Hessenmeister IX

Ugly Casting Edith spricht sich gegen das Ozonloch aus
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Sie nannten ihn Keks. Keks war Bornheim Bomber. Als junger Mann hatte er das Delta zwischen Bornheim und Nordend bezwungen. Tagelang hatte man nichts von ihm gehört, dann war er mit einer Menge Ohren an der Kette wieder aufgetaucht.

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Bildnachweis: data.motor-talk.de

Das überraschte mich. Edith fuhr Baupläne aus. Rauschte sie über den Willy Brandt-Platz, konnte es passieren, dass eine Windattacke Edith fast vom Rad hob.

Wir erinnern uns. Edith kreiste in den rauchenden Läufen der Wirtschaft als Frankfurts dienstälteste Fahrradbotin. Monumental litt sie unter ihrem Mann, dem Disponenten und Psychopathen Wanz. Er schrieb jeden Morgen ein „politisches“ Tagesgedicht. Wanz wankte zwischen Extremen, er lebte in seiner Lyrik Gewaltfantasien aus.

Für eine Reportage über Fahrradboten sprach ich mit seiner Frau in der Katakombe des Keks unter der Burgstraße. Edith zitterte wie Espenlaub. Ihr Psycho-Poet wanzte sie regelmäßig. Obwohl sie sich erbärmlich fürchtete, wollte Edith unbedingt in meinem Artikel mit vollem Namen erscheinen. Edith Wanz hatte einmal eine brandeilige Vertragssache zur Eintracht gebracht, wo Fotografen warteten. Solche Geschichten gingen in die Annalen ein, das wurde ein Leben lang erzählt.

„Viele Verkehrsteilnehmer wissen nicht, was ein Radweg ist“, sagte Edith. Zugeparkte Radwege seien normal, rechtsabbiegende Autofahrer ein Problem.

„Die übersehen uns absichtlich.“

Mir war die Sache klar. In einer rauen Welt voll der rabiaten Autofahrer fiel so ein Wanz gar nicht auf. Seine Drohungen und Ausbrüche gingen unter im allgemeinen Handgemenge.

„Die schneiden einem vorsätzlich den Weg ab.“

Dann war eine Schreierei immer schon das nächste und auch ganz schnell der schlimme Finger gerichtet.

„Oder du haust mit flacher Hand aufs Dach, damit’s in der Kiste rappelt.“

„Ich kann mich nämlich wehren.“

Leute und Rehe glauben gern das Gegenteil von dem, was der Fall ist. Wehrlose halten sich für wehrhaft, Rehe legen auf ihre Jäger an. Manche Kunden freuten sich beim Wiedersehen. Kaffee wurde angeboten oder ein Griff in die Obstschale nahegelegt.

Keks kam mit Ebbelwoi (nur echt in dieser Schreibweise), er setzte sich (angeblich) für die Dauer eines Schoppens zu uns. Ja, Keks, der alte Keks, ein Kämpfer der Bornheim Bomber im ewigen Streit mit den Nordend Defender. Nur ein Fluss trennte die Frankfurter Bezirke, aber kaum je geschah es, dass aus dem Nordend einer nach Bornheim rüber machte oder umgekehrt. Es wusste keiner mehr, was die Parteien einst entzweit hatte, vielleicht hatte das was mit Literatur zu tun gehabt.

Keks war Redakteur bei „Pardon“ gewesen, man hatte ihm, Henscheid, Genazino und Nietzsche wie auf einen Streich gekündigt. Seitdem „entschlüsselte“ Keks „gewisse Mitteilungsfelder, die man in sich trägt“.

Friedrich Nietzsche - Genannt "Der Orkan". Nordend Defender der ersten Stunde. Einer unserer Besten! Er war eine Weile Sheriff auf der anderen Mainseite, wo damals Amerika lag. Die Amerikaner kannten ihn als Wyatt Earp.

„Ihr habt den Weg vom Wurme zum Menschen gemacht, und Vieles ist in euch noch Wurm. Einst wart ihr Affen, und auch jetzt ist der Mensch mehr Affe, als irgend ein Affe.“

Also sprach Zarathustra

Friedrich Nietzsche

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Bildnachweis: Wikipedia

„Hat man erst einmal herausgefunden, was einen am Leben hält, kann man die Technik verfeinern.“

Der Prozess führe im Idealfall anhaltender Produktivität zur Entdeckung einer Unerschöpflichkeit der Mittel. Keks behauptete, einen eigenen Bezug zur Schöpfung zu haben.

Ich wusste, weshalb Keks sich so elaborierte. Ihm gefiel die krämliche Edith. Diese geknickte Grazie. Die fitte Heulsuse heizte ihn an. Ich meine, selbst wenn man Fahrradfahren für Straßenkampf und „Politik“ hielt, so wie Edith es tat, wirkte sich Fahrradfahren wie Sport aus.

Es gab keine freien Flächen, keinen Moment der Ruhe. Entschlossen nutzte der Bote jede Lücke. Die Räder liefen auch in dicker Luft rund, Edith hatte es mit Sekretärinnen zu tun. Das waren Frauen in ihrem Alter oder jünger.

„Du kommst verschwitzt an und die schweben dir entgegen. Ich achte darauf, ob ein Unterton abschätzig ist, der Blick von oben herab. Es gibt die Tendenz, einem ein Dienstbotenerlebnis verschaffen zu wollen.“

Edith fand es „in Ordnung“, beruflich Leuten zu begegnen, mit denen sie privat nichts besprechen wollte. Sie kam mir vor wie ein Automat für Selbstbetrug.

Keks redete wie ein anderer Wanz. Er traktierte immer noch eine mechanische Schreibmaschine. Darauf war er stolz wie Bukowski. Im Grunde war Keks ein fideler Flegel lediglich, der sich an Edith heran robbte unter Tage und wie im Wahn.

„Ozon ist nicht bloß ein Gerücht“, schrie Edith in höchsten Tönen. „Ozon ist wahr.“

Tage zuvor waren im Schwarzwald Waldarbeiter zusammengebrochen, nachdem sie von einer Ozonschwade angefallen worden waren.

Ozonschwärme wurden gesichtet, die Sichtungen wurden gemeldet.

Wanz redete gegen das Ozonloch an. Die Geräusche des Literaturbetriebs seien ihm „wurscht“. Dann war er wieder bei der Schreibmaschine und seinem Rechnerekel.

Edith konterte kühl und stolz: „Mein Mann dichtet immer noch mit der Hand.“

Morgen mehr.

08:48 29.08.2015
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