Hessenmeister I

Ugly Casting Von "leicht schräg" bis "ein bisschen witzig"
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Im Vorderhaus war ein Lokal für fünfunddreißigjährige Bringer. Verbrauchte Broker schrien ihren Siegeswillen heraus. Ihr Sport war Rugby. Manchen reichte es mit der Trainingstasche in die Kneipe zu kommen.

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Für dauerhaft galten kurze Fristen. Wer zwölf Monate durchgehalten hatte, kriegte einen Traditionswimpel ins Fenster gestellt, das war Haukes fünfte Nebenbeschäftigung. Hauptberuflich war sie blonder Engel der Malteser, gab Methadon ab und nahm Urinproben an. Sie arbeitete in der sagenhaften Burg, machte ein paar Massagen nebenher, schob den Dienst der Aufsicht über die Dinosaurier im Senckenberg Museum, half im Altenheim und verteilte die Traditionswimpel von Unsere Stadt soll schöner werden und Einkaufen im Kiez. Die Vereine gaben Rabattmarkenhefte aus, das war der letzte Schrei im verröchelnden Jahrtausend. Rabattmarken waren todschick. Der geilste Schnickschnack. Hauke stellte ihre Wimpel in unerzählbare Hipster-Schwemmen und Frisör-Stuben mit piefigem Pfiff. Sie platzierte Wimpel auf Umschlagplätzen für gebrauchte Tonträger. Ich war immer dabei, Hauke und ich klebten zusammen. Wir waren ein Paar, das keiner kapierte.

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In dem Hinterhof stand ein Bassin getarnt als Teich. Es gab das Klappstuhlensemble und den kaputten Grill und eine Begrünung, die im Herbst dramatisch rot zu werden versprach. Stefanie nahm den Wimpel von Hauke entgegen, sie gewährte uns ihre Gastfreundschaft. Vielleicht ging ihr Interesse an Hauke weiter als sie zuzugeben bereit gewesen wäre.

Steffi hatte sich auf schräge Sachen spezialisiert – Ugly Casting. Sie kam aus Bad Soden und war normal geblieben.

Steffi hakte nicht in die Luft, um etwas in Anführungszeichen zu setzen. Sie war privilegiert bis hin zu einer vornehmen Handschrift.

Im Vorderhaus war ein Lokal für fünfunddreißigjährige Bringer. Verbrauchte Broker schrien ihren Siegeswillen heraus. Ihr Sport war Rugby. Manchen reichte es mit der Trainingstasche in die Kneipe zu kommen.

In Steffis Studio stand ein Fahrrad. Die Leitungen lagen auf dem Putz. In Metallschränken verwahrte Steffi sechstausend Karteikarten. Sie rauchte am offenen Fenster eine exotische Marke. Die Zigarette roch nach Nelke. An der Pinnwand klemmten ein Yoga-Flugblatt und die Thai-Speisekarte.

Das Geschäft mit dem Foto, das sogar dich reich und berühmt machen konnte, übte enorme Anziehungskraft nicht nur auf die Siebzehnjährige aus, die keinen Zweifel daran hatte, dass ihr Karrriere-Glück in der nahen Zukunft wie in einem Überraschungsei steckte. Ein paar Gepiercte erwarteten den Kamerablitz stoisch im Vorraum.

Steffi nahm den Nachwuchs so mit, ihr Geschäft war viel mehr die Vermittlung von in Perückenbenutzung versierten Rentnerinnen mit Spaß an krauser Performance. Wichtig war Willie, Wirtin von Beruf und Darstellerin aus Passion. Typ Sägebrecht.

Willie galt als gut für schräg.

„Wollt ihr sie sehen?“ fragte Steffi. Sie wusste, dass ich Journalist war, sie würde die Gewissheiten ihrer Eltern vielleicht nie entbehren müssen.

Es gab Anfragen für leicht schräg und ein bisschen witzig.

Willie führte das Lokal im Vorderhaus, für den Traditionswimpel war sie zu lang im Geschäft. Sie kam aus ihrer Küche, eine glühende Brumme.

„Auf eine Zigarette“, sagte Willie. „Dann muss ich wieder.“

Steffi zeigte mir die Kartei eines kahlen Profi-Pantomimen.

„Der geht und kommt gut“, sagte Steffi. „So wie Willie.“

Willie hisste halbe Ärmel über den Oberarmen, die durchhingen wie ältere Schenkel mitunter.

„Warum fragst du mich nichts?“ fragte Willie. „Ich meine, weshalb bist du sonst hier?“

„Wir haben den Traditionswimpel von Unsere Stadt soll schöner werden und von Einkaufen im Kiez vorbeigebracht und sind hängengeblieben.“

„Du willst nicht über mich schreiben?“

Viel gebucht wurde ein junggeselliger Fliesenleger mit Familienvaterausstrahlung. Steffi beschrieb ihn als begnadeten Gesichtsgymnastiker. Ein Naturtalent der Lebensfreude.

Willie warf mir einen scharfen Blick zu.

„Ich schätze, du bist okay. Ihr kommt, wenn ihr hier fertig seid, zu mir ins Lokal. Sagt der Bedienung Bescheid, dass ihr es seid.“

Hauke nahm sich ungefragt eine Nelkenzigarette und verzog sich in die Idylle vor der Tür. Ein Assistent arbeitete die nächsten Topmodelle ab. Eine Karteikarte anzulegen, war leichter, als die Mädchen abzuwimmeln.

„Die verstehen das nicht. Dass es nicht um sie geht. Es geht nirgendwo um sie, aber das verstehen sie ja auch nicht“, sagte Hauke. „Erst strolchen sie zum Casting und dann sitzen sie bei mir in der Methadon-Vergabe. Unsere Kinder lassen wir erst gar nicht vor die Tür.“

Das klang wie ein Heiratsantrag.

Morgen mehr.

09:13 20.08.2015
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