Hessenmeister LII

Ugly Casting an den Quellen des Nils
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Wir drangen auf den afrikanischen Kontinent ein. Wir bestürmten ihn mit Chronometer, Prismenkompass und ambulanter Sonnenuhr. Alles aus der Werkstatt des Universitätsmechanikus Carl Zeiß zu Jena.

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Bildnachweis: mikroskopie-forum.de

In Tansania bestaunten uns die Bürger des Landes wie jeden Faschingsumzug. Wir klapperten närrisch durchs Gelände, Burton litt unter einem vereiterten Kiefer. Speke war so gut wie blind. Das hielt ihn von nichts ab. Die Weggefährten stritten, gelegentlich gestattete sich ein Expeditionsteilnehmer eine Bemerkung zur Schönheit der Schöpfung. Dann kam etwas Verächtliches von Speke. Für ihn war der Dschungel ein Fitness-Parcours.

Wir erreichten den Victoriasee und dachten einmal wieder, am Ursprung des Nils angekommen zu sein. Burtons Skepsis ging im Taumel unter, es wurde getrunken wie in den Führungsstäben der Nationalen Volksarmee. Wir trafen Sam Baker, er reiste mit Gattin. Sam und Florence waren in Karthum aufgebrochen, den Nil hinaufgefahren und von Moskitos bis aufs Blut gequält worden.

Florence Baker wurde von einem Nilpferd ausgebootet

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Bildnachweis: Wikipedia

Halbtot hatten sie den Albert-See erreicht und sich da an der Nilquelle vermutet. Gemessen an den Verirrungen vieler „Entdecker“, waren sie ziemlich dicht dran gewesen. Auf dem Heimweg verloren sie ihr letztes Kanu bei einem Nilpferdangriff.

Wir nahmen die Bakers in unsere Mitte, längst pilgerten wir in zwei Abteilungen. Die Streitenden stritten, die Gelassenen rückten im Sonderzug vor. Vorsätzlich verloren wir Burton und Speke aus den Augen, doch hörten wir noch lange das Geschrei.

Wir folgten einem Karawanenweg, den die europäische, indische und amerikanische Gier nach Elfenbein zur Hochfrequenzstrecke gemacht hatte. Tausende von Trägern liefen im Geschwindschritt durch die Gegend.

Im Geschwindschritt durch den Wald - Nichts war billiger als Arbeitskraft. Weiß zu sein war eine Qualifikation für Führungsaufgaben.

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Bildnachweis: Wikipedia

An der Mündung des Rowuma trafen wir Livingstone.

„Wir sind es gewöhnt, uns Livingstone als alten Mann vorzustellen, doch als er zu seiner letzten Reise aufbrach, war er gerade zweiundfünfzig und verfügte mehr denn je über jene Gabe, die die Araber baraka nennen: Er konnte auch unter den widrigsten Umständen jedem das Gefühl vermitteln, das Leben sei gerade jetzt reicher und besser als sonst. Seine bloße Anwesenheit scheint auf alle, die mit ihm zu tun hatten, wie eine Wohltat gewirkt zu haben.“*

*Ich zitiere aus Nilfieber, dem 107. Band der Anderen Bibliothek. Ediert und eingeleitet von Georg Brunold.

Livingstone, aller Spekulationen überdrüssig und entschlossen, die Koordinaten der Quellen endgültig auf eine Landkarte zu bringen, lehnte unsere Beteiligung an seinem Vorhaben ab. An der Grenze zwischen Tanganjika und Portugiesisch-Ostafrika begann er jene unglaubliche Serie von Wanderungen, die sich über sieben Jahre hinziehen und mit einem Fehlschlag enden sollte, der zugleich ein Triumph seines unbesiegbaren Geistes war.

„Selten dürfte ein Unternehmen auf so viele Fehleinschätzungen begründet gewesen sein. Livingstone suchte die Quellen eines Stroms in einem Gebiet, wo es den Strom gar nicht gab.“

Livingstone glaubte:

„er könne allein, unbewaffnet und ohne Unterstützung Afrika durchqueren.“

Unterwegs erkrankte der Reisende schwer, er überlebte mit Hilfe arabischer Sklavenhändler. 1869, drei Jahre nach seinem Aufbruch, inzwischen galt Livingstone als verschollen, erreichte er, körperlich in erbärmlicher Verfassung, Ujiji, eine am Ostufer des Tanganyikasees gelegene Ortschaft.

Nachtrag

Als ich die kleine Sache vor einer Ewigkeit zum ersten Mal aus der Schreibmaschine zog, um Wort für Wort zu prüfen, wie es mir die Eitelkeit vorschrieb, stolperte ich über manche sprachliche Unebenheit, doch nicht über Eingeborene. Ich schrieb „Eingeborene“ wie jeder Kolonialsekretär seiner Majestät dem Hunnen-Wilhelm.

In Original (gesendet vom Hessischen Rundfunk 1897) steht noch: „Der zivilisierten Welt galt Livingstone als verschollen.“

So schrieb ein weißer Mann im Geist arabischer Sklavenhändler. Ich will mich dem Thema bald hermeneutisch zuwenden. Wir müssen uns befragen, so wie ich den schwarzen Osmanen Kadir Rauf Bey aka Hamed bin Juma bin Rajab bin Mohammed bin Said el-Murjebi einst auf Sansibar fragte, was ihn eigentlich von seiner Ware unterscheiden würde. Er hatte sieben Mal zehntausend Mann unter Waffen und konnte mitunter grimmig werden.

Morgen mehr.

10:49 10.10.2015
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