Hessenmeister LXXXVI

Kassel und sein Museum Fridericianum. (Teil IV) Das Museum war vorgesehen als Versammlungsort der Reichsstände
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Wenn sich die Reichsstände trafen

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Jérôme Bonaparte war der kleine Bruder mit der Tolle des gekrönten Präfekten. Animus socii - Als König von Westphalen verkörperte Jérôme das Leiden an einer gelähmten Existenz in den Spielarten vitalen Vergnügens (Cassel als Reich der Sinne). Die Hauptstadtbewohner nannten ihn „König Lustig“. Als Freund des harten Mitlauts machte Jérôme aus Lustig „Lustik“. Eine postume Scham stieg ihm hinterher, die Casseler verschwiegen die französische Besatzung als westphälische Zeit. Auch der Rheinländer Roman de Suppé euphemisierte die Schmach einer Fremdherrschaft, die für den gemeinen Menschen vor allem dies bedeutete: den eigenen Töchtern mit seiner Virilstimme nicht Einhalt gebieten zu können. Sie mit französischen Siegsoldaten ziehen lassen zu müssen. So wie Kasseler Töchter hundertfünfzig Jahre später mit Amerikanern in Ruinenkellern vorglühten - und diese Kontribution dem Fräuleinwunder unter den Rock der Scham geschoben wurde.

War doch gar kein Problem zum schwarzen Untermenschen von gestern im Jetzt der unmittelbarsten Nachkriegszeit erst Sir, dann Henry und schließlich Darling zu sagen. Und wer das nicht wollte, der hatte schon und kam stolz aus ohne Chesterfield Zigaretten, Nylonstrümpfe und Hershey Schokolade.

Ramon de Suppé war Reiseschriftsteller bis zu seiner Ermordung 1815. Damals saß Wilhelm I. seit zwei Jahren wieder auf dem kurhessischen Thron und drehte ebenso lang das Rad der Geschichte zurück. Er träumte den zu seiner Zeit „solipsistischen Traum“ (Beus A. Zadok) von absolutistischer Herrschaft. Schon vor ihm gab es hessische Landgrafen, die ihre Regentschaft als Zeitreise in die Vergangenheit begriffen hatten.

Warum auch nicht – die Welt als Wille und Vorstellung. Fragt Novalis, was eure Realität wert ist. „Ich bin überhaupt nicht verpflichtet, hier jetzt das große Licht anzumachen“ (R.D. Brinkmann). Wilhelm I. ließ Ramon de Suppé von seinem Geheimdienst kaltmachen, weil der Schriftsteller Mängel am Museum Fridericianum erkannt und dokumentiert hatte. Das war Majestätsbeleidigung. So ein Fürst herrschte nicht zu wenig durch Repräsentation. Er selbst und seine Familie waren starke Magneten für Besucher. Cassel und sein Schlosspark waren ein Disneyland der Macht. Ramon traf Wilhelm. Man konnte mit dem hohen Herrn zusammen Mittag essen oder eine Kirche besuchen.

Der Fürst selbst begriff sich als Attraktion, unter allen Irdischen sah er Gott am ähnlichsten. Sofern man den französischen König übersah. Mir kommt es darauf an, dass ihr die erstaunliche Näherung zur Gleichrangigkeit zwischen einem französischen König und dem hessischen Grafen begreift.

Das Interesse war nicht einseitig – der Fürst interessierte sich für die Kunde des Fremden. Sie diente ihm und seinem Hof als Zeitung. Ramon de Suppé wurde herumgereicht und „besichtigt“. Nun besichtigte er mit dem Zollstock und der Wasserwaage im Jutebeutel das Fridericianum und berichtete von Schäden, die dem Museum in der westphälischen Zeit entstanden waren. Stets folgtem ihm Spione, die unter spröden Tarnnamen wie Tauem und Grashalm geführt und entlohnt wurden.

Hinter jedes „leider“ setzte Suppé ein Ausrufezeichen. Leider! brach in der westphälischen Zeit „die Haupttreppe zu dem oberen Geschoß ab“, gerade so, als sei dem Autor ein häusliches Unglück widerfahren.

Die Reichsstände wären beinah einmal im Fridericianum vollzählig erschienen, und dann kommt so ein Suppé mit vermutlich angemaßtem Accentund macht den Prachtbau mit seinen Glastüren und Galerien madig in einer Bemerkung. Die Bemerkung kostet ihn bald Kopf und Kragen.

Morgen mehr.

07:09 19.11.2015
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