Hessenmeister LXV

Ugly Casting an der Fulda
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Kassel

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Bildnachweis: Kassel.de

Die Kasseler Altstadt lag zwischen Oberneu- und Unterneustadt, die Fulda sonderte sie ab. Unsere Altstadt war nichts weniger als schön, da sie wie alle alten Städte krumme und enge Straßen hatte. Die Holzhäuser dienten als Beispiele schlechter Bauart. Vereinzelt fand man steinerne, in einem besseren Styl gebaute Häuser. Sie zeichneten sich vorteilhaft ab vom Ensemble und hätten es verdient an vorzüglicher Stelle zu stehen.

Das Quartier hatte neun freie Plätze und einundfünfzig Straßen*. Coogan erklärte das den Studentinnen auf dem Marktplatz, der zur Fulda hin gelegen war. Das Altstädter Rathaus und der neue Stadtbau erwarteten da die Neugier der Elevinnen. Unsere jungen Frauen genossen den Ausflug in die Unterschicht mit parfümierten Taschentüchern vor der Nase. Man hielt sie sonst fern vom Volk.

Natürlich staunte auch das Volk – bucklige Marktweiber mit ihren tellerminengroßen Warzen auf den Nasen. Drangsalierte Rotkäppchen. Buschige Selleriehändler, die sich noch nie gewaschen hatten. Rumpelstilzchen aller Couleur.

Flügellahme Schwäne, die behaupteten, Prinzen zu sein.

Die Mütter Courage der fünften Kolonnen.

Schwälmer Schweinehüterinnen in Tracht.

Studentinnen gab es damals weltweit nur in Kassel nach einem akademischen Modell von Texas „Grand Slam“ Coogan. Gemeinsam mit den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm so wie dem Einzelkind Samuel Single-Action Colt* hatte er die Germanistik erfunden und sie in Kassel zu einer bis heute unerreichten Blüte gebracht.

Colt prägte den ersten Hauptsatz der Vergleichenden Literaturwissenschaft:

The hammer must be cocked before the trigger will work.

Wir lebten in der Hauptstadt des Kurfürstenthum Hessen. Kassel war zugleich Residenz des Kurfürsten.

„Die Schönheit der neueren Stadttheile, die Seltenheiten, die sie enthielten und ihre reizenden Umgebungen (machten sie) zu einem Gegenstande der Aufmerksamkeit aller Reisenden.“**

Aus einem „umfassenden Thale erhob sich eine Anhöhe, welche der Fuldafluß durchschlängelte“.***

Die Fulda gefiel uns nun unter einer 273 Fuß langen und 42 Fuß breiten Steinbrücke über drei Bögen. Wir hatten sie (1788 – 1794) errichten lassen und sie nach dem höchstseeligen Kurfürsten Wilhelmsbrücke genannt.

Nicht unerwähnt bleiben darf, dass unsere Altstadt stark befestigt gewesen war. Coogan selbst hatte Landgraf Friedrich zum schleifenden Abtrag der Mauern geraten. So war es geschehen in der Zeit von 1767 bis 1774. Seither jagten sich die Verschönerungen.

Unsere Stadt soll schöner werden!

Im Wettbewerb der Residenzen bewahrte Kassel einen vorderen Platz. Eine achtzehn Fuß hohe Mauer schloss die neue Pracht ein. Nur die Südostseite der Oberneustadt war vom Einschluss ausgespart geblieben, um der schönen Aussicht willen.

*Sämtliche Angaben aus "Cassel und die umliegende Gegend - Eine Skizze für Reisende", Cassel 1825 in der Kriegerschen Buchhandlung

**Aus "Cassel und die umliegende Gegend - Eine Skizze für Reisende"

Morgen mehr.

10:57 29.10.2015
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