Hessenmeister LXXXV

Kassel und sein Museum Fridericianum. (Teil III) Ramon de Suppé staunte im Peristyl. Er bemerkte eine mit den Statuen des Atolls und der neun Musen „gezierte“ Treppe
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Pracher- oder Bettelvogt führt altes Weib zum Spinnhaus. Vielleicht fiel das Weib unschuldig ins Unglück. Dahinter Jungfrau mit Kind im Stand einer Soldatenwitwe. Selbstverständlich ohne Rente.

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Der Siebenjährige Krieg (1756 - 1763) war ein Entwurzelungswerk, das vor allem junge Männer von Bindungen trennte. Der Krieg entfremdete die Ausgehobenen ihrem Milieu und ließ sie zu den Gewissheiten und dem Ort ihrer Herkunft nicht mehr zurückfinden. Landgraf Friedrich II. von Hessen-Cassel formulierte in seinen Pensée diverses, man müsse das Dicke mit dem Dünnen nehmen und im Leiden des umtriebigen Volkes einen Ursprung des wissenschaftlichen Fortschritts erkennen. Die Fürsten zuzeiten des kurhessischen Friedrich II. neigten dazu, Armut für ein medizinisches Problem zu halten.

Soldaten wurden zu Invaliden und Vagabunden, ein Tross von Witwen und Waisen lebte prekär. Groß war die Zahl unehelicher Kinder. Deren Versorgung fehlte die rechtliche Regelung.

Jedes Jahr fanden Hinrichtungen von Kindsmörderinnen statt.

Ich habe euch schon erzählt, dass man Zuchthäuser zu den pädagogischen Einrichtungen zählte, in denen die Aufklärung Gespenst spielte. Der Landgraf ließ jeden sächsischen Landstreicher ausweisen, verelendete Landeskinder unterstanden aber der Obhut eines Prachervogts, der mit Prügel, Spinn- und Stockhaus drohte. Andererseits erfüllte er Funktionen eines Sozialarbeiters. Er diente der Fürsorge, wenn er eine Lüderliche zum Spinnhaus oder einen Müßiggänger nach dem Stockhaus führte. Der Vogt registrierte die Almosenempfänger.

Niemand bestritt den Ärmsten den Vorteil hessischer Abstammung. Man konnte noch so verworfen und mit Armutsakne geschlagen sein, als Hesse hatte man Anspruch auf einen Platz in einem Casseler Zuchthaus.

Der Vogt strich mit der Armenbüchse um seine Ecken, er klapperte durch Wirtshäuser. Zwei Seelen stritten in seiner Brust um die Meinungshoheit. Es gab die Protestantin Charlotte, die jeden für seines Glückes Schmied hielt und Armut persönliches Versagen nannte, so wie es Gabi gab, die Brot und Obdach für ein Menschenrecht hielt. Über allem standen Fragen der Hygiene. Es ist nicht uninteressant und typisch ist es außerdem, dass, wann immer man nicht weiter weiß, die Ermahnung zu mehr Sauberkeit ergeht.

Mit Flüchtlingen kommen Seuchen. Das zieht sich als Furchtthema durch die Geschichte. Dann heißt es gleich: Es gibt nicht genug Duschen für so viele Menschen.

Die Namen der Armenvögte übergeben Hofhandbücher meinem Gedächtnis. Die Vögte wurden in Klassen niedriger Beamter geführt und in der Öffentlichkeit als Polizisten wahrgenommen. Kaum vorstellbar, dass so ein Vogt zu seiner Erbauung ins Museum Fridericianum ging. Der rheinländische Pechvogt (Reiseschriftsteller und Gastronomiekritiker) Ramon de Suppé, der aus lauter Liebe zum architektonischen Detail und zur Wahrheit im frühen 19. Jahrhundert bei Kurfürst Wilhelm I. von Hessen-Cassel in Verschiss geriet, so dass nichts mehr zu machen war, erbrach sich in Genauigkeit bei der Schilderung des Museums, das in meiner Kindheit eine Seitenansicht vom Bilka war. Ich bin mit Oma ins Bilka, es gab Kochwurst mit Brötchen. Wir saßen dann in so einer (anrüchigen) Essnische (aushäusigem Essen haftete der Geschmack des Zweifelhaften und Unsauberen an, alle anderen Gäste konnten jederzeit Obdachlose, gemeingefährliche Zocker oder abgefeimte Versicherungsbetrüger sein) Oma irgendwie leblos und wie künstlich beatmet, Opa im Krieg geblieben, verschollen nicht gefallen, mit drei kleinen Kindern war Oma in der Stunde Null auf den Boden der Tatsachen geschlagen, die Kinder wurden groß, die Witwenrente blieb klein, Oma erschien mir zu wehrlos für das Leben, es ging immer nur um Haltung, Unauffälligkeit, einmal nannte ich Oma bei ihrem Vornamen, das löste Sturm und Gewitter wegen Respektlosigkeit aus. Ramon de Suppé staunte im Peristyl des Museums. Er bemerkte eine mit den Statuen des Atolls und der neun Musen „gezierte“ Treppe.

Euterpe - eine der neun Musen, zuständig für Lyrik

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08:12 18.11.2015
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