Hessenmeister CXXXVIII

Río de la Plata Als Juan Díaz de Solís 1515 sein Schiff in eine Riesenbucht steuerte, glaubte er die Wasserstraße seines Ruhms erreicht zu haben. „Entdeckt“ hatte er den Río de la Plata
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Kaum aber hatte er den Fuß auf Land gesetzt, fingen die wilden, das Ufer verrödelnden Charrúas hinterlistig den Unglücklichen. Sie brieten und aßen ihn vor den Augen der in einer Schaluppe in vorläufiger Sicherheit zurückgebliebenen Gefährten.

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Bildnachweis: Texas Team Tuschick

„Englishmen, come on shore.“
Vor Anbruch des Tages ließ der alte Kapitän Krömer Boote ausrüsten und besetzen. Er unterstellte die Abordnung Friedrich von Zierenberg, während die Leute am Strand nicht müde wurden, „Englishmen, come on shore“ zu rufen. Bald stellte sich heraus, dass sie mehr „in einer zivilisierten Sprache nicht zu sagen wussten“. (Cornelius Kammschneider) Zierenberg hatte Araukaner vor sich. Sie überragten und übertrafen in ihrer männlichen Wirkung jeden Matrosen, ohne martialisch zu wirken. Die Delegation schlossen sie in einen Kreis des Vergnügens. Dies geschah in dringender Erwartung von Geschenken. Zierenberg verteilte Spiegel und Bänder. Mit Tand wollte er einen Tauschhandel auslösen. Er präsentierte eine Säge und deutete gleichzeitig auf eine Jagdstrecke. An einem Handel waren die Wildbeuter aber nicht interessiert. Sie wollten auch das Werkzeug für umme.
Die Patagonier unterschieden sich von allen Indigenen, die Zierenberg gesehen hatte. Sie zeigten keine Mangelerscheinungen. Sie strotzten. Kein Übermächtiger führte sie.
Sie trugen Lederstrümpfe. Ihre Hauptwaffe war die „Bola“. Zierenberg begehrte einen Beweis der Jagdgeschicklichkeit, man gehorchte gutmütig, als er zackig zum Wettbewerb rief. Zierenberg notierte: „Die Schleuder ist ein einfaches Ding. Zwei in Beuteln verwahrte Steine sind mit einem Riemen verbunden. Der Jäger nimmt einen Stein zur Hand und schwingt den anderen Stein am Riemen erst über dem Kopf. Dann schnellt er die Waffe im Ganzen nach einem Gegenstand.
Meine Araukaner trafen gut. Man sah keine Anstrengung oder besondere Konzentration. Fehlwürfe fanden wenig Beachtung. Versager wurden keinem Hohn ausgesetzt und von Peinlichkeit nicht belästigt.
Kein Matrose vermochte auch nur einen Treffer mit der Schleuder zu erzielen. Die europäische Ungeschicklichkeit schrie zum Himmel. Sie erinnerte an entsprechende Bemerkungen von Dumont d’Urville.“
Zierenberg schickte die Matrosen zum Schiff und nahm selbst vorauseilend den Weg zum Lager, das Rauch anzeigte. Der Sonderbotschafter des Deutschen Reichs ließ die Leute tragen, was ihre Willfährigkeit versprach, Rauch- und Kautabak, Zwieback, Spiegel, Nützliches und Gelersch, ferner Branntwein. Die Frauen empfingen ihn ohne Lärm. Ihre Plagen standen Spalier vor ordentlich gesetzten Zelten und hielten Hunde dazu an, still zu staunen.
Zierenberg erlaubte seine Bewirtung in der Unterkunft eines Stammesfürsten. Offenbar war die Herrscherfamilie verzweigt oder zerzaust.
Die Arbeit blieb den Frauen, die Männer leisteten keine Hilfe. Das hatte Zierenberg schon in anderen Kulturen und namhaften Naturvolksgemeinschaften beobachtet.
„Die patagonische Frau schminkt sich mit Ocker und Kohle. Sie nutzt Fett und Mark des Guanaco zur Verbesserung ihrer Haut.“
„Es ist keine Freude, diesen Leuten beim Essen zuzusehen. Sie schlingen halb und ganz rohes Fleisch mit unverstellter Gier.“
„Die Patagonier zeigen keine Neigung, Krieg zu führen. Kommt es zum Streit, bietet jede Partei hundert Reiter auf, die nach dem ersten Ausfall den Rückzug antreten. Ein Toter und schon ist Frieden. Jeder Frieden wird mit einem Fest gefeiert.“
„Stirbt ein Mann hebt ein schreckliches Geschrei an. Man tut den Leichnam in einen Mantel und tötet die Hunde und Pferde des Verstorbenen. Seinen Besitz verbrennt man auf dem Grab.“
*
Mit Amerika hatte man nicht gerechnet. Der Kontinent lag einer überkommenen Vorstellung von Welt & Handel im Weg. Nachdem klar geworden war, dass Kolumbus nicht in Westindien gestrandet war, erwarteten Kapitäne auf großer Fahrt im Geleit der Naturschauspiele einen Durchgang zum Pazifik zu entdecken.
