Hessenmeister LXIX

Kassel Der Katholik auf dem Thron - Landgraf Friedrich II. von Hessen-Kassel durchbrach den reformierten Regentschaftsbetrieb, indem er konvertierte. Man hatte ihm abgeraten
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Unser Marburger - Philipp der Großmütige (1504 - 1564)

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/8/87/Wartburg-Philipp.von.Hessen.JPG/255px-Wartburg-Philipp.von.Hessen.JPG

Bildnachweis: Wikipedia

Ohne eine dynastische Landesteilung im 16. Jahrhundert in der Verantwortung von Philipp dem Großmütigen (1504 – 1564) wäre Hessen so wie Preußen ein europäisch eindrucksvoller Militärstaat geworden. Kassel glänzte schon, als Berlin lange noch Grotte war und der preußische Adel in der Mark Brandenburg verzweifelte. Da gab es nichts, sah man ab von Sandstürmen und Klapperschlangen.

Kassel war die größte hessische Stadt und weltweit die schönste. Kein Wunder, dass wir eine Party nach der anderen feierten. Wir waren die Happy Few, ganz tolle Kerle in einer Superstadt. Und jetzt kommt ihr! Seid ihr tolle Kerle? Doch eher weniger. Also, man sollte sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, falls man zu blöd ist, um eine leere Schublade aufzuräumen.

Wir aspirierten auf die Kurfürstenwürde, die ganze Stadt aspirierte solidarisch mit dem Landgrafen. Wir nahmen Flüchtlinge auf ohne Ende, sie hatten ihre eigene Stadt in den Grenzen Kassels. Das war unsere Villeneuve. Aber Hallo, Gottesdienste auf Französisch. Das war selbstverständlich! Das verstanden wir unter Gastfreundschaft! Selbstverständlich hatten der Franzos seine eigene BürgermeisterIn, Madame de Pompadour. Sie konferierte mit uns wie du und ich von Haus zu Haus nicht immer nur in großer Toilette. Da gab es ganz informelle Déjà-vus und Endurupplifun (Dingsbums) con Variazioni.

Wenn wir zum Beispiel die Siebente Klasse bestellten, dann hatten wir zu bestellen:

Legations-Secretäre, Hofmedici, Außerordentliche Professoren, Ober-Berg-, Zoll-, Hütten-, Bau und dergl. Ober-Inspectoren. Hof-Baumeister. Polizei-Inspectoren. Staatsanwälte. Wirkliche Secretare (mal mit a, mal mit ä) und Archivare, sowie Ober-Buchhalter bei den oberen Behörden.

Auch den Kassierer der Landeskreditkasse mussten wir bestellen; Bibliothekare und Auditeure. Außerordentliche Stadt- und Kriminalgerichts-Assessoren. Den Jagd-Zeugmeister.

Ich saß im Gouvernement am Gouvernementsplatz und entschied von morgens bis abends, wer bei uns in der Stadt mitmachen durfte und wer nicht. Drei Chinesen brachten mir mittags mein Chop Suey und lobten immer auch die erkleckliche Aussicht, die mir Fenster und Balkon meines Büros boten. Das war doch eine Selbstverständlichkeit, dass man nach dem Mittagessen, manchmal schneite der Landgraf vorbei und amüsierte sich über den Snack (in England snackte man allgemein und das Englische war in Mode bei hessischen Fürsten) zu einem Gang über den Platz aufbrach: zu unserer St. Martinskirche, um sich ihre gothisch-schöne Bauweise“* vor Augen zu führen. Wir kannten die große Kirche** seit dem 14. Jahrhundert. In ihr war das Erbbegräbnis der Landgrafen von Hessen-Cassel etabliert. Sehr ansehnlich war ein Monument, das unser Landgraf Wilhelm IV. seinen durchlauchtigsten Eltern*** errichten ließ als Andenken, nach einem Entwurf von E. v. Hoyerswerda. Es stand am Ende des Chors und war von Marmor und Alabaster. Hin reichte es beinah bis an den Kirchenhimmel. Zu Seiten des Monuments standen Statuen von Philipp dem Großmütigen und seiner Gattin in Lebensgröße. Philipp hatte die Stiftsbibliothek in die Sakristei gelegt. Man musste da durch, wollte man zum neuen Begräbnisgewölbe. Die (regierenden) Landgrafen seit Wilhelm IV. standen mit ihren Frauen in Stein Spalier.

Sich in der Martinskirche zu verewigen: war aus der Mode gekommen. Landgraf Friedrich II. hatte sich als Katholik vom kurhessischen Regentschaftsbetrieb abgesondert, Landgraf Wilhelm IX. (1743 - 1822) hatte sich in die Löwenburg legen lassen.

Löwenburg im Schlosspark Wilhelmshöhe

http://regiowiki.hna.de/images/thumb/6/6b/DSC_0142-L%C3%B6wenburg_1.jpg/375px-DSC_0142-L%C3%B6wenburg_1.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Wir waren mit seiner Lieblingsmätresse, der Karo von Schlotheim und Heckershausen (1766 - 1848), gut bekannt gewesen. Wilhelm hatte mit Karo dreizehn Kinder gehabt.

Ein Katholik auf dem Thron - Friedrich II. von Hessen-Kassel (1720 - 1785) durchbrach den reformierten Regentschaftsbetrieb, indem er konvertierte. Man hatte ihm abgeraten.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/4/4c/Friedrich_II_Hessen_Kassel_in_Uniform_Preu%C3%9Fen_1773.jpg/330px-Friedrich_II_Hessen_Kassel_in_Uniform_Preu%C3%9Fen_1773.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Unsere Karoline von Schlotheim - Liebste Freundin unseres Landgrafen Wilhelm IX. aka Kurfürst Wilhelm I.

http://www.winterpalais.elnos.de/Caroline.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

*/ **/ *** Aus "Cassel und die umliegende Gegend - Eine Skizze für Reisende", Cassel 1825 in der Kriegerschen Buchhandlung

Sämtliche historischen Angaben aus "Cassel und die umliegende Gegend - Eine Skizze für Reisende"

so wie

aus dem "Handbuch zur Kurfürstlich Hessischen Hof- und Staatshaltung auf (auf - so steht es geschrieben) das Jahr 1798."

Morgen mehr.

09:33 02.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare