Hessenmeister LIII

Ugly Casting unter Maroons
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Er war der uneheliche Sohn eines Hausmädchens, ein Bastard nach den Begriffen seiner Zeit. – Gegenstand schrecklicher Fürsorge. Mit fünf kam er ins Arbeitshaus, mit siebzehn brachte er den Atlantik zwischen sich und das Elend. In Amerika erfand sich das walisische Heimkind als Draufgänger neu. Er gab sich den Namen Henry Morton Stanley.

Henry Morton Stanley fand den sagenhaften Afrikaforscher David Livingstone am Ostufer des Tanganyikasees - Anno 1871 die Sensation weltweit!

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/f/fa/Henry_Morton_Stanley_Foto.jpg/220px-Henry_Morton_Stanley_Foto.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

„Härte, Hitzigkeit und Egozentrismus (waren) seine hervorstechenden Eigenschaften.“*

Im Sezessionskrieg verfocht Stanley die Sache des Südens. Später ritt er mit Generalmajor Winfield Scott Hancock gegen die Seminolen. Diese Bürger Floridas hatten unser besonderes Interesse. Sie boten sich der Kasseler Universität zur Untersuchung einer Ethnogenese an. Aus ihren ursprünglichen Verbreitungsgebieten verdrängte und dezimierte indigene Völker fusionierten im 18. Jahrhundert zu einer neuen Nation. Sie integrierten afrikanische Flüchtlinge (entsprungene Sklaven). Die schwarzen Seminolen stellten einen zumal von Prof. Feridun Hardboiled Jim Zaimoglu erforschten historischen Sonderfall dar. Die englischen Sklavenhalter nannten die Afrikaner auf Freiheitsfüßen verächtlich Maroons, eine fiese Ableitung des spanischen cimarrón.

Entlaufener Sklave/Negro Cimarrón

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/30/Cimarr%C3%B3n.JPG/200px-Cimarr%C3%B3n.JPG

Bildnachweis: Wikipedia

Schwarzer Seminole

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/2a/Abraham-black-sem.jpg/220px-Abraham-black-sem.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

1871 schickte der Verleger James Gordon Bennett junior Stanley nach Afrika, um den verschollenen Livingstone in die Schlagzeilen zu bringen. Stanley fand den Entdecker der Vicoriafälle in einem Strandkaff am Tanganyikasee.

„Nirgendwo in der weiten Welt dürfte es zwei so gegensätzliche Charaktere wie Livingstone und Stanley gegeben haben - aber auch nirgendwo zwei Männer, die einander im Moment dermaßen dankbar waren. Livingstone brauchte Medizin, Nachschub, Nachrichten, und sein junger Besucher verfügte über all das.“*

Stanley hatte Cochones und brauchte kudos - Ruhm. Livingstone brachte ihm viel mehr ein als Ruhm. Das afrikanische Intermezzo wurde zum entscheidenden Erlebnis in Stanleys Leben. Livingstone gefunden zu haben, verlieh dem grandiosen Egoisten die Statur einer moralischen Autorität. Die Verdrehung der Wahrheit in Wirklichkeit erschreckte, bezauberte, überwältigte ihn.*

Die Begegnung der Männer am Ostufer im Dorfe Ujiji bildet die berühmteste Szene der Afrikaliteratur. Erreicht wird sie allenfalls von dem Bild des toten Livingstone, dessen Leichnam Fans 1600 Kilometer durch den Wald zur Küste trugen. Das vollzog sich acht Monate nach dem sagenhaften Treffen. Mit Medikamenten versorgt, war Livingstone kurz soweit genesen, dass er glaubte, seine Suche nach den Quellen des Nils fortsetzen zu können. Das nenne ich zielstrebig. Stanley war inzwischen ans Mittelmeer marschiert, um die gute Nachricht und Livingstones Tagebücher an die große Glocke zu hängen. 1874 leistete er mit einer äußerst verlustreichen Expedition einen entscheidenden letzten Beitrag zur Klärung des Nil-Ursprungs.

*Aus Nilfieber, dem 107. Band der Anderen Bibliothek. Ediert und eingeleitet von Georg Brunold.

Morgen mehr.

11:54 11.10.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare