Hessenmeister LXVIII

Kassel Zweihundert Pferde standen im Marstall - Dem Leibgespann S.K.H. dienten acht isabellefarbene Hengste
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Casseler Charité

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Wir bedauerten alle den Abbruch der Kolonnade* vor dem abgebrannten Schloss. Das neue Schloss (die Kattenburg) war ein leidiges Thema. S.K.H. hatte die Bauarbeiten nach Fertigstellung des Erdgeschosses einstellen lassen. Unser Kurfürst konzentrierte sich momentan auf eine Reform der Staatsverfassung, die Feder führte ihm Gouverneur Coogan in Absprache mit seinen Staatsrechtlern J. Conrad und J. Freud.**

*Der Ingenieur Friedrich von S. sicherte Statuen in abgesegneter Heimlichkeit bei Nacht und Nebel. Man findet sie heute im Superb der Orangerie.

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Wir inspizierten also den Marstall im plaudernden Gefolge hoher und höchster Herren. Der Marstall stand schlossunmittelbar seit dem 16. Jahrhundert auf seinem Platz. Er stand da seither mit vier Flügeln. Die Flügel behüteten zweihundert Pferde und eine Sattel- und Geschirrsammlung von europäischem Rang. Die Schönheit der kurfürstlichen Pferde trieb jeden Kenner mit dem Kopf gegen die Wand. Das Leibgespann S.K.H. von acht isabellefarbenen Hengsten löste Stampeden des Wohlseins aus.

Nun zog es uns nach der Ostseite der Altstadt hin zur Unterneustadt jenseits der Fulda. Wir nahmen die Wilhelmsbrücke für unsere Absichten in Anspruch. Am östlichen Brückenende diente uns eine ehemalige Artillerie-Kaserne als Staatsgefängnis. Wir hatten die brave Anlage mit Wall und Graben zum jetzigen Behufe einrichten lassen von Spanndienstlern aus der Leipziger Vorstadt*.

*Leute lebten vorstädtisch, die ernährten sich von Wirthschaft, Handwerken und Krämern.

Frei von Spanndienstverpflichtungen zu sein war ein Privileg. Keine unserer mandeläugigen Germanistinnen hätte sich einem Spanndienstverpflichteten oder einem männlichen Absolventen ihres Fachs anvertraut. Bauernsöhne parodierten das Gehabe der Studenten. Nach der Mode trugen die Studenten flache Kappen, die flogen bald hier, bald da in den Dreck. Die Studenten ahmten kurzatmig athletische Bewegungen nach. So nahmen sie den tiefen Reiterstand ein und verharrten mit krummen, man möchte sagen dummen Knien; jeder unglückliche Kater besaß mehr Eleganz. Ihre Bewegungen verrieten einen Mangel an Begabung in jeder Hinsicht. Ihnen drohte die Alt-Junggesellentristesse in den Farben des Biedermeier.

„Sattle dir ein Pferd und reite nach Amerika“, rieten wir jedem jungen Mann. „Bloß werde uns hier nicht zum Germanisten.“

Wir passierten das Leipziger Tor (Thor) in einem herrlichen Auflauf der buchstäblichen Erheiterung. Alles war wie Flieder und da …

da war

ja

d-a war die Unterneustädter Kirche im guten Stil erbaut. Neben ihr hielt sich das Wachthaus des Leipziger Thors gerade und vis-à-vis rockte unser reformiertes Waisenhaus die Bütt. Wir erinnern uns, das Kurfürstlich Hessische Hof- und Staatshandbuch wurde hier jedes Jahr gedruckt und entbunden** von Unterprivilegierten, die wir bedauerten.

Trotzdem verdiente unser Waisenhaus als gute Einrichtung gesehen (gelobt) zu werden.

Wir eilten in die Vorstadt zu den Schmuddelkindern und dem Siechenhof, der seine eigene Kapelle hatte. Das war die Casseler Charité.

*Aus "Cassel und die umliegende Gegend - Eine Skizze für Reisende", Cassel 1825 in der Kriegerschen Buchhandlung

Sämtliche historischen Angaben aus "Cassel und die umliegende Gegend - Eine Skizze für Reisende"

so wie

aus dem "Handbuch zur Kurfürstlich Hessischen Hof- und Staatshaltung auf (auf - so steht es geschrieben) das Jahr 1827."

**Cassel - Druck und Verlag des reformierten Waisenhauses

Morgen mehr.

08:03 01.11.2015
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