Hessenmeister LXXXIV

Kassel und sein Museum Fridericianum (Teil II)
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Fridericianum

Bildnachweis: documentaforum.de

Was dem 19. Jahrhundert bemerkenswert erschien, übersieht die Gegenwart. Mir sind die sechs Statuen auf dem Museumsdach nie aufgefallen. Dabei sah ich sie ständig; ich habe um die Ecke schwimmen gelernt; da war auch das sagenhafte Royal, unser Nachtkino für die Spätfilme. Ich sah sie, beachtete sie aber nicht. Vor dem Museum Fridericianum läuft einem der Friedrichsplatz über den Weg. Auf einer Mauer des Platzes wurden Burlesken öffentlichen Trinkens aufgeführt. Man hatte dafür in Kassel kaum Verständnis, wer trank, schädigte die Familie, vor den Gefahren des Alkohols wurde gewarnt, folglich saßen da von der allgemeinen Ordnung Befreite. - Leute, denen ihr Ansehen egal sein musste, weil sie keines hatten. Mich faszinierten Spielarten der Kontributionsverweigerung. Bemerkenswert fand ich die Variante, in der Männer und auch Frauen sich selbst zu abschreckenden Beispielen erklärten. Das Gift der Fremdwahrnehmung wirkte.

Trinkende Frauen waren ein Thema in der Nähe von Pornografie. Hartnäckig hielt sich die Vorstellung, dass Frauen weder trinken noch stinken. Männliche Unarten und Auswüchse lagen ihnen fern. Das saß tief und war genauso bizarr wie die Unsichtbarkeit der Statuen. Ich wusste es zwar besser, doch das bessere Wissen kam bei mir nicht an. Dass Männer stinken und trinken war Gottes freier Willen. Daran durfte nicht gerüttelt werden. Aber Frauen waren anders.

Jener rheinische Ramon de Suppé, dem es nach einer kritischen Inaugenscheinnahme des Museumsso schlecht erging, dass in einer höfischen Haushaltsbuchanzeige aus dem Jahr 1818 sowohl das Adelsprädikt als auch der Accent aigu flötengingen und der ausländische Reiseschriftsteller (und Gastronomiekritiker) als Ramon Suppe unter seltsamen Umständen zu Tode gekommen war, hatte allerdings die sechs Statuen „auf der achtzehn Fuß hohen“ Attika gesehen, bevor er Abschied nahm von seinem spitzlippigen Leben.

Suppé schreibt „Attike“, ich kannte das Wort auch nicht, ihr braucht euch nicht zu wundern darüber, was ihr alles nicht wisst. Zum Schluss weiß man viel, aber das nutzt wenig. Was bin ich als Spund traktiert worden mit greisen Überlegenheitsbeweisen. Ich war bei jedem Hinz und Kunz in der gehobenen Ausführung, das waren Scherbengerichte der Eitelheit, abgesehen von den wurstigen Typen, wobei die Wurstigkeit schließlich nur noch mechanisch ist und leiert. Leute, die ihr Leben lang Bücher in sich hinein gefressen hatten, mit einer gemeinen Gier unter dem Zuckerguss der Bonhomie, brachen vor Verachtung auseinander, dass ihnen so einer geschickt worden war. Noch nicht mal Redakteur. Klar, ich wusste nichts, ich dachte, dieses Fass ohne Boden lässt man am besten unter dem Deckel auslaufen. Um gut auszusehen, um die guten Frauen für sich zu interessieren und um Aufträge zu kriegen, durfte man gar nicht unter Oberflächen tauchen. Ich habe als freier Autor in den Achtzigern und Neunzigern ohne Ausbildung vier- fünftausend Mark im Monat verdient und doch den halben Tag im Schwimmbad, in der Muckibude vom Petrescu und laufend im Grüneburgpark oder laufend im Günthersburgpark verbracht, später bin ich Apfelwein trinken gegangen. Abends gab es Termine und Verabredungen, das waren berufstätige Frauen ohne Tagesfreizeit, mit denen man als Journalist zu tun hatte. Die Frauen dachten, mir würde mein Lebensstil schon noch auf die Füße fallen. Aber bis dahin war ich geiler als jeder Sorgenknecht, der aus Angst vor der Zukunft, sich in eine Angestelltenexistenz gedrängt hatte und deshalb für die Vaterrolle prädestiniert war. Die künftigen Väter mussten sich hinten anstellen, das Rad drehte sich auch, sobald sie an der Reihe waren, spielte ich keine Rolle mehr.

So geht Natur, man begreift das Leben erst, wenn man tot ist. Dann ist es nicht zu spät, etwas zu verstehen, wird atomare Poesie, Ramon de Suppé zahlte mit dem Leben für seine Genauigkeit. „Bey dem Eintritt in das Gebäude durch eine der fünf, in dessen Mitte angebrachten Hauptthüren kommt man in einen 56 Fuß langen und 43 breiten Vestibüle. Die Decke desselben ruht auf vier frey stehenden dorischen Säulen, und die Wände sind mit 16 dergleichen geziert, die jedoch nur um zwei Drittheil ihres Durchmessers vorstehen.“

Ja, Drittheil. Genau so.

Morgen mehr.

10:35 17.11.2015
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