Hessenmeister LXXVIII

Kassel Heute reden wir über die Prinzessinnensteuer und den kurhessischen Staatsschatz
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Wir mussten Prinzessin Marianne an den Mann bringen. Sie wurde bald siebzehn.

Marianne war eine rosige Person von ländlich-feinem Wesen. Landgraf Wilhelm IX. bat Uns zu einer Geheimkonferenz nach Schloss Schönfeld.

Schloss Schönfeld

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In den 1770er Jahren entstand auf dem Wilhelmsplatz das HÔPITAL DES FRANCOIS REFUGIÉS nach Plänen unseres Stadtbaumeisters Simon Louis du Ry. In dem französischen Armenhaus wurden nicht nur Hugenotten zusammengezogen. Landgraf Friedrich II. überließ Gouverneur Coogan die Aufsicht über den karitativen Betrieb. Coogan verließ sich im Wesentlichen auf Uns, Uns war nie wohl beim Anblick der Syphilitiker und verkrätzten Gemütskranken. Das Institut diente den Unterschichten, wer es sich leisten konnte, rief einen Arzt zu sich nach Hause.

Der brave Bürger verbrachte keinen Tag seines Lebens in so einer zwischen Kranken- Armen- und Findelhaus changierenden Einrichtung des Fortschritts. Doch für die wandelnde Armut boten bed & breakfast so wie die Aussicht nicht zu erfrieren bereits einen paradiesischen Vorgeschmack. Da gingen alle Lampen der Begeisterung an und das alleruntertänigste Gesabber los. Bei der Entwürdigung des Menschen durch den Menschen war ein Ende nicht abzusehen.

Es gab reichlich ausgesetztes Gesinde. Von ihren Herrschaften auf die Straße geworfene Leute. Eine Institution war der Drehkasten zur anonymen Säuglingsabgabe. Die Findelinge starben in Ammenobhut wie die Fliegen. Nicht zehn von Tausend erreichten das vierzehnte Lebensjahr, so dass man sie zum Militär tun und ordentliche Menschen aus ihnen machen konnte.

Wir fühlten uns aufgeklärt und der Wohlfahrt verpflichtet, kamen aber nicht umhin, einen Missbrauch der landgräflichen Großzügigkeit festzustellen. Die liederlichsten Dirnen erreichten Casseler Gnadenstationen aus dem Ausland (Kurfürstentum Hannover) um sich von ihrer Zuchtlosigkeit entbinden zu lassen.

Ein Kavalier unterschied nicht zwischen Arbeit und Sklaverei. Das Leben wollte von der passablen Seite angefasst werden, die Wände Unseres Wohnzimmers waren von carrarischem Marmor, den Plafond trugen acht Porphyr-Säulen. Wir ergaben uns dem Raumgefühl in einem Wohnzimmer von vierhundert Fuß Länge, sechzig Fuß Breite und zweiundvierzig Fuß Höhe. Sollte es im heiteren Gespräch einmal wieder darum gegangen sein, bei jemandem den Himmel ins Haus zu lassen*, dann war das eine Umgangsprachlichkeit im Spektrum volkstümlicher Rechtsbegriffe gewesen.

*Jemandem aufs Dach steigen, kommt daher.

Wir mussten Prinzessin Marianne an den Mann bringen. Sie wurde bald siebzehn. Marianne war eine rosige Person von ländlich-feierlichem Wesen. In der Schwälmer Tracht hätte man sie für Trampel Trulla halten können. Für Marianne war eine „Prinzessinnensteuer“ von 35.000 Rthlr. fällig geworden. Aufzubringen hatten die Steuer unsere hessischen Landstände zur Aussteuerung der Braut. Man kann sich der Stände Freude vorstellen.

Johann Christian Carl Henschel baute dem kurhessischen Adel die Öfen

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Unsere Öfen waren mit größter Kunst in der Henschel’schen Gießerei aus Bronze gearbeitet. Sie hatten stückweise fünftausend Rthlr. gekostet. Der Fußboden, die Türen und Lambris waren von Mahagonieholz und mit vergoldeter Bronze glänzend gemacht. Fünf Kronleuchter hatten Wir anbringen lassen, der eindrucksvollste hatte eine Peripherie von dreiunddreißig Fuß. Wir hatten dafür den Pappenstiel von zwölftausend Rthlr. hingeblättert. Einfach mal so. Stets ging es darum, wer hat den Größten. Natürlich versahen das Geschäft des Leuchtens auch noch vorzügliche Kandelaber. Morgen erzählen Wir euch, was Wir für die Tapeten ausgegeben haben. Da schnallt ihr ab.

P.S.

Die Geschichte, wie Johann Conrad Wilhelm Mensing (1765 - 1837) den kurhessischen Staatsschatz vor Napoleon rettete, erzählen Wir auch morgen, wenn Wir mit Unseren Tapeten durch sind.

11:40 11.11.2015
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