Hessenmeister L

Ugly Casting auf dem Nil
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

James Bruce of Kinnaird (1730 - 1794) - Der schottische Sportsmann beherrschte elf Sprachen

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/a/a6/James_Bruce.jpg/220px-James_Bruce.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Nie waren sie die ersten, aber nach europäischem Verständnis galt als entdeckt nur, was Weiße gesehen hatten. Über die Quellen des Nils spekulierte man seit der Antike. Herodot bemerkte 450 vor unserer Zeitrechnung, dass keiner die Quellen kenne. Nero sandte Soldaten zur Erkundung des Verlaufs. Schwimmende Grasinseln hielten sie auf. Fortan sagte der Römer, wollte er etwas Aussichtsloses anfangen: Caput Nili quaerere.

Der Fluss bot Anlass zu fantastischen Vermutungen. Die Ägypter nannten ihn Jeter-o (Iteru), sie hielten den Nil für einen Gott. Und warum sollte man nicht für Gott halten, was einen erhob und erhielt? Auf einer Länge von 6397 Kilometern floss der Nil durch vier Reiche, um schließlich in dem 270 Kilometer breiten und 170 Kilometer langen Nildelta Mittelmeer zu werden.

Wir wussten schon einiges, als uns der Schotte James Bruce dazu ermutigte, Verstand, Mut und Vermögen in die Erkundung der Nilquellen zu investieren. Klar war uns, dass im Erfolgsfalle alles England zugeschlagen würde, andererseits hatten wir schon den Mississippi und den Amazonas für Hessen erobert. Auch sollte man uns nicht für kleinlich halten. Also schifften wir uns mit James ein und wähnten uns im November des Jahres 1770 nach einer strapaziösen Reise, der Champagner war uns ausgegangen, Joe (Conrad) hatte sich das afrikanische Fieber eingefangen, Bill (Wilhelm Grimm) einen Fuß verloren und Jim (Zaimoglu) litt unter chronischem Nasenbluten, an einer der Quellen. James erklärte sie erwartungsgemäß dem König von England zu Eigen, die Leute aus der Gegend fassten sich an den Kopf. Nach ihren Begriffen konnte kein Mensch Land „besitzen“.

Wie soll das gehen? fragten sie.

Wir erklärten es ihnen später mit mancher Bleilektion. Fürs erste brauchten wir die Leute aber noch als Träger, Ruderer und Pfadfinder so wie zur Aufrechterhaltung des Feldküchenbetriebs. Schließlich konnte man nicht alles selbst machen.

Ich zitiere aus Nilfieber, dem 107. Band der Anderen Bibliothek. Ediert und eingeleitet von Georg Brunold. Die Rede ist von den herausragenden Protagonisten des Wettlaufs zu den Nil-Quellen. Ihre Namen kannte jedes Kind. Im kollektiven Bewusstsein ihrer Epoche kam den Afrikareisenden die gleiche Bedeutung zu wie dann den Astronauten. Keiner war populärer als der englische Missionar David Livingstone, abgesehen von dem amerikanischen Journalisten Henry Morton Stanley.

Tatsächlich lag die Quelle (des blauen Nils), die wir glaubten gefunden zu haben, 1500 Kilometer entfernt. Unser Standort war außerdem schon 150 Jahre zuvor von einem Portugiesen beschrieben worden. So zermürbend die Anreise gewesen war, so katastrophal wurde der Rückmarsch. Beraubt, ausgezehrt und krank auf den Tod betraten wir endlich wieder hessischen Boden, nur um, ob der unglaublichen Kunde, ausgelacht und als Bramarbasse geschnitten zu werden. Gründlicher konnte man nicht scheitern.

Ich muss hier einschränkend hinzufügen, dass Coogan und ich als frühe Verfechter der Menschenrechte nicht krank geworden waren und weder in Kassel noch in Frankfurt ausgelacht wurden. Man empfing uns überall mit Bravo und Hurra und ehrte uns bis über sämtliche Ohren. Kurz, man feierte uns als große Sportsmänner.

Zweifellos zu recht.

*

Einmal ritten wir von Málaga nach Norden. Noch in Andalusien rasteten wir auf einem Flecken, der aus einer Tankstelle, einer Herberge und einem Parkplatz bestand. Im Schatten der Arkaden fürchtete sich ein Schock Nonnen. Es waren bäurische Bräute, sie lunsten herüber. In ihrer Mitte verbargen sie beinah ein Mädchen in Schuluniform. Es kam mir vor wie eine Gefangene.

Joe (Conrad) sprach durch den Rauch seiner Pfeife: „Diese … Wesen brauchen eine starke Verzweiflung, da sie sonst nichts sind.“

Coogan spuckte zustimmend. Jake (Grimm) nickte zustimmend. Auch unserer Pferde Schnauben ließ sich als Zustimmung nur deuten.

Ennio Morricone trommelte sein Orchester zusammen.

Wir betraten die Herberge, einen kühlen, dunklen Raum. Gepfeffert mit Alkoven. Erschöpfte Reisende verdämmerten an den Tischen. Der Patron bat uns, die Waffen abzulegen, James (Bruce) versetzte ihm einen verächtlichen Tritt. Seit den Tagen des texanischen Unabhängigkeitskrieges trennte uns kein Anlass mehr von unseren Waffen.

Am Tresen würfelten verlumpte Landarbeiter.

Plötzlich.

Plötzlich sickerten die Nonnen in die Szene. Sie gingen zu zweit oder zu dritt und es sah so aus als würden sie sich um die Reisenden kümmern wie um Verletzte in einem Lazarett.

Bleiben wir noch einen Augenblick bei James (Bruce). Wir nannten ihn Jim, er war Geograph, Astrophysiker, Historiker, Linguist, Botaniker, Ornithologe, Kartograph, Feldjäger und Mediziner.

Alan Moorehead liefert folgende Charakterisierung:

„Bereits der oberflächliche Blick auf das Leben von Bruce enthüllt den Abgrund, der zwischen uns und den privilegierten Klassen im England des 18. Jahrhunderts klafft. Jim ist Teil einer Welt, die längst versunken erscheint – dazu gehören Familienwappen und ererbter Grundbesitz, klassische Bildung, Patronatsrechte und heftige Vorurteile. Jim hasste. Er hasste Papisten, wie manche Leute Schlangen oder Ratten hassen, und war, auch wenn er nicht an das göttliche Recht der Könige glaubte, Monarchist aus tiefstem Herzen.“

Das waren wir gewiss alle und zugleich waren wir Demokraten und Revolutionäre. Wir glaubten an die Gleichheit der Menschen, trotzdem stellten wir uns mit unserem Dünkel und der hohen Herkunft über alle. Wir verfassten die freiheitlichste Verfassung, wuschen aber nie ein Hemd selbst.

Alle Menschen werden Brüder, doch wir waren ganz klar was Besseres.

Ein zweitklassiger Romancier hätte Jim sich nicht besser erfinden können. Er verkörperte die Tugenden eines Haudegens. Er maß beinah zwei Meter, eher mehr noch. Muss ich euch sagen, dass er athletisch war, mit rotem Haar und lauter Stimme, ein ausgezeichneter Reiter, Maler, Mathematiker, Ringer und Schütze,

„und wo immer er auftrat“, so der olle Moorehead, „schien selbstsichere Überlegenheit von ihm auszustrahlen. Seine angeborene Sprachbegabung versagte nicht einmal vor arabischen Dialekten. Überdies war er ohne jeden Zweifel außerordentlich mutig und entschlossen.“

Morgen mehr.

10:23 08.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare