Hessenmeister LXXXVII

Kassel Im Stadtschloss hingen Mitte des 18. Jahrhunderts tausend Bilder. Das war ein Museum of Modern Art, zugleich Schauplatz der alten Meister - Altdorfer, Dürer, Frans Hals
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Kasseler Marmorbad

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Das Staatsverständnis eines kurhessischen Landgrafen, ob er außerdem Kurfürst war oder nicht, erschöpfte sich beinah in der Repräsentation. Die bürgerliche Gesellschaft tat es ihm nach, doch davon soll heute die Rede nicht sein. Man muss sich klarmachen, dass jeder feudale Regent seine Herrschaft so verstand wie Heiner Müller die Kunst: als eine Funktion mit der Eigenschaft, die Wirklichkeit unmöglich zu machen. Die Wirklichkeit war Pfuhl und Pfusch (am Bau der Welt), ein Produzent von Abgasen, die Menschheit sabberte und kroch im Joch institutionalisierter Erniedrigung. Die Menschheit hatte keine Selbstachtung, der Fürst schon. Der Fürst war alles, die anderen waren nichts. So sah ihn Clemens Hütsch sen., ein Weltreisender nach den Begriffen seiner Zeit, dabei noch jung an Jahren (zum Zeitpunkt dieser Episode) und tüchtig begabt für die Laudatio. Er reiste von Hof zu Hof und rühmte die Lebensart des Höchsten. Das sprach sich herum und sorgte für angenehme Aufnahme. Hütsch neigte zur knistigsten Genauigkeit, ging es um Landschaften, bei der Präzisierung eines Potentaten gelang ihm das Ungenaue am besten.

Hütsch war Schleimscheißer, so eine Nobody-Incognito aka thewestisthebest-Pseudoperson. Das müsst ihr noch nicht verstehen.

Hütsch war Salon-Bellizist. Großschwätzer. Casseler Metzen wetteten auf das Vergnügen, den Kleinschreiber in der Gosse zu fleddern.

Meine Vorfahren lebten in einer Stiegenwelt der Altstadt. Zuzeiten Friedrich II. von Hessen-Cassel (1720 – 1785) kollerte die Bagage über Bodenwellen. Es hagelte Beschwerden wegen Lärmens und Rülpsereien in der Öffentlichkeit. Ich fand im Kasseler Stadtarchiv amtliche Notizen zu meiner Familie. Das waren alle Alkoholiker mit Attest und Kandidaten fürs Irrenhaus, siehe „Hohes Hospital“ und Haina so wie Merxhausen. Die Weiber wurden schwanger, ohne geheiratet worden zu sein. Dem Nachwuchs lief der Rotz aus den Nasen davon. Man erkannte und charakterisierte sich an Verunstaltungen und üblen Gewohnheiten. Es hieß nur der Buckel, der Rübenkopp, die Saufnase, der laufende Meter, das Schielauge, der Stiergucker, die Stinkmöhre, der Wallach, Einzahn-Betty, Drei-Titten-Jenny, Fettarsch, Harnläufer … Die Gerichtsmedizin beschäftigte sich mit den Leuten, so sie das Elend hinter sich hatten. Das Gehirn eines Vorfahren schwimmt heute noch in der Weißenstein-Sammlung.

Hütsch „besichtigte“/beobachtete den Landgrafen und die Gräfin. Das wurde begrüßt. Dem Herrscher war daran gelegen, dass sein Porträt so wie Schilderungen seiner Möbel und Merkwürdigkeiten kursierten. So ergab sich Präsenz.

Besucher humpelten durch fürstliche Schlafzimmer, sie geierten auf die Sachen, die besonders schick waren. Wie das Marmorbad in einer Sommerwohnung der Herrschaften. Das war für die Zeitgenossen von Hütsch das, was Kino für euch ist. Solche Besichtigungen zählten zu den Schätzen, die man bis zum Ende eines Lebens in Erzählungen gut verwahrte. Jedes Jahr kam eine Schote dazu, der Text wurde immer arabesker, der Marmor immer carrarer. So ging damals soziale Pornographie.

Im Stadtschloss hingen Mitte des 18. Jahrhunderts tausend Bilder. Das war ein Museum of Modern Art, zugleich Schauplatz der alten Meister. Altdorfer, Dürer, Rubens, Frans Hals, Rembrandt, Tizian, Tintoretto, Caravaggio, während in meiner Sippe nicht einer malen oder auch nur schreiben konnte.

Die Fußleisten in den Kabinetten dienten der Bewunderung als Gegenstände. Sie mussten herhalten. Beim Anblick mehrstöckiger und vielschichtiger, von federnder Mechanik bewegter Schreibtische wurde der Wunsch nach „Experten“ laut. Sie sollten dem Betrachter die Dinge im Detail erschließen. Der Hof war darauf vorbereitet und hielt Domestiken als Spezialisten-Darsteller für einen Groschen oder zwei in der Hinterhand. Das wird heute vom Fernsehen nachgeahmt. Da hat auch jeder Sender Spezialisten. Oft behaupten die Spezialisten, Journalisten zu sein.

Morgen mehr.

09:04 20.11.2015
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