Hessenmeister LXI

Ugly Casting in der Wodkafabrik
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Was vorher geschah:

Die Lenin-Statue stand noch. Der Platz hieß nun Unabhängigkeitsplatz. Bei 20 Grad minus waren Straßen spiegelglatt. Kinder spielten Eishockey auf den Straßen von Minsk.

Lenin nahm die Metro

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Bildnachweis: Wikipedia

Gestreut wurde mit Sand, anscheinend planlos. Die Busse rappelten im Andrang, privaten Verkehr gab es wenig. Westmänner zahlten staatliche Leistungen nach wie vor in Valuta. Eine Übernachtung im Ausländerhotel kostete sechshundert Mark, dafür wurde nichts geboten.

Mir machte das Spaß, ich war jung und zynisch. Ich zahlte für ein Ballett-Ticket hundert Mark, mein Kontakt, die Germanistin Lilija, vierzig Rubel. In einem staatlichen Kaufhaus musste ich den Pass vorlegen. Lilija intervenierte, das bürokratische Geplärr war ihr peinlich. Sie schämte sich für die „Rückständigkeit“ der Leute. Sie war selbst enorm altmodisch.

Lilija verglich ständig.

„Ihr habt Obst, aber wir haben Fleisch“, sagte sie und begrub gemeinsam mit der Schwiegermutter den Tisch unter Speisen. Ja. Ja, ich hatte Orangen und Bananen mitgebracht. Das wäre nicht nötig gewesen, war aber erwartet worden.

Die Versorgungslage sollte aus meinen Gastgebern in keinem Fall Bittsteller machen. Sie waren voller Scham und erfüllt von einem brennenden Verlangen, sich zu rechtfertigen und zu erklären.

Die Preise explodierten. Zwei Jahre zuvor hatte ich für die Metro oder den Bus fünfzehn Kopeken bezahlt. Nun zahlte ich drei Rubel.

Benzin in Liter: vierzig Kopeken/sechzig Rubel.

Der Brotpreis hatte sich verdreifacht. Zigaretten gab es auf Bezugsschein, ein Paket pro Woche und Person für zehn bis zwanzig Rubel. Wer mehr rauchen wollte, musste in Privatgeschäften bis zu dreihundert Rubel für eine Schachtel hinlegen. Zehnmal so viel wie 1990.

Die Löhne:

1990 – achthundert bis zweitausend Rubel.

1992 – achttausend bis zwanzigtausend.

Nur als Spitzenverdiener und alleinstehend Kinderloser kam man gut klar. Lilija und ihr Mann verfügten über achttausend Rubel. Sie gaben die Hälfte für Lebensmittel, vierhundert für die Miete und achthundert für den Kindergarten aus. Sie erklärten, dass die Versorgung ohne die in roten oder blauen Buden installierten Privatgeschäfte zusammenbrechen würde.

Man nötigte mich zu essen. Schon zum Frühstück gab es Würstchen und Kartoffeln und zu jeder weiteren Mahlzeit Wodka nach der Regel: Zwanzig Grad Kälte plus vierzig Grad Wodka ergibt zwanzig Grad.

Lilijas Mann war Physiker. Er spottete, dass im Physikalischen Institut der Minsker Universität das Zusammenschrauben von Kochplatten an die Stelle der Grundlagenforschung getreten sei. Gemeinsam fuhren wir Bus. Ungarische Busse erkannte man an den (auch von innen) vereisten Scheiben. Kälte stieg vom Fußboden auf. Sibirische Busse waren besser.

Wir besichtigten eine Wodka- und Weinfabrik. Die Arbeiter hielten uns für Kontrolleure. Sie waren sehr freundlich. Die Anlage war baufällig. Auf dem Werkhof stand Lenin.

Die Produktion lief hochtourig, trotz acht Millionen Flaschen Ausstoß pro Monat gab es zu wenig Wodka. Man zeigte uns die gesamte, ein langes Regal füllende Produktpalette; in den Geschäften fand man nur zwei Sorten.

Im Gästesaal wurden wir mit Wurst, Speck, Käse und der aktuellsten Kreation des Hauses, einem Magenbitter bewirtet. Man hielt uns gnadenlos an.

„Humanitäre Hilfe“ – das war ein Wort, das die Leute schüttelte. Niemand wollte humanitäre Hilfe.

Die Religion erstarkte. 1990 hatte ich nur kaputte und ihrem Zweck entfremdete Kirchen in Minsk gesehen. Jetzt rockte der Gottesdienst.

Wir betraten eine Kirche der Orthodoxen. Nicht-Orthodoxe dürfen das nicht, es scherte keinen. Die Kirche war brechend voll. Emphatische vor Kreuzen.

Ein großes Thema war der Nationalismus. Lilija grenzte sich von Russland ab, sie sah in der Abhängigkeit von russischer Energie eine Gefahr für die weißrussische Unabhängigkeit. Das kam flammend und dringend, als stünde der Russe mit dem Sturmgewehr vor der Tür.

Lilija rechnete mit einem weiteren Putschversuch in Moskau. Im Fall seines Gelingens würden die neuen Machthaber – Großrussen – unweigerlich und unverzüglich die unlängst gegründeten Kleinstaaten an der russischen Peripherie kassieren.

Da war Hitze und Unversöhnlichkeit, ich stand da wie ein Verbündeter im Kampf gegen den neuen Zarismus.

Morgen mehr.

08:20 14.10.2015
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