Hessenmeister LXXXIX

Kassel Landgraf Karl verwandelte seine Residenz in eine Sehenswürdigkeit mit Sanssouci-Anmutungen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Ulrika Eleonora - Sie brachte einen Hessen auf den schwedischen Thron

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/37/Ulrika_Eleonora.jpg/220px-Ulrika_Eleonora.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Klappe zu, Affe tot - 1685 machte Ludwig XIV. Schluss mit dem protestantischen Unfug in seinem katholischen Frankreich. Im Edikt von Fontainebleau schuf er die Reformierte Kirche ab und kurbelte so die Wirtschaft in den Nachbarländern an. Landgraf Karl von Hessen-Cassel (1654 – 1730) rieb sich die Hände, er gewährte den Hugenotten und Waldensern Siedlungsfreiheit in Niederhessen. Die französischen Flüchtlinge bauten sich in Kassel die Oberneustadt. Sie revanchierten sich bei Karl, indem sie in der Residenzstadt den Merkantilismus modellhaft auf die Spitze trieben. Das rief Bewunderer und zukunftsängstliche Kritiker aus den deutschen Ländern auf den Plan.

Rainer von Kreuzberg überfiel Kassel mit seinen Vorurteilen im Jahr 1700. Der Reiseschriftsteller nannte Karl einen muffigen Fürsten. Dessen einzige Freude sei die Ruhmsucht. Karl machte Kasse mit einem Soldatenverleihdienst, den Schotter steckte er in den Bau des Herkules-Oktagons und der Orangerie. Er verwandelte Kassel in eine Sehenswürdigkeit mit Sanssouci-Anmutungen.

Kreuzberg fand auch das Schloss muffig und zu dunckel. Er monierte zu wenig Pomp und zerriss sich über die schlechte Bestuhlung der Kinderzimmer das Maul. Er warf der herrschenden Familie das vor, was eine herrschende Familie auszeichnete: dass ihre Männer der Jagd und dem Feldzug den Vorzug gaben und ihre Frauen standesgemäß niederkamen, was das Zeug hielt. Es ging doch nur ums Gebären, das war der Wettbewerb der Dynastien, und im Weiteren mochte die Laune der Landgräfin sein wie sie wollte.

Das war egal.

Karl war mit Amalia verheiratet, einer seiner Söhne wurde der Schweden König und starb in Stockholm. Amalia war unmodern und unmondän. Solche Frauen nannte man fromm, um ihnen etwas nachzusagen.

Kreuzberg drang in das Schlafzimmer des Fürsten ein, das verstieß nicht gegen den Anstand. Der Landgraf war Schausteller seiner selbst, er kehrte alles nach außen, um äußerst beeindruckend zu wirken. Amalia gehorchte der Pflicht zur Performance mit geringem Talent. Hätte man sie unter das Gesinde getan, wäre sie nicht aufgefallen. Ihre Vortrefflichkeit erschöpfte sich darin, Tochter eines Herzogs zu sein. Ihre ersten beiden Kinder lebten kurz, dann kam Friedrich, der Landgraf von Hessen-Cassel und Schwedenkönig in Personalunion wurde. Seine Frau, die Ulrika Eleonore, regierte mit. Manche Schriftsteller erzählen das wie hinter vorgehaltener Hand so diskret. Man beschreibt Ulrika als regierende Königin. Das durfte man anrüchig finden. Das muss doch ein Besen sein, dass die regieren will. Hat die nichts Besseres zu tun? Hat die denn nichts Richtiges gelernt?

Jedenfalls hatte ihr Gatte zum Mord die Gemeinheit. Dazu später mehr.

Kreuzberg listet missmutig eine im Glasschrank verwahrte Sammlung von Gemmen, Kameen und anderen geschnittenen Steinen aus alter und neuerer Zeit auf. Der Schrank war eine Attraktion mit eigenem Raum im Schloss. Der Raum maß 40 Fuß in der Länge und 37 Fuß in der Breite. Unterstützt wurde er von vier dorischen Säulen.

Im Schrank befanden sich antike Münzen, von denen viele von großem Werthe waren, so wie künstliche Arbeiten von Elfenbein, Bernstein, Achat und dgl. Kreuzberg erwähnt goldene und silberne, mit Edelsteinen besetzte Trinkgeschirre und Bettpfannen des Mittelalters nebst anderen Kostbarkeiten. Unter den Kostbarkeiten zeichnet sich außerordentlich ein besonders reiches, mit Diamanten besetztes Degengefäß nebst Gehänge aus, das König Ludwig XIV. von Frankreich an Landgraf Wilhelm VI.geschenkt hat.

Gehäuftes „nebst“ – der Landgraf war ein Höhepunkt seiner Imponierarchitektur. Es gab keine Psychologie, wer war denn Ich? Alles war Repräsentation, bis zu dem Ort, wohin selbst der Kaiser zu Fuß ging, um ein Wort meines Vaters anzubringen.

Die Architektur war der Rahmen. Der Fürst stellte sich in den Rahmen und wurde selbst zum Bild.

In dieser Welt spielte das Antichambre keine Rolle. Der Fürst brauchte den Abstand nicht, den die Scham will. Er empfand keine Scham. Gegebenenfalls regierte er mit heruntergelassenen Hosen.

Die Landgräfin regierte nicht. Sie kannte Scham, ihr war vieles eine Last so wie der Voyeurismus, dem sie diente. Sie verkürzte die Mahlzeiten mit knappen Auftritten, vor ihr durfte keiner sitzen und nach ihr keiner sitzenbleiben. Die Gatten existierten in Parallelgesellschaften. Abends spielte Amalia zügig ihre Partie Pharao und zog sich dann energisch zurück, während Karl mit anderen lange spielte und in Gesellschaft träge wurde.

Kreuzberg schilderte den höfischen Alltag ohne Sympathie. Das spricht für ihn. Er verweigerte in den Grenzen seiner Zeit das Fürstenlob, das seine Position bey Hofe garantierte und klärte. Die Herrscher konnten mit günstiger Darstellung ihrer Haushalte rechnen. Ob der Beschwerlichkeit von allem Möglichen musste ein Schreibknecht wie Kreuzberg in jeder Sache viel finden und so eine feudale Homestory bis zum Gehtnichtmehr strecken.

Morgen mehr.

05:27 22.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare