Hessenmeister V

Ugly Casting IV Vom Ugly Star zur Ugly Story
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Um die Jahrtausendwende trieb die Heilpraktikerin Hauke für eine auf Ugly Casting spezialisierte Agentur weltweit schräge Gesichter und Figuren auf. Sie wurde extrem gut dafür bezahlt, gefragt war "nicht satirische" Extravaganz.

Auf der Strecke vom Ugly Star zur Ugly Story avancierte die aller Moden ferne Hauke zur erfolgreichsten Kopfgeldjägerin der Branche.

Ein Ugly Star der Gegenwart

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Bildnachweis: seriesandtv.com

Hans Herbst erzählte von einem gescheiterten Banküberfall in Paris. Sommer ist in der Geschichte, die Leute sind am Meer, der Bandit schwitzt vor der Tat in seiner Bude. Er sieht die Kaskaden der Dächer, kratzt an der Taubenscheiße auf dem Sims. Er trägt Unterhemd, die MPi fettet die Jeans. Die Luft steht. Der Mann raucht. Dachkammerhitze ist kurz vor einem Überfall etwas Besonderes. Wer kennt das nicht, schließlich beginnen die Buchstaben zu brennen wie die Landkarte in Bonanza. Das war Anfang Achtziger, die Geschichte stand im Playboy. Nun stand ein Name mehr auf meiner Liste.

In Bonanza brannte im Vorspann die Landkarte. Mein Bonanza-Favorit war Little Joe. Er wurde später Serienengel, das war auch eine Enttäuschung.

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Bildnachweis: amazon.de

Hans Herbst – Jahre später erzählte mir Wolfgang Rüger von einem alten Fahrensmann, Jahrgang einundvierzig, einer Figur zwischen Jörg Fauser und B. Traven.

Kerniger als Fauser, sagte Rüger. Der Fauser gut gekannt hatte. Hauke schleppte einen Herbstband an, legte ihn in der Küche auf den Tisch. Wir sahen die Kaskaden der Dächer, die Tauben kackten auf den Sims. Ich trug Unterhemd, die Luft stand. Hauke rauchte. Dachgeschosshitze war nicht nur kurz vor Überfall etwas Besonderes.

Wir konnten uns an keine andere Jahreszeit mehr erinnern, so lange währte schon Sommer. Herbst schien dem pädagogischen Eros verfallen zu sein. Der Tenor war sentimental, die Typen waren literarisch in „Zwischen den Zeilen“.

Hauke las vor, während ich Lammlachse zubereitete. An den Wänden hingen zu Postern aufgeblasene Karteikartenbilder von Stars der Ugly-Szene.

Hauke hatte ihre fünf Jobs gekündigt und macht nur noch ugly-scouting für Steffi. Steffi handelte weltweit mit schrägen Typen, ausgefallenen Gesichtern und jeder Art physiognomischer Extravaganz. Zurzeit gefragt waren nicht satirische Varianten, das Lachen sollte im Hals des Verbrauchers steckenbleiben.

Herbst exponierte schwarze Schönheit aus der Perspektive eines fernwehkranken Melancholikers, ab und zu rief der Amerikaner noch an, mit dem Hauke vor mir angeblich schon lange nicht mehr zusammen gewesen war. Man sei nur noch gemeinsam in den Urlaub gefahren, bis auf Weiteres sozusagen.

Der Amerikaner hieß Warren. Manchmal sprach ich mit Warren am Telefon. Er war Biologe in der Armee, ein Trekker zwischen Wildwasser und Marihuana. Er passte zu den Herbstgeschichten, vielleicht wusste Hauke besser als sie zuzugeben bereit war, dass ich so was zusammenbrachte und Hauke nicht bloß als Fremde wahrnahm, die ohne Geschichte nach Frankfurt gekommen war.

Ich wusste, da draußen gibt es eine Welt. Sie interessierte mich bloß nicht.

Hemingways Credo als Herbsts Evangelium – Hauke las, sie war zu hell für Hitze:

„Der Afrikaner bewegte seine langgliedrigen, kräftigen Hände, während er sprach, und wenn er lachte, legte er sie zusammen wie zum Gebet, ließ sie wieder fallen wie große Schmetterlinge.“

Hauke schmolz förmlich, auf den Terrassen wurden Sonnensegel hochgezogen*.

*Mit maritimen Anmutungen.

„Die alte dumpfe Furcht der weißen Rasse vor den Mysterien Afrikas“, schrieb Herbst.

Hauke nannte das „Keksdosenprosa“, die Leute kamen über die Dächer, sich zu besuchen. Man trug Tropenhelm, wenn man gut angezogen sein wollte, und dazu imperialistische Shorts. Für die alten Wurlitzer Musiktruhen wechselten Vermögen ihre Besitzer. Wer eine Wurlitzer Musiktruhe in seinem Besitz hatte, war fein heraus. Bei dem stiegen die Leute durchs Fenster ein. Oder sie kamen über den Balkon, um „Wenn bei Capri die rote Sonne im Meer versinkt“ nur von Freddy Quinn zu hören.

Freddy Quinn hatte seinen Künstlernachnamen an eine Freddy-Manie verloren. Jeder sagte Freddy, selbst Hauke mit ihren modenfernen Grundsätzen. Sich bloß nicht anbiedern! Bloß nicht jeden Scheiß mitmachen. Reflektieren! (Das eigene Verhalten reflektieren.) Das war so wichtig für sie.

Auf ihre Art wollte Hauke auch was Besonderes sein, obwohl sie das immer abstritt. Während ich ganz normal sagte, komm, lass uns Porsche fahren. Das liegt im Trend, so ein alter Porsche.

Die alten Porsche lagen im Trend

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Bildnachweis: autoblog.com

Morgen mehr.

08:49 24.08.2015
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