Hessenmeister LXXVI

Kassel zur Zeit Wilhelm I. - In Augenschein nehmen wir seine Wohnung in der Bellevuestraße
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Maria von Hannover - Mutter des Kurfürsten Wilhelm I. von Hessen-Cassel

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1723 kam im Londoner Leicester House eine Königstochter zur Welt. Maria machte weiter keinen Ärger und wurde bald Landgräfin von Hessen-Kassel. Allerdings war sie mit dem einzigen kurhessischen Regenten nach Luther verwopft, der sich vom Katholizismus angezogen fühlte. Das war ein dicker Hund zur damaligen Zeit. Das Paar trennte sich auf Anordnung von ganz oben. Von einer Scheidung sah man ab, so dass der Katholik auf dem kurhessischen Thron, ich spreche von Friedrich II., sich wieder nicht verheiraten konnte. Man schaffte Maria, übrigens eine Tochter der Caroline von Brandenburg-Ansbach, u.a. Kurfürstin von Hannover, mit ihren Plagen nach Hanau, um sie in der Reinheit des Protestantismus und in der Lieblichkeit der
Mainsenke vor allen katholischen Übeln zu bewahren. In Hanau schlug die Stunde des 1743 zu Kassel geborenen Wilhelm IX. Mit siebzehn wurde er nämlich Graf von
Hanau, Steinheim & Kesselstadt. Er folgte dem bedenklichen Vater auf den hessischen Thron und brachte es zum Kurfürsten: als das Heilige Römische
Reich Deutscher Nation sich gerade in die letzte Kurve legte und es keinen Kaiser mehr von Kurfürsten zu wählen gab.
Auch das ein Treppenwitz der Epoche. Als Kurfürst hieß der Landgraf Wilhelm I. von Hessen-Cassel und trieb Handel mit Menschen, die gar nicht schwarz waren. Der Soldatenverkauf machte ihn reich und Amerika hessisch. Gern wäre Wilhelm „König der Chatten“* geworden, so wie er im Ganzen rückwärtsgewandt und absolutistisch empfand.

*Die Chatten siedelten im Kasseler Becken. Sie waren international die besten Germanen, hatten kaum Berührung mit den Römern und blieben ihrem Gebiet bis auf den heutigen Tag treu, so dass man im ächten Casseläner immer noch einen wahren Chatten vermuten darf.

Daheim bei Seiner Königlichen Hoheit Wilhelm I. - Der Kurfürst empfing Gouverneur Coogan und das akademische Gefolge. Eine pharaonische Grablege-Phantasie in Ebenholz, Marmor, Gold und Bronze überließ den nobilitierten Besucher dem Zustand zwischen Schauer und Entzücken. Das egyptische Zimmer war vielmehr eine Staffel von Kabinetten, die den Eindruck von Pracht und Düsternis buchstäblich vertiefte. Ich sah Männer, die den Teufel nicht fürchteten und sich einer direkten und ungetrübten Abstammung von den Chatten gewiss sein konnten, den Schweiss von der Stirne tupfen, ob der phantasmagorischen Erregungen vor Ort. Ein Löwe an der Leine S.K.H. trug zu allgemeinem Unbehagen bei. Man bewundert solche Majestäten auf der freien Wildbahn, als Hausgenossen befürchtet man Unannehmlichkeit und üble Gerüche, zumal es S.K.H. zweifellos über die Hutschnur gegangen wäre, wenn einer unserer Wackeren den Kater abgeknallt hätte.

Wir betraten einen Cour=Saal, der wohl sechzig Fuß lang sein mochte. Vier dorische Säulen unterstützten den Plafond. Halbzirkelförmige Aussparungen fassten einen Divan nach dem anderen. Da war zum Sitzen nichts. Man sollte die Möbel nur bewundern - Designerscheiß von 1820.

Sämtliche historischen Angaben aus "Cassel und die umliegende Gegend - Eine Skizze für Reisende"

Morgen mehr.

09:10 09.11.2015
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