Noch mal. Zwischen dem Start (Spanien/Portugal) und dem Ziel (den Gewürzinseln (Molukken)) war nicht nur viel mehr Wasser, sondern auch viel mehr Land als erwartet. Als nun Juan Díaz de Solís nach einer Liebespleite an Melancholie erkrankt 1515 sein Schiff in eine Riesenbucht der südlichen Ostküste Amerikas steuerte, glaubte er die Wasserstraße seines Ruhms erreicht zu haben. „Entdeckt“ hatte er den Río de la Plata: ein Mündungsbecken. Überlebende der Mannschaft nannten die Gegend in ihren Erinnerungen „ungastlich“. Die örtliche Bürgerwehr begrüßte Solís. Das überlebte der Besucher nicht. Blattschneider macht daraus eine Oper:
„Mit dem Stolz des Entdeckers gab Solís dem Fluss seinen Namen: Río de Solís. Kaum aber hatte er den Fuß auf Land gesetzt, fingen die wilden, das Ufer verrödelnden Charrúas hinterlistig den Unglücklichen. Sie brieten und aßen ihn vor den Augen der in einer Schaluppe in vorläufiger Sicherheit zurückgebliebenen Gefährten. Irritiert überließ die führerlose Flotte das unfreundliche Ufer seinem Schicksal.“
Blattschneider ignoriert, dass Solís nicht in der Einsamkeit des versprengten Spießbratens starb. Mit ihm starben sein Führungsstab und der Liebeskummer.
Zu jener Zeit wollten alle dahin, wo der Pfeffer wächst – hin zu den Gewürzinseln. Weiterhin richteten sich königliche Erwartungen auf den „Seeweg nach Indien“. Kapitäne erkundeten die südamerikanische Ostküstenlinie mit dem Ziel, eine Passage zum Pazifik zu finden. Die monumentale Mündung hieß noch Solís-Fluss, als Sebastian Cabot sie zum Ankerplatz bestimmte. Er verbrauchte das Holz von zwei Schiffen für ein Fort, dann stürzte er sich in die Erkundung des Uruguay, mit der Hoffnung, der Uruguay gestatte den Durchgang vom Atlantik zum Stillen Ozean. Milizen zwangen Cabot in sein Fort, beleidigt schlug er die Tür hinter sich zu. Er fühlte sich unverstanden von den ebenso bornierten wie rückständigen Hinterwäldlern. Cabot folgte dann dem Zwillingsstrom des Uruguay. Ich rede vom Río Paraná. In die Gegend von Cara-Cara (heute Río Tercero) stellte Cabot vorausschauend das nächste Fort. Der Festungsbau zog die Stämme der Umgebung zusammen, die Spanier waren so exotisch wie Aliens auf einer Lichtung. Da kommen Blechkameraden in den Wald und bauen erst einmal einen Riesenzaun um ihre Scheißhäuser. Wie verrückt sind die denn.
Wieder tauschten die Einheimischen Gold und Silber gegen Abfall. Cabot vermutete Eldorado direkt vor der Palisade. Den Solís-Fluss“ benannte er in Rio de la Plata (Silberfluss) um. Das war ein Propagandacoup. Indem Cabot sich beeilte, in Spanien Erwartungen hochzuschrauben, machte er „die Welt um eine Täuschung reicher“. (C. Kammschneider)
*
Alter Adel versus neues Geld. Der im Konquistadorenblutrausch abgestaubte Raubritter- und Aufsteigerreichtum verschob in Spanien die Gewichte. Sprösslinge großartiger Familien kriegten Konkurrenz von Hinz und Gerd. Schröder von Reinigungskräften spielten plötzlich mit. Neue Allianzen boten sich an. So verstehe ich die Verbindung zwischen Cabot und Pedro de Mendoza. Zierenberg bezeichnet Mendoza als „reich“, Thunderbolt nennt ihn „den reichen Oberschenk von dem König da“. Coogan: „Mendoza war dem König angenehm.“ W. Grimm: „Sein Gruß kam einer Beförderung gleich.“
Ich sage das noch mal ganz bewusst, Mendoza war Oberschenk der spanischen Krone. Der konnte mühelos eine eigene Flotte auf des Meeres Grund schicken, das war kein Beinbruch für einen Oberschenk. Am 24. August 1534 spuckte Mendoza zum letzten Mal in das Hafenbecken von Sevilla. Er startete mit vierzehn „stolzen Gallionen“ (Kammschneider) und hundertfünfzig Deutschen (und Holländern) an Bord. Insgesamt brachte Mendoza zweiundsiebzig Pferde und die Blüte seines Landes in die Neue Welt und einen schon auf der Reise um die Ecke. Mit ihm fuhren zweiunddreißig Mayorazgo – blanker Uradel. Neue Vermögen setzten die Superaristokraten unter Druck. Da wäre mancher lieber zuhause geblieben und hätte von zu viel Förmlichkeit Abstand in der Inkognitobar „Zum roten Papagei“ genommen.
Mendoza hatte einen Freibrief. Ihm waren Länder versprochen. Er lebte mit der Aussicht auf Prämien „für jeden erschlagenen oder ergriffenen Kaziken.
Der Neid segelte mit. Achtzehn Missionare und dreitausend gemeine Männer zählte zudem der Zug. Ein Sturm zerstreute die Schiffe.
Morgen mehr.
10:53 13.01.2016
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