Hessenmeister LXXXV

Kassel und seine Künstler
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Johann August Nahl der Jüngere - Phrixos und Helle, auf Chrysomallos, einem Widder, den die Mutter, Göttin Nephele, zur Rettung ihrer Zwillinge vor einer üblen Stiefmutter sendet.

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Bildnachweis: europeana.eu

Im 18. Jahrhundert war das Reisen nicht mehr nur feudales Gefahr-Vergnügen. Es gab die Grand Tour für den bürgerlichen Nachwuchs. Man reiste, um Seltenes und Seltsames gesehen zu haben. Auf die Retrospektive kam es so an wie heute auf das Foto. Erst das Foto schafft Apperzeption.

Das Wie der Wahrnehmung folgt Moden. Es hob einen bis ins hohe Alter, Venedig gesehen und in Neapel einen Schnupfen gehabt zu haben. Wer Kassel erreicht hatte, verdankte landgräflichem Repräsentationswillen starke bis dramatische Eindrücke. Der Höhenpark mit dem Herkules auf der Spitze war eine Sensation im englischen Stil. Jeder Besucher machte dem Garten seine Aufwartung. Die Wenigstens gelangten in die Wohnung S.K.H. Wir gingen da ein und aus in amtlichen Angelegenheiten. In einem Kabinett fand die Prüfung der Penelope statt - so wie sie unser Freund Johann August Nahl der Jüngere (1752 - 1825) aufgefasst hatte.

Johann August stammte aus einer Künstlerfamilie, die sich bis nach Amerika verzweigte und in Kassel einen festen Stand hatte. Unterrichtet worden war er von seinem Vater und von Johann Heinrich Tischbein d. Ä. (1763/64). Neben der Penelope hingen eine Madonna und eine mütterliche Liebe, beide nach Raffael und von Marianne von Rohden, verh. Hummel. Gestern sprachen wir über die Künstlerdynastie v. Rohden, nun haben wir die Seltsamkeit einer malenden Frau. Das war so unschicklich und eben seltsam, dass die Chronisten dem Publikum nicht unumwunden die Sache darlegen konnten. Ich finde folgende Bildunterschrift: Von Madame Hummel, der Gattin des hießigen talentvollen Malers Ludwig Hummel. Marianne wurde in Kassel geboren, sie war eine Schwester des Malers Johann Martin von Rohden. Um die napoleonische Jahrhundertwende hummelte sie nach Paris und kopierte mit Ludwig im Louvre den heißesten Scheiß ihrer Gegenwart. Das waren die Warhols von Raffael.

Auch exotische Täfelungen lieferten dem Reisenden einen Grund zur Unterbrechung. Vielleicht war ihm so oder so schon schlecht, jedenfalls gab es Kabinette nur zu dem Zweck einer außerordentlichen Gestaltung/Täfelung. Darin hatte man Holz aus Sumatra zu bewundern, Sumatra war für weit weg schon ganz ordentlich.

Auch S.K.H. der Kurfürst Wilhelm I. hatte so etwas und daneben lag ein Zimmer, welches sehr schöne Thierstücke in Lebensgröße von dem in diesem Fache vorzüglich geschickten Professor Range enthielt. Das hierauf folgende Kabinet (so schrieb man 1824) ist mit Original=Zeichnungen in Sepia von Hackert, Mengs und Nahl geziert, die von hohem Kunstwerthe waren. Über Jakob Philipp Hackert und die Nahls habe ich euch unterrichtet. Zu Mengs morgen mehr.

Anton Raphael Mengs - Selbstporträt

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/9/95/Mengs%2C_Selbstbildnis_en_face.jpg/800px-Mengs%2C_Selbstbildnis_en_face.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Sämtliche historischen Angaben aus "Cassel und die umliegende Gegend - Eine Skizze für Reisende"

09:40 08.11.2015
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