Hessenmeister II

Ugly Casting I Steffis Karteikartensammlung war eine schier unerschöpfliche Ressource des Seltsamen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Das Nizza am Main

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/6c/Nizza-Ufer_Frankfurt_Oktober_2010.jpg/440px-Nizza-Ufer_Frankfurt_Oktober_2010.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Steffis Spezialität war die Vermittlung schräger Gesichter und Figuren an Fotografen und Werbeagenturen. Gesucht wurden „humane Formate“, die nicht im Traum auf die Idee gekommen wären, sich optisch wertvoll zu finden.

Wir sehen sie jeden Tag auf Straßen und im Fernseher. Nur hier sehe ich sie zu selten“, klagte Steffi.

Wir saßen vor der Agentur und genossen es, am Leben zu sein.

Steffi nahm Maß, die Luft brannte.

Der Assistent kam vor die Tür und sagte: „Puh, was'ne Affenhitze.“

Steffi scheuchte ihn zurück, fast gleichgültig. Sie entschuldigte sich für den „Trottel“. Andi sei „so unangemessen“.

Wir sahen die Schrägen jeden Tag in Spots, ohne daran zu denken, dass es in den Prozessen bis zur Publikationsreife einer Reklame immer einen Moment gab, in dem Berufskreative nach der waschmittelfesten B-Promimutti-Darstellerin oder einem schläfenschläfrigen Mann Mitte Vierzig riefen. Steffis Karteikartensammlung war eine schier unerschöpfliche Ressource des Seltsamen.

Steffi hatte zu internationalen Produktionen beigetragen. Sie beschrieb den Aufwand für einen Neunzigsekundenfilm, den jeder wegdrückte.

Hauke sagte: „Das ist doch Zuhälterei, was du treibst.“

Steffi war begeistert. Gleich morgen wollte sie sich zuhälterisch zurechtgemacht fotografieren lassen.

Du hast einen tollen Blick“, sagte Steffi blasiert.

Sie rief Andi, er sollte Karteikarten herbeischaffen und aus Willies Gaststätte einen Bembel vom Besten bringen. Inzwischen tranken die Bestien Caipirinha aus Bembeln.

Steffi kommentierte Karten: „Das ist die Anna. Die macht viel Wäsche.“

Das ist die Bella. Die ist totfotografiert. Mit der geht nichts mehr.“

In Steffis Sachlichkeit turnte Schickeriasadismus. Im letzten Jahr des Jahrtausends standen fähige Despotinnen hoch im Kurs. Man konnte viel Geld verdienen, wenn man den Nerv hatte, Leute in Clubs zu peitschen. Natürlich war gutes Aussehen eine Voraussetzung. Die Dompteure erwarteten ihre Kunden auf Decks.

Der Sommer Neunundneunzig war eine okkulte Großveranstaltung mit viel Sterndeuterei.

*

Wir waren über Nacht geblieben, Steffi hatte im Hinterhaus eine Wohnung. Nichts Spektakuläres. Nun beobachtete ich sie wieder im Dienst, während Hauke am Cityring den Süchtigen gefiel. Gegen neun erschien Schneewittchen. Es rauschte mit einem Kosmetikkoffer ins Bad. Viersprachig laut eigenen Angaben und einem ordentlichen Stand zugehörig, zeigte es eine verstörende Bereitschaft zur Kooperation mit der routiniert erniedrigenden Steffi. Den Ursprung der Verfügbarkeit, der wie ein Verstoß gegen die Natur erschien, vermutete ich in einem Hoffnungsschlund, in den ich nicht gucken wollte. Der klickenden Kamera schenkte Schneewittchen das Lächeln der Verliebten, da Steffi es von ihr forderte.

Willie kam verquollen vorbei, singende Engländer hatten sie fast die ganze Nacht auf Trab gehalten. Sie hätte die Kneipe einer Angestellten überlassen können, Schuld am Kater hatte eine Vorliebe für singende Engländer.

Wir setzten uns zum zweiten Frühstück. Ein Ring Fleischwurst musste daran glauben. Die Frauen hatten so viel zur Verfügung.

Eine Familie rückte an. Das Mädchen hatte sein Debüt in der Sparte Teil-Casting. Sie reüssierte mit einer Hand, die abgenagter Fingernägel wegen gebucht worden war.

Wie annoncierte man so was?

Ich fragte nicht. Im Teil-Casting lieferte Steffi neben kräftigen Unterarmen für das Titelbild eines Gewerkschaftsorgans vor allem Augen. Etwas „Selbstbewusst-Starkes“ in den Augen zu haben, konnte jemanden für einen „Augenjob“ qualifizieren.

Der Ernährer der Hand-Darstellerin erschien als vollbärtiger Jeansmann unter seiner Kappe. Seine Frau schob ihn auf den Schießplatz. Um Gestik gebeten, probierte er Steuerbewegungen. Nachdem die Familie gegangen war, analysierte Steffi in ihrer wie auf Seide ruhenden Kennerkühle: „Der taugt zum Angler, falls wir mal einen brauchen.“

*

Ich traf Hauke im Ostpark. Mit ihm hatte Gartenbaudirektor Karl Heicke den ersten echten Frankfurter Volkspark verwirklicht. Alle anderen Parks war übernommener Privatbesitz.

Mädchen übten American Football. Taschen markierten Torräume.

Hier wollte ich alt werden als einer der grauen, wampenstarken Männer, die bei jedem Wetter Bier am Wasserhäuschen tranken. Manchmal rollte ein Cadillac mit getönten Scheiben vors Häuschen, man konnte sicher sein, dass der Fahrer allen bekannt war.

Wir stellten uns auf die Schwedlerbrücke und sahen hin zum Ostbahnhof. Auf der Südlichen Zufuhr klopfte Annette Gloser Teppiche. (Später mehr dazu.)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/1/1c/Schwedlerbruecke_20042008.JPG/300px-Schwedlerbruecke_20042008.JPG

Bildnachweis: Wikipedia

Wir durchmaßen den Riederwald und das Enkheimer Ried und weilten noch im Huthpark. So lebten wir miteinander, Hauke und ich, im Stundenlang des Einvernehmens. Manchmal traf ich Hauke im Bethmannpark mit seinen Musterpflanzungen. Schon im frühen 19. Jahrhundert, als der Anlagenring seine Gestalt empfing, dachte man über die Fortsetzung der Begrünung entlang des Mainufers nach. 1860 wurde „das Nizza“ angelegt. (Dazu später mehr.)

Ich sagte gerade „Nizza“, Hauke war eine Fremde in Frankfurt, ich konnte ihr die ganze Stadt erzählen, ohne auf Widerstand zu stoßen. Gerade als ich „Nizza“ sagte, sah ich Wilhelm Genazino. Klar war, dass er keine Bodenunebenheit oder kaputte Plastikgabel auslassen konnte. Alles würde Text werden.

Ich unterbrach meinen Vortrag über die Gärten der Stadt und sagte zu Hauke:

„Guck ma, da ist der Genazino.“

Der Beschreibungsmonomane, der in seinem Leib wie in einer Kapsel unterwegs zu sein schien, bewies eine zärtliche Aufmerksamkeit für Einzelheiten eines unerheblichen Alltags. Fand er eine alte Reklametafel oder ein Lebensmittelgeschäft, das seit 1960 nicht mehr renoviert worden war, schnürte er jeden Tag daran vorbei und lutschte an dem Eindruck*.

Hoppla“, sagte ich, „so sieht man sich wieder.“

Der Schriftsteller qualifiziert sich in Einzelheiten“, entgegnete Genazino. An weitergespannten Perspektiven müsse gegenwärtig jeder scheitern, Politiker wie G. Grass bewiesen es allenthalben.

*Den das der urbanen Raserei entgangene Kleinod auf ihn machte wie an einem Vierfruchtbonbon.

Morgen mehr.

10:01 21.08.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare