Hessenmeister LXXXII

Kassel in der Ära des Kaffeeverbots
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Resozialisierung mit Arbeit - Erziehung zur Tugendhaftigkeit lüderlicher Weibspersonen. Auch Bettlerinnen konnten ins Spinnhaus geraten.

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Bildnachweis: Wikipedia

Als im 17. Jahrhundert in Brandenburg ein Zuchthaus in Betrieb genommen wurde, war bei der Einweihungsfeier vom Strafrecht nicht die Rede. Sinn der Sache war die Nutzung billiger Arbeitskräfte – das Zuchthaus als Manufaktur. Der Landesherr gab die Ausbeutung der Insassen in private Hände, die Pächter setzten den Sanktionskatalog* der Haftordnung zur Durchsetzung wirtschaftlicher Interessen ein. Zur gleichen Zeit bestanden Gefängnisse, in denen sich Freiheitsentzug mit Leibesstrafe paarte und der Gefangene in kein ökonomisches Kalkül gezogen wurde. Im Licht der Aufklärung hielt man Gefängnisse für rück- und Zuchthäuser für fortschrittlich.

*Versuchter Selbstmord wurde hart bestraft nicht bloß als Verstoß gegen Gottes Willen. Für kriminell erachtete man außerdem die Verminderungen, die dem Unternehmer so entstanden.

Der Geist der Reformation und insbesondere Anregungen aus den Niederlanden, der Holländer ist, sofern reinen Blutes, Nachkomme der im vierten Jahrhundert aus dem Habichtswald und der Söhre abgerückten Katten-Kavallerie, genannt Bataver, der Niederhesse ist folglich dem Niederländer ein Bruder …

Deshalb sagt man Wo Hessen und Holländer verderben, da kann niemand was werden!

Der Geist der Reformation und insbesondere Anregungen aus den Niederlanden, um den Faden noch einmal anders zu verwirren, bewogen den ewigen Regenten Landgraf Karl von Hessen-Cassel zum Bau eines zweistöckigen Zuchthauses als Besserungsanstalt an der Fulda. Nach oben tat Er die Frauen, so sie gegen das Kaffeeverbot* verstoßen oder lüderliche Verbrechen verübt hatten. Allen Verurteilten war Pfeifen und Lärmen verboten, man erwartete ein in sich gekehrtes Betragen und jene Stetigkeit, die vermisst worden war, solange die Delinquenten in Freiheit noch gewesen.

Tabak rauchen war bei guter Führung erlaubt, Tabak kauen aber unter keinen Umständen.

Wir wollen sagen, dass Wir aus dem Geist der Epoche die Züchtigungen als pädagogische Notwendigkeit und soweit als pädagogische Nötigungen verstanden. Auch wenn es Uns leicht fiel zu strafen, da Wir einen Spaß darin fanden und die Verworfenen mit Vergnügen zappeln sahen, achteten Wir doch streng auf das Maß.

*Unter der Überschrift „Rechtsprechung und Aberglaube“ wollen Wir eine lose Sammlung hier anlegen.

Es gab medizinische Einwände gegen Kaffee; man erwartete die Degeneration der nordischen Rasse im Blutrausch der Kaffeebohnen.

Handfeste, mit Prügel und Haft bewehrte Verbote fielen mit bizarren Begründungen aus dem Rahmen. Zuviel Brennholz würde auf das Kaffeekochen verwendet.

Man fürchtete den Kaffee als Konkurrenten (Verdränger) des heimischen Biers.

Kaffeetrinken als adliges Vorrecht.

Geistliche konnten eine Lizenz zum Kaffeetrinken erwerben.

Das Volk wurde mit der Begründung vom Genuss ausgeschlossen, „Kaffee sei keine gute Nahrung“ für Leute, die arbeiten müssen.

Überliefert ist ein Verbot von Kaffeegeschirr in Privathaushalten.

Man hielt Kaffee trinken für äffische Nachahmerei imperialer Nachbarn.

In Zuchthäusern konzentrierte man im 18. Jahrhundert alles, was nichts taugte, einschließlich gewisser Memmen, die sich aufbliesen und mit Intransigenz Hochgeborenen auf den Wecker gingen. Ich erinnere an eine Zwergnase, die im Schlosspark von Niederschönhausen sich in der beschriebenen Weise ungebührlich betrug, beim Anblick des Konstablers jedoch die Beine in die Hand nahm.

Man warf alles zusammen, Landstreicher, Kaffeetrinker, Verkrätzte, ungerathene Kinder, Idioten, Müßiggänger, Münzfälscher und Lichtscheue. Lange behielt das Zuchthaus einen Aspekt der Armenpflege. Man konnte aus dem Zuchthaus in ein Hohes Hospital* entlassen werden – Eine Form der Sicherheitsverwahrung und zugleich der Fürsorge.

*Orte der Alten- und Armenpflege/Psychiatrische Auffangstationen

Beschneidung von Wildwuchs – Kanalisierung von Energien - Eltern schickten ihre Kinder ins Zuchthaus, da sie nicht mit ihnen fertig wurden. In den deutschen Ländern grassierten ab dem 17. Jahrhundert die Zuchthausgründungen. Im Zuge der Reformation kam es zu Umwandlungen von Klöstern in Zuchthäuser.

Morgen mehr.

11:03 15.11.2015
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