Hessenmeister IV

Ugly Casting III Hauke trifft zum ersten Mal Peter Kuper und zwar im Club Voltaire
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Henry Jaeger

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Bildnachweis: ticinarte.ch

Katja Lange-Müller beherrschte die Kunst, beim Ausatmen von Rauch ihre Rede nicht unterbrechen zu müssen.

„Guck mal“, sagte ich zu Hauke im Club Voltaire, wo der ganze Haufen am langen Tisch saß, „was die kann.“

Lange-Müller war in den Neunzigern Stadtschreiberin gewesen, ich hatte ihr die Streuobstwiesen auf dem Berger Kamm gezeigt. Ich glaube, sie fand mich angenehm normal und schrieb mir sogar Postkarten. Von mir als Autor hielt sie wenig und damit nicht hinter dem Berg. Heute weiß ich, wie recht sie hatte. Damals dachte ich, die Katja hat doch keine Ahnung.

Birgit Vanderbeke war auch da, und Eva Demski. Demski gangelte mit einem Hünen … dunkle Brille/heller Mantel … der halb auf ihr lag.

Hauke fragte mich: „Ist das jetzt ein verrückter Lord oder kommt der vom Flohmarkt.“

Es sah so aus, als würde Demski ihn füttern.

„Das ist der Peter Kuper“, hörte ich mich sagen, „früher hat er Autos geklaut und später das Buch geschrieben.“

Das Buch kannte Hauke – „Hamlet“. Eine gute Geschichte von einem Seckbacher Buben, der die Gesellschaft zockender Metzgerssöhne und Metalldiebe der bürgerlichen Kulisse seiner Herkunft vorzog und mit Knast für seine Vorlieben zahlte. Gelegentlich kam er in den Genuss einer besonderen Gunst bei besonderen Frauen. Seinen Nom de guerre auf allen Pisten hatte er weg von einem geplatzten Statistenjob in einer Shakespeare-Inszenierung. Eine Sache des Scheiterns im Fritz Rémond Theater am Zoo.

Hamlet spielte eine größere Rolle auf den Bühnen des Nachtlebens, wo die Demimonde dem Mondänen begegnete. Er hatte etwas anzubieten, das gab es im Dutzend nicht billiger. Ein kompromissloser Kommunikationsstil sicherte ihm das Interesse jener gierigen Party-Society, die sich nach dem Krieg auf Rheinmain etabliert hatte.

Knast und Literatur – Für die Kombination war an erster Stelle Henry Jaeger zuständig. Jaeger war ein echter Bornheimer (Bernemer Bub) und Gangster mit eigener Bande gewesen, bevor er Großschriftsteller geworden war.

Wilhelm Genazino hatte bei „Pardon“ angefangen. Er lachte über die allgemein gewordene Forderung nach dem grandios die deutsche Vereinigung spiegelnden Roman.

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Bildnachweis: the-kiter.de

Genazino überraschte mit Entschiedenheit. Für seine Ansichten fand er kräftige Formulierungen, die ein defensives Gebaren kontrastierten. Am „öffentlichen Selbstdarstellungsgemetzel“ wollte er nicht teilnehmen.

Anders als ich. Zurückhaltung lag mir fern. Wir brachen auf, Hauke und ich, ich glaube, es war schon spät. Nun begann auch für Hauke der Arbeitstag branchentypisch nach zehn. Ich meine, kein Mensch war vor zehn im Büro, wenn er im Verlag oder in einer Redaktion arbeitete. Im Journalismus gehörte Ausschlafen zur Berufstätigkeit, was hatte es mich schon genervt, wenn Hauke mit ihren fünf Jobs morgens um sechs angefangen hatte zu rumoren. Inzwischen arbeitete sie für Steffi als Ugly-Scout, das brachte viertausend im Monat. So viel hatte Hauke zuvor mit sämtlichen Job nicht verdient. Nicht mal die Hälfte hatte sie mit der ganzen Maloche von morgens bis abends zusammengekratzt. – Und ich konnte ihr natürlich das Nachtleben nicht ersparen. Wir waren immer bis drei zugange, feiern war für mich auch Berufstätigkeit.

Allmählich ging Hauke Frankfurt auf, ich merkte manchmal schon Vorformen der Gerissenheit und der gemütlichen Gemeinheit.

Morgen mehr.


07:56 23.08.2015
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