Hessenmeister LXII

Ugly Casting am Niddastausee (im Vogelsberg)
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Was zuvor geschah.

Schriftsteller Feridun Zaimoglu recherchiert in den Nestern des Fichtelbergs Flüchtlingsschicksale. Jungfaschisten greifen ihn an, Zaimoglu wehrt sich gekonnt.

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Bildnachweis: Steyr Mannlicher

In der realistischen Annahme, dass sein Leben in den Nestern des Fichtelbergs nun erst recht nichts mehr wert war, türmt er.

Verfolgt wird Zaimoglu von dem erzgebirgischen Urgestein und Jagdfreund Montreux in einem NVA-Geländewagen. Montreux ist bewaffnet und gefährlich.

Lebt Zaimoglu noch? Oder hat ihn der alte Montreux mit seiner Steyr Mannlicher und dem Browning Saufänger bereits in die ewigen Jagdgründe geschickt?

Wir nehmen den Erzählfaden an anderer Stelle auf und überlassen den Leser der Ungewissheit, soweit es Zaimoglus Gesundheit betrifft.

An einem Samstag Anfang Okt. machten wir uns auf den Weg – Texas „Grandslam“ Coogan, „One Finger Joe“ Conrad, Bill & Jake Grimm, Wild Bill Buffalo Burroughs, Jimmy „The Kid“ Freud, Hauke von Salzmannshausen, Edith von Hoyerswerda, Colette „Laure“ Peignot, die Weißrussin Lilija und wie unsere Freunde von der antifaschistischen Liga noch hießen. Verräterinnen waren unter ihnen, aber auch Männer der Tat so wie Coogan, Conrad, Grimm 1&2, Burroughs und Freud.

Wir waren Helden, das ganze Kasseler Kollegium ohne eine Ausnahme. Ich nenne stellvertretend für viele an dieser Stelle noch einmal Präsident Coogan, die Brüder Grimm, Joe Conrad, Bill Burroughs, Jimmy Freud.

Feridun Hardboiled Jim Zaimoglu war vielleicht schon tot.

Wie auch immer, wir hatten die Kasseler Universität im Handstreich gegründet und die Germanistik als Hobby für höhere Tochter erfunden. Wir hatten Afrika entdeckt und Amerika groß gemacht.

Wir bangten um das Wetter.

Rentner fütterten Enten im Enkheimer Ried. Am Berger Hang weideten Galloways.

Galloway

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Bildnachweis: Wikipedia

Die Glieder der Stadt griffen in die Landschaft.

Das nördliche Geflügel der Berger Kuppe strauchte und schuppte gravitätisch. Streuobstwiesen marodierten. Siegfried Unseld erschien und zitierte seinen Mentor:

„Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“

Unseld erzählte von jenem Marinefunker mit Notabitur, der bei Hermann Hesse in der Klause nachgesessen hatte. Er redete über sich.

„Der Dichter bricht durch die Wirklichkeitsschranken.“

Unseld betonte den Zusammenklang von Ethik & Ästhetik. Er rief Volker Michels auf die Felder. Michels hatte auf 4500 Seiten 3300 „Empfehlungen guter Bücher“ versammelt. Hesses Rezensionen aus den Jahren 1899 – 1962.

1916 lobte Hesse Karl May und wünschte ihn sich als Pazifisten.

„Das Schlechte“ wurde von ihm nicht diskutiert. So sollte man es in allem halten.

Damals lieferten wir jeden Monat dreißigtausend Hesse-Titel an den Handel aus.

„Was bedeutet bitte Wohlstandsverwahrlosung?“ fragte Lilija. Sie notierte „neue“ Wörter (Phrasen/ ungewöhnliche Wendungen) in einem Quartheft. Zu der Ausbeute des Vormittags zählte

furiose Morbidität

und

kosmische Langeweile.

„Jeder ist der Richtige. Natürlich muss er von Adel sein.“ Effi Briest

Man trieb die Gänse auf abgeerntete Felder und tötete sie sechs Wochen vor der Schlachtreife. Die Stoppelgänse waren nicht so fett wie ihre Dezemberschwestern.

Stoppelgänse

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Bildnachweis: frischehof.de

Vor den Toren der Münzenburg hatte Coogan seine Streuobstwiese. Neun Bäume brachten bald zwei Tonnen Äpfel, die von uns gepflückt werden wollten. Sie lieferten achthundert Liter Süßen. Coogan verarbeitete hundertzwanzig Liter Maische zu Brand.

Harry Buckwitz führte das Nationaltheater Friedberg. Der Direktor sprach von Hausbesetzung, da wir einfielen.

Harry Buckwitz, Peter Suhrkamp, Berthold Brecht

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Bildnachweis: aaredition.com

„Die Marktwirtschaft ist die größte Diktatur“, erklärte Coogan.

„Der Kapitalismus absorbiert jedwede Kritik zu seinem Vorteil.“ Adorno

Auf dem Flugplatz von Bad Nauheim landete eine Transall. Wir gelangten zur Nidda und folgten ihr auf einem gut ausgebauten Radweg. Der Weg führte uns durch Karben und Assenheim bis nach Florstadt, wo er im Gelände schwuppdiwupp machte.

Wir wählten die Straße nach Nidda.

Wir rauchten am Fuße des Vogelsbergs.

Wir nahmen den Pfad von Nidda nach Schotten. Wir beobachteten Viehabtriebe.

Wir kamen hin zum Niddastausee.

Niddastausee

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Bildnachweis: Wikipedia

Morgen mehr.

08:49 20.10.2015
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