Hessenmeister LIV

Ugly Casting in Kelkheim
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Rumänisch war Dors erste Sprache. Seine griechische Großmutter kannte deutsche Lieder. Wollten die serbischen Eltern das Kind ausschließen, sprachen sie ungarisch.

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Thorsten Casmir litt schon unter jener Krankheit, der er mit vierunddreißig erlag, als er sich daran machte, ein Buch zu schreiben. Ich sah ihn einmal, einen schönen Mann, sich seiner Wirkung bewusst. Schauplatz war ein Kelkheimer Vereinsheim, jemand hatte Geburtstag und die Gelegenheit genutzt, in die Kindheit abzugleiten. Was ein paar Jahre später zur Selbstverständlichkeit wurde, dass man sich wieder auf seine Eltern und die Ursprungsumgebung berief und Feste auf den Hartplätzen der Heimatgemeinde nicht versäumen wollte, war gerade heikel. Alles war kodiert. Jedes Lächeln konnte verkehrt sein.

Viele kamen fluffig an. Sie waren schon fünf Jahre zusammen und verteidigten Frankfurt am Main gegen Offenbach. Casmir trug Kaschmir und bekannte sich zu Offenbach. Er überhörte Einwände, verströmte Überlegenheit. Casmir war als Flugbegleiter im „Fernverkehr tätig“ (gewesen?). Regina leuchtete und roch noch mehr/besser als sonst. Meine Freundin redete die ganze Zeit mit Casmir, er sah aus wie George Michael, Regina schätzte es, wenn ein Mann „auf sich achtet und gut riecht“.

Casmir hatte die Krankheit, seine Souveränität erschien wunderbar. Alle hatten Angst vor der „Krankheit“. Das Milieu in dem ich erwachsen geworden war, kannte keine Präservative. Den Mädchen war mit dreizehn die Pille verschrieben worden, Verhütung war Frauensache und Geschlechtskrankheit Seemannsgarn gewesen.

Ich wusste, dass Casmir einen Roman schreibt. Das galt viel. Ich kam nicht umhin zu denken: Die Ernsthaftigkeit einer Absicht ist bei jedem unbestreitbar, der sterbend einen Roman schreibt.

Der Roman spielt auf einer norwegischen Nordseeinsel, auf einem Außenposten der Zivilisation. Zwei Familien beherrschen Ohnsgrond nach den Maximen archaischer Gemeinschaften. Das Leben der Bauern vollzieht sich in äußerster Armut und Unwissenheit. Ich muss mich korrigieren, das Leben erscheint weniger archaisch als vielmehr degeneriert. Der idealistische Doktor Finn gerät von Amts wegen auf die von Natur- und Menschengewalt verwüstete Insel. Sie stellt sich Finn als Zuflucht der Verdammten und Perversen dar.

Seine Tatkraft ändert alles. Den eingesessenen Profiteuren feudalistisch-finsterer Verhältnisse begegnet Finn als Vorhut des Jüngsten Gerichts.

Finn kann die Katastrophe einer Epidemie nicht aufhalten. Trotz einer bis zum Zusammenbruch praktizierten Fürsorge, behauptet er, „in allem zuerst das Abgründige zu sehen“ und von „allen Menschennormalitäten abgewiesen“ zu werden.

„Nur die Todkranken“ bleiben ihm, „die sich gar nicht gegen ihn wehren können“.

Finn bemüht sich, auf organische Zerfallsprozesse zielende Obsessionen mit Arbeit in Schach zu halten. Ihn lockt „Kot, Urin, Blut, Eiter und Nekrose“. Er ist bisexuell, sein Liebhaber einer „mit dem zweifelhaften Charme derer, die bei aller Ruhe, die sie ausstrahlen, vor Selbstbewunderung fast benommen sind“.

Selbstbewunderung liegt Finn fern. Kein Ekel ist größer als Finns Selbstekel.

Casmir hatte mit Schneid geschrieben. Er war zum Schluss in Benn’scher Verfassung gewesen. Ich bewunderte seine Furchtlosigkeit.

Thorsten Casmir, Ohnsgrond“, Roman, Axel Dielmann Verlag, 445 Seiten

Drei Tage nach der Party in Kelkheim, ein Jahr bevor Ohnsgrond mich mitnahm, traf ich Milo Dor in einem aufgeheizten Zug. Die Heizung wurde zentral reguliert, die Hebel lagen im Hoheitsgebiet eines gnadenlosen Schaffners.

Die Fenster ließen sich nicht öffnen.

Der Zug war überfüllt. Ich vermutete komplette Haushalte unter Decken und Planen. So reiste man in Zeiten großer Umbrüche. Die Unsicherheit in Bewegung gesetzter Massen griff nach der Sicherheit der Übrigen.

Einen Speisewagen würde es erst ab Brest geben. Für drei Rubel, wir saßen in einem russischen, von der Reichsbahn übernommenen Zug auf der Strecke Warschau - Minsk, servierte der Terrorschaffner Tee. Für fünfzehn Rubel brachte er Kaffee im Glas.

Es gab nirgends Platz für einen Kaffee in Ruhe.

Dor war 1923 in Budapest als Sohn von Serben geboren und im Banat aufgewachsen. Er ortete den breit gestreuten Glauben an eine kosmopolitische Lösung für Europa „in tiefer Enttäuschung“.

Das fand ich erstaunlich, Rumänisch war Dors erste Sprache gewesen. Seine griechische Großmutter hatte deutsche Lieder gesungen. Wollten die Eltern ihn ausschließen, sprachen sie ungarisch.

Morgen mehr.

11:56 12.10.2015
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