Hessenmeister III

Ugly Casting II Haukes erster Coup
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Herbert Heckmann

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Bildnachweis: bad-vilbel-online.de

Peter Kurzeck hatte mehr Literaturpreise gewonnen als jeder andere. Inzwischen erfand man Preise für ihn. Unter seinem Schädeldach brannten die Reichsbahnhöfe noch. Der Krieg ging munter weiter in der Besenkammer seines Seins.

Ich traf Rumpelstilzchen, wie es sich die Hände rieb, in der HR-Kantine. Kurzeck war zum Abstauben bei Rosie Altenhofer von HR 2 Kultur im Haus. Er war ein Fall für Förderer. Er besaß das Talent in seiner Umgebung Großherzigkeit hervorzurufen. Einer, der in der Rolle des Hilfsbereiten nicht scheiterte, war Herbert Heckmann – Geburtsfrankfurter und Präsident der Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Er trug einen Kolossalkopf auf dem breiten Hals des in die Jahre gekommenen und den Fleischtöpfen ergebenen Athleten. Heckmann hatte geboxt und gerudert. Er kam aus dem Kuhwald, einer Ecke vor Nied. Die Frisur war wie mit Absicht nie ganz in Ordnung, der Mann im Ganzen ein Beispiel für handfeste Lässigkeit. Ansehen genoss er als Freizeitfleischer. Er sprach eine Mundart der Stadt, ob er nun Goethe zitierte oder die Rede von Wurst und Wein war. Man konnte mit ihm sehr gut über Wurst und Wein reden.

Heckmann gab S. Fischer den Vorzug. Da war was mit Suhrkamp über Kreuz. Geduldig wie ein Kaltblüter ließ sich Heckmann an unserem Tisch von armen Schreibleuten bequatschen, zu seinen Füßen lagerten Bücher in Säcken, Heckmann klapperte ständig Antiquariate ab. Die Beute würde von Frankfurt bis nach Bad Vilbel getragen werden. Heckmanns Bibliothek bedrohte die Statik seines Hauses.

Wir waren leidenschaftliche Fußgänger, schon hatten Kurzeck und ich den Plan gefasst, Heckmann nach Vilbel zu begleiten. Wir malten uns die Route aus, jeder Umweg war uns recht. Es herrschte Vorfreude.

„Ihr Süßen habt es gut“, sagte Rosie Altenhofer.

Rosie sagte „ihr Süßen“, das müsst ihr mir schon glauben.

Der große, dicke Heckmann, der kleine, dünne Kurzeck und der allerdings athletische Texas Tuschick zogen nun los, um bei Eschersheim die Nidda zu gewinnen. Ich machte mir einen Sport daraus, die Bücherbeute zu schleppen.

Heckmann seichte seine Frankfurterisch, Kurzeck knatterte sein Oberhessisch mit dem Romrod-R, da waren lauter Verträgliche beisammen. Wie sie so gemeinsam zur Nidda hin ausschritten, lief ihnen Hauke über den Weg. Meine Freundin Hauke aus dem Land der Hauken. Einer ihrer fünf Jobs hatte sie ins Gebiet unserer Begegnung geführt. Sie jubelte, als man ihr eröffnete, welchen Willens und Weges wir waren.

„Da kümm' ich doch gleich mit“, rief Hauke zur großen Freude der Schriftstellerschar.

Leise fügte sie an: „Der Kurzeck hat ein Gesicht für Steffi wie gemalt.“

*

Steffi hatte sich auf Ugly Casting spezialisiert, sie war formidabel im Geschäft. Wir führten Kurzeck zu Steffis Hinterhof-Agentur. Steffi war hellauf von Kurzecks verschrägter Flüchtlings- und Vertretervisage begeistert. Sie schickte den Assistenten Andi, damit er Willie herbei hole. Willie war nicht nur übergewichtiges Dessousmodell, sondern führte zudem eine Kneipe gleichen Namens im Vorderhaus – „Zum Willie“.

Im „Willie“ betranken sich vor allem Engländer, die gut im Job waren, jedoch kurz vor ihrem Verfallsdatum standen. Sie waren einmal Wunderkinder gewesen und wollten immer noch bewundert werden.

Willie war von Kurzeck entzückt.

„Super, dass ihr den Steffi gebracht hat“, sagte Willie und fasste mich nach ihrer Gewohnheit scharf ins Auge. Sie war ein weiblicher Stecher mit durchgreifendem Jagdtrieb.

Ich brachte Haukes Verdienst an, Hauke hatte das „Ugly“-Potential zuerst gesehen.

Steffi fragte Hauke unumwunden: „Willst du das nicht hauptberuflich machen und für mich Schrägis scouten?“

Haukes Blick bat mich um Rat.

Ich kniff ein Auge, ein Haukeauge kniff zurück. Das war Liebe.

Morgen mehr.


09:26 22.08.2015
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