Hessenmeister LXIV

Ugly Casting auf der Burg Ulrichstein
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Endlich erreichten wir die Kartause Eppenberg. Unsere Pferde waren beunruhigt, irgendwas stimmte ganz und gar nicht.

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Ich erzähl euch morgen mehr vom Opa und seiner Ärmelkanalüberquerung.

Die meisten rezensierten so wie sie auch jede Premiere besprachen. Es kam für sie nicht in Frage, sich einmal etwas einfach nur anzusehen.

Sie standen unter Verwertungszwang. Sie mussten sich äußern.

Das waren Zukurzgekommene, die begriffen hatten, dass Eleganz egal war. Dass man Bessere mit Wadenbissen fertigmachen - und dass man sich auf die Niederlagen der Anderen verlassen konnte. Die Boxer-Regel They never come back galt auch in der Branche, bis zu dem Tag, als die fürchterlichste aller Pfeifen, ich spreche von Slim O. Park, das Gesetz durchbrach und zurückkehrte.

Ihr erinnert euch. Zuerst gab Slim O. den isolierten, im Selbsthass siedenden Versager, der unter Pseudonym Gruselgeschichten veröffentlicht. Dann glückte ihm etwas. Er wechselte sofort auf die Lektorenseite und spielte den pompösen Spötter in einem privaten Fin de Siècle. Er wurde der in die Jahre gekommene, fett gewordene, pausenlos kiffende College-Lehrer. Slim O. trieb seine Ehefrauen in die Flucht und schwängerte die Geliebten. Er verliebte sich so leicht und mit einer so fahrlässigen Rücksichtslosigkeit, dass Eheschluss und Ehebruch auf einer Linie lagen.

Das wusste jeder – nicht nur in Indiana. Slim O. hatte einen Kaninchenstall voll angefangener Romane, über die er wie über preisgekrönte Werke redete. Und es gab immer eine Sue Ann oder Tracy, die an seinen Lippen hing und ihn für den Größten hielt. Uns erschien er als ein zum Zweck der Demontage konstruierter Party-Popanz, an dem ein auf Trägheit (des Geistes und des Leibes) fußender, moralischer und ideologischer Bankrott studiert werden konnte. Auf sein wackliges Sex-Karussell gespannt, schwirrte Slim O. durch die Höllen ländlicher Vernissagen, Premieren und gefeierter Wiederaufnahmen.

Alles wurde gefeiert.

Zuletzt erschien Slim O. als versoffen-unberechenbarer Paranoiker mit den Allüren eines Cowboy-Schriftstellers in Stiefeln aus Klapperschlangenleder. Jemand hatte die Romananfänge zu einer kleinen, effektiven Sache verschmolzen. Vielleicht hatte Slim O. das sogar selbst getan.

Nun hatten wir ihn wieder am Hals. Georg Forster lud ihn nach Kassel ein. Forster gehörte zu der dritten Germanisten-Generation, die auf dem Mist der genialen Drillinge Texas Grand Slam Coogan, Texas Tornado Toranaga so wie Texas Double Action Thunderbolt gewachsen war. Inzwischen studierten auch Männer Germanistik. Sie glaubten, die Errungenschaften unserer Moderne nur noch problematisch erleben zu dürfen. Junge Professoren lobten ihre Studenten dafür, dass sie „die Integrität von Marken hinterfragten“.

Früher wäre einer für das Wort hinterfragen erschossen worden. Ohne Prozess. Das war Germanistik im Coogan-Style.

Nun ging es um Empfindungsprotokolle, die nicht durch die Filter der Meta-Diskurse und Verwertungsabsichten gegangen waren. Ausgerechnet Slim O., der Jahrzehnte lang jeden Morgenschiss zur Buchbesprechung erklärt hatte, wollte, dass von Verwertungsabsichten abgesehen wurde. Da verrückte der Hund in der Pfanne.

