Hessenmeister LII

Ugly Casting im 57er Chevy Impala
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Bob Dylan kam in einem 57er Chevy Impala nach New York. So steht es geschrieben in den Chronicles. Die Autobiografie ist voller Spott und Hohn für jene, die am Autor die Apotheose vollzogen - oder auch nur der Hobo-Legende auf den Lenin krochen, die Dylan verbreitete. Dem Traditionalisten aus Minnesota gefiel der Typus des amerikanischen Helden am Boden (jedoch nur als poetisches Sujet) so wie ihn Jack London und John Steinbeck beschrieben und Hank Williams und Woody Guthrie besungen haben.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/fe/57_Chevy_BelAir_2_Door_Hardtop.jpg/420px-57_Chevy_BelAir_2_Door_Hardtop.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Was vorher geschah:

1992 - Die weißrussische Germanistin Lilija rechnete mit einem weiteren Putschversuch in Moskau. Im Fall seines Gelingens würden die neuen Machthaber – Großrussen – unweigerlich und unverzüglich die unlängst gegründeten Kleinstaaten an der russischen Peripherie kassieren.

Da war Hitze und Unversöhnlichkeit, ich stand da wie ein Verbündeter im Kampf gegen den neuen Zarismus.

Im Schattenreich ihrer Sehnsüchte strebte Lilija nach einer Verabredung mit dem Schicksal Weißrusslands. Ihr Mann, der Physiker, schien von vaterländischer Liebe wenig zu wissen. In seinem Institut schraubte er Komponenten zusammen und erdachte Billiglösungen. Der Professor erwartete Angebote aus dem Westen wie eine lockere Braut. Zu Lande, im Meer und am Himmel starben Männer, weil kein Mensch mehr für sie zuständig war. Wissenschaftler verhökerten das akademische Tafelsilber, sie erlebten den freien Fall der Forschung wie in einem Delirium von Dostojewski.

Der Physiker gab vor, sich aus Wodka gar nicht so viel zu machen. Er war ein Scharlatan, der sogar seiner Frau nach dem Mund redete. Mit Schnurren und Grillen zog er sich aus Affären.

Lilija fand überall die nationale Identität bedroht. Sie pochte auf die Einführung von Weißrussisch als Amtssprache, obwohl Weißrussisch von kaum einem geschäftsmäßig beherrscht wurde.

Das war egal.

Lilija schleuste mich durch unterirdische Versorgungslabyrinthe.

Im Begriffskarneval und Blut- und Bodenrausch wurde die Landbevölkerung zum Salz der Erde. Flotte Knilche aus der Kreisstadt griffen ins Rad der Geschichte. Sie putzten ihre moralische Indifferenz mit Weltläufigkeitsformeln.

Ich beobachtete die strangulierende Wirkung einer ständig alarmierten Wahrnehmung von Machtverhältnissen.

Lilijas Schwiegermutter strich die Hände an der Schürze ab. So deutete sie an, dass sie im Leben nicht mehr ausrichten konnte als Speck auf den Tisch zu bringen. Ihr Mann taugte immerhin noch als Monument der Unbeweglichkeit.

Jemand tauchte auf und behauptete:

„Ohne Bob Dylan wäre ich nie Musiker geworden.“

Es wurde immer bunter. Es war zum Kotzen.

Dylan hatte New York in einem 57er Chevy Impala erreicht, verdammt noch mal. Bald floh er vor dem Ruf, als „Gewissen seiner Generation“ wie Jesus direkt ins Weltgeschehen einzugreifen. Ihm folgte ein Rabbi mit Revolver.

Dylan: „Ich hatte sehr wenig mit der Generation gemein, deren Stimme ich sein sollte.“

Im Gaslicht verkehrten "Literaten mit schwarzen Bärten". Der Debütant wollte "Lieder schreiben, die größer sind als das Leben".

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/en/thumb/0/00/Bob_Dylan_-_Live_at_The_Gaslight_1962.jpg/330px-Bob_Dylan_-_Live_at_The_Gaslight_1962.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Morgen mehr.

07:49 15.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare