen und wildem Sellerie. Fischen beißt er ein Loch in den Kopf und isst sie roh mit Stumpf und Stiel. Er hüllt sich in schmutzige Seehundfelle, die Felle dienen ihm auch als Segel. Don Boscos Missionare bemühen sich sehr um diese Versprengten der Menschheit.“
*
Jahre nach den lateinamerikanischen Auswüchsen des Offenbacher Botanikers William Seward Blattschneider trifft Friedrich von Zierenberg Bismarck in Kassel. Vor einem Kamin im Schloss Wilhelmshöhe bittet der Reichskanzler den Sonderbotschafter um die Sondierung der deutschen Lage in Chile.
Bismarck: „Chile hat ein gewisses Anrecht auf die Anteilnahme Deutschlands, finden sich doch aus alle Gauen unseres Vaterlandes Auswanderer da.“
Bismarck koloriert das „Unheil leichtfertiger Auswanderung“, Zierenberg verprellt einen antipreußischen Affekt. Nicht jetzt. Bismarck hat gegen den erbitterten Widerstand nicht zuletzt der Brüder Grimm Hessen an Preußen gebunden, nur Kassel bewahrte sich die Freiheit in einem Bündnis mit Texas. Zierenberg verspricht der Bitte zu entsprechen, obwohl alle Agenten, die in Deutschland Kolonisten für Chile anwerben von katholischen Kreisen gesteuert werden. Im Zuge der Reisevorbereitungen wird Zierenberg in Berlin erwartet. Er fährt in Potsdam vor, plötzlich heißt es an höchster Stelle, Chile muss vorerst selbst sehen, wo es bleibt. Man braucht Zierenberg auf den Falklandinseln. Frankreich hat die Inselgruppe England überlassen, Nordamerika und Argentinien sind interessant.
Ein Sund trennt die Hauptinseln.
Morgen mehr.
11:01 12.01.2016
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