Wir wichen auf ein neues Feld aus und bewarben uns als Gastredner bei Dorfverschönerungswettbewerben. In den Dörfern war oft nur noch ein Bauer, der Rest lebte vom Fremdenverkehr. Einmal fuhren wir über Romrod nach Alsfeld. Die Steigungen waren extrem, bei den Abfahrten traf uns der Wind mit solcher Wucht, dass wir dagegen antreten mussten.

Wenigstens regnete es nicht.

Es gab eine leichtere Route, einen Wanderweg über Ulrichstein, Hessens höchster Stadt (614 m), mit einer Burgruine aus dem 12. Jahrhundert.

Burg Ulrichstein

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Alsfeld war Grenzstadt. Die Vogelsberger brachten ihre Bärenfelle und Biberpelze in Alsfeld auf den Markt. Hier versorgten sie sich mit Süßigkeiten und Munition. Sie erstanden Tand und Spielzeug für die zottelige Sippe. Man sah Schnee- und Höhlenmenschen, sie gingen reihum wie du und ich.

So war Alsfeld. Die Stadt hatte hessischen Landgrafen im 14. Jahrhundert als Residenz gedient. Sie war eine der ersten Protestantinnen in deutschen Ländern gewesen.

Nun zogen wir im Schwalm-Eder-Kreis ein. Es war bereits später Nachmittag.

Wir orientierten uns Richtung Eudorf. Bei Neukirchen begann der Anstieg in den Knüll. Basaltische Erhebungen schlichen sich wie Hünengräber an. Schwermütige empfanden die Gegend als präzise Nachbildung ihrer Seelenlage. Stoßtrupps der Melancholie überholten uns im gestreckten Galopp. Flagellanten veranstalteten im Verein mit Fackelträgern Trauerspiele. Vor den Häschern des Grafen von Ziegenhain geflüchtete Vogelfreie fielen vor unserem Zug in den Staub. Ein Himmel, der zu Gottesfurcht erzog, lastete auf den Giebeln stiller Gehöfte, die aneinandergedrängt, einsame Gemeinden abgaben.

Die Dorfjugend hielt ihre Zusammenkünfte an den Unterständen der Busstationen ab.

Gelegentlich schlug ein Hund an.

Eine kilometerlange Abfahrt endete kurz vor Homburg/Efze an der B 253.

Wir hatten die Wabernsche Senke erreicht und wendeten uns entschlossen Felsberg zu.

Endlich erreichten wir die Kartause Eppenberg. 1440 hatte Landgraf Ludwig liederliche Nonnen im Eppenberger Stift gegen brave Mönche aus Erfurt eingetauscht. Im Siebenjährigen Krieg hatte man sich in der Kartause gegen den Franzosen verschanzt. Nur ein alter Imker lebte in dem zerfallenden Kloster.

Wir biwakierten im Hof, ein Feuer wurde entfacht, Lieder gesungen.

Des Imkers Tochter drohte einer wenig erforschten Stoffwechselkrankheit zu erliegen. Coogan begab sich in Begleitung führender Köpfe und unserer Laternenträger zu einem traurigen Haufen Stroh, auf den der Vater das Mädchen gebettet hatte. Das Koma währte ein Jahr schon.

Der alte Scheich sprach sich aus. Es lag etwas Anstößiges in der ungezügelten Bereitschaft sein Unglück mitzuteilen. Hinzu kam eine Aufzählung grausamer Späße und abseitiger Gewohnheiten. Unser Wirt hatte sich früher die Zeit so vertrieben. Seine Vorfahren waren Odenwälder Hanfbauern gewesen. Das erklärte manches.

Hauke von Salzmannshausen warf warnend einen Blick in die Runde. Sie sagte nur ein Wort:

„Hexen.“

Vor Hexen musste man sich hüten. Der Kaufunger Wald (vormals Königsforst) war als Hexenland anerkannt seit der Jungsteinzeit.

Coogan befahl Aufbruch & Abmarsch. Ein bedrücktes und verwirrtes Gefolge gehorchte schlaftrunken.

Morgen mehr.

09:16 27.10.2015
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