Hessenmeister LXXXVIII

Kassel und sein Museum Fridericianum (Teil V)
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Man nannte ihn den Habsburger Tiger und Austrian Butcher - Julius Jacob von Haynau (1786 - 1853) war ein "natürlicher", nach dem hessischen Hausgesetz nicht nachfolgefähiger Sohn des kurhessischen Kurfürsten Wilhelm I. und dessen bürgerlicher Geliebten Rosa Ritter. Julius wurde in Kassel geboren, wuchs im dänischen Exil seines von Napoleon lange verdrängten Vaters auf und starb als österreichischer General.

Man fand ihn unsymphatisch. Die Österreicher schwören aber auf den alten hessischen Henker.

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Bildnachweis: Wikipedia

Unter den Mierenneukern, die auf ihrer Grand Tour von Hof zu Hof Cassel erreichten, verkörperte Clemens Hütsch die aufwühlende Erscheinung. (Zu seiner Zeit eine weitverbreitete Selbstdarstellung mit Geniefrisur und feuerroter Joppe.) Er rühmte Bettpfannen, Haarbürsten, Hausschuhe und Kleiderständer, das Zeug musste nur in fürstlichem Gebrauch sein. Hütsch lobte die sklavische Duldsamkeit der Dinge, er knatterte Gedichte zu Gegenständen („den lieben Dingen … die heitere Dinglichkeit des Pantoffels“) die weiterverbreitet werden bis auf den heutigen Tag.

Clemens Hütsch schrieb über die Entfremdung der Dinge von ihrem Haushalt.

Jenem Hütsch folgte ein Clemens-Peter auf den Posten des hudelnden Lobenkels. Er wiederholte Opas schriftliche Verneigungen vor Prunksucht und Eitelkeit. In Cassel legte er seine Schleimspur in eine Restauration. Kurfürst Wilhelm I. hatte den hessischen Thron nach Jahren im Exil zum zweiten Mal bestiegen und mit Aplomb sofort die französischen Reformen seines Vorgängers Jérôme Bonaparte vom Tisch gefegt. Wilhelm verschärfte das Strafrecht und vergatterte die Wohlfahrt. Er lehnte sich an das Gottesgnadentum, ein Graf mit kaiserlicher Allüre. Epoche konnte das nicht mehr machen, Hütsch d.J. war aber überwältigt. Er zählte die Mätressen, da waren Marianne Wulffen, die Frau des Oberstallmeisters, Charlotte Christine Buissine, Rosi Ritter, übrigens eine Tochter von Magda M. Witz, und Karo Schlotheim. Gemeinsam mit Ramon de Suppé, einem rheinländischen Reiseschriftsteller, dem Spione quer durch Europa folgten, und der in Cassel von einem Agenten Seiner Königlichen Hoheit ermordet wurde, vermaß Hütsch, der sich auch Hutsch schrieb und PH als Paraphe verwandte, das Museum Fridericianum. Sie zählten jede Säule, jedes Basrelief, jede Nachbildung eines Arc de Triomphe. Es war üblich, Künstler in Hauptstädte zu schicken und sie da alles Mögliche kopieren und in billigem Kork nachbilden zu lassen. Unter den überlebensgroßen Marmorstatuen von Apoll, Minerva, Hygieia, Herkules, Paris, Didius Julianus und Gladiatoren (ich sauge mir das nicht aus den Fingern, die Statue eines römischen Kaisers, hier Didius Julianus, speckte neben Apoll, Minerva, Hygieia, Herkules, Paris und diversen Gladiatoren) stauten Büsten von Vesta, Homer, Seneca, Aristoteles, Euripides, Nerva, Trajan u.a. sich. Hütsch und Suppé, diese Oberpfeifen, zählten jede Imitation eines römischen Triumphbogens oder einer römischen Ruine auf mit dem Zusatz: „Der Natur auf das Genaueste nachempfunden“. Sie fanden die Antiquitäten in einer Galerie, die 82 Fuß lang, 38 Fuß breit und 18 Fuß hoch war. Die Galerie hatte einen Zwilling mit sieben Glasschränken, die mit egyptischen, etruskischen, griechischen, römischen und deutschen Alterthümern angefüllt waren. Die Thümer hatte man hessischer Erde entwendet.

Etruskischen Kram! Wie kam der in den Habichtswald?

Ihr macht euch keinen Begriff vom Fernhandel vergangener Zeiten. Da hat schon mal ein Schock nubischer Bogenschützen fast für umme den Besitzer gewechselt und zwei Generationen später waren das Germanen wie du und ich. Jeder ein geborener Tatoo-Künstler. Was waren die gepierct und punkig. Voll musikalisch. Das war als Vorgang und im Ganzen auch nicht exotischer als der kurfürstliche Handel mit Landeskindern, der die Neue Welt beinah zu einer hessischen Filiale gemacht hätte.

Hütsch und Suppé hatten ihre Hasenbrote stets dabei so wie ich, wenn ich im Stadtarchiv Weltgeschichte umschreibe wie es mir gefällt. Das Fridericianum ist gleich ums Eck, ich glaube, als Kind hielt ich den Bau für ein geschlossenes Schloss. Ich kam aus Waldau, im Grunde vom Dorf. Wir gehörten zwar zu Kassel, trotzdem war die Stadt weit weg.

Als sozialdemokratisches Kind durfte ich die landgräfliche Prachtentfaltung nur überflüssig und übertrieben geltungssüchtig finden. Mein Vater impfte mich: Das ist alles auf dem Rücken der arbeitenden Bevölkerung geschaffen worden. WIR waren doch nur menschliche Esel für diese Schweinefürsten. WIR haben für diese Schinder die großen Brocken hoch schleppen müssen auf unserem Buckel.

Man muss wissen, in Kassel geht es immer bergauf*.

Meine Oma ist im Park Wilhelmshöhe nicht spaziert, obwohl wir (das wir meines Vaters) ihn gebaut hatten. Der Park war für bessere Leute und Oma hatte nicht die nötige Parkgarderobe.

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*“Herr Tuschick, ich muss mir da mal eine Frage verkneifen. Es gibt doch gar kein Bergauf ohne jegliches Bergab. Oder?“

„Guck nicht, halts Maul und geh weiter, Bubbsche.“

„Herr Tuschick, warum sind Sie als so ungnädig. Glauben Sie, dass Sie der König von denne Hesse‘ sind? Glauben Sie, Sie sind was Besseres wie die annern.“

„Im Komperativ immer als.“

„Sie sind gemein!“

Das Bubbsche hat recht. Es gibt kein Bergauf ohne Bergab. Am Ende von Bergab beginnt der Kasseler Osten, den ihr aus meinen Erzählungen schon gut kennt.

Morgen mehr.

16:13 21.11.2015
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