Hessenmeister V

Ugly Casting IV Die Brüder Grimm lieferten die erste Ugly Story
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"Die drei Spinnerinnen" der Brüder Grimm als Vorlage für die "ultimative" Ugly Story

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Bildnachweis: labbe.de

„Was haltet ihr von den Drei Spinnerinnen“, fragte ich.

Das Märchen ist so sinnlos wie viele Fernsehsachen. Es hat ein läppisches Happy End. Eine ursprüngliche Moral könnte im Zuge der Grimm’schen Stoffverharmlosung verschütt gegangen sein. Das Märchen bietet immerhin ein Beispiel für christliche Überformung. Die drei Spinnerinnen sind ihrem Wesen nach altnordische Schicksalsfrauen (Nornen). Sie repräsentieren das Motiv von den drei Wünschen, die eine gute Fee zu erfüllen die Kompetenz hat: oft mir unguten Folgen.

Wir stromerten durch unsere Gebiete und deren Nachbarschaften, es ging einmal wieder um die Ugly Story. Ich sag jetzt nicht ultimativ, aber natürlich sagten das Steffi und Willie. Es ging um die ultimative Ugly Story. Ich kann euch das nicht ersparen: Die ultimative Ugly Story war „ein TV-Format der Zukunft“.

„Lasst uns ganz vorn dabei sein“, lautete die Losung.

Ugly Casting war „der Burner“.

Steffi und Willie „lebten das Fieber“. Permanent Performance hieß Kokain im Dreivierteltakt. Leuten klebte „der Schnee von gestern an der Nase“.

Steffi führte die bundesweit führende Ugly Casting Agentur in einem Hinterhaus des Sandwegs. Vorn residierte Willie in der Kneipe gleichen Namens. Andere Kneipen hießen nach der Straße „Sandsturm“ und „Sandbar“. Wir kamen über das Willie’s selten hinaus. Wir wohnten in einem „gefühlten Bornheim“, das nach den harten topografischen Tatsachen im Ostend lag. Das Ostend lag im Trend. Nachdem seine A-Lage Jahre verschlafen worden war, zogen nun alle zu uns ins Quartier. Plötzlich war es kuhl zu sagen:

„I-c-h wohne im Ostend.“

Willie verdiente gut als korpulentes Unterwäschemodell. In ihrem Metier war Seltsamkeit Alltag. Eines Tages brachte sie Steffi einen Strauß Dark Metal-Swinger, der sich erotisch, vor allem jedoch „künstlerisch“ fotografieren lassen wollte. Beruflich swingten die Paare in der Sozialarbeit. Sie lebten einigermaßen unauffällig unter der Woche. Am Wochenende feierten sie in ihren Kreisen. Sie vertraten konventionelle Ansichten. Über Gothic redeten sie wie über eine märchenmonarchische Gesellschaftsform.

Sie wollten sich „ausleben“. Überschreitungen waren Formalitäten, für die es Regeln gab. Körperbehaarung ging gar nicht, Übergewicht war kein Problem.

Man kratzte am S/M-Portfolio. Ich dachte, eine Kombination von Brüder Grimm und Paar-Gothic könnte uns die erste echte Ugly Story liefern. Ich redete mit Hauke, ihr gruselte vor Hemmungslosigkeit mit Vorschriften und nach Plan. Sie glaubte damals noch, dass andere Leute sich für Verhaltenswidersprüche interessieren würden, dass sie für ihr Glück Analyse brauchten.

Ich war das beste Gegenbeispiel, Frankfurt swingte, ich swingte mit. Ich trat vor die Tür, ein Fahrradkurier konnte es gerade noch vermeiden, mich umzunieten. Anstatt eine Ikone der Informationsgesellschaft anzuschreien, sagte ich:

„Sie sehen gut aus. Sie sollten sich fotografieren lassen.“

Man nannte ihn Mirko. Sein Arbeitsanzug war aus fortgeschrittenen Kunststoffen und schwarz bis zum Helm.

Mirko markierte den Sachlichen. Ein Held der City wollte er nicht sein.

„Ich erbringe eine Dienstleistung.“

Er sagte das mehr zu Hauke und Steffi im Hof vor Steffis Agentur. Der Hof gewährte die Sensationen eines Gewächshausdschungels. Ich erzähle euch das bei Gelegenheit gründlich, damals regierte der new style. (Die Kleinschreibung ist kein Zufall.) New style bedeutete, Atmosphäre nur in einem Satz. Dein Stil musste den Leser anspringen, ihn am Kragen packen und durchschütteln. Er musste den Leser gerockt zurücklassen. Man durfte nicht schreiben im Hof stand eine Platane, deren Wurzelwerk das Haus auszuhebeln drohte.

Die Ugly Story im new style, das war das Ziel, aber vorher saß ein schmieriger Mirko auf meine Veranlassung und in Vernachlässigung seiner beruflichen Pflichten vor Steffis Agentur und freute sich über ein zweites Frühstück und die Aufmerksamkeit von Hauke und Steffi. Er fand es kuhl, dass die Frauen im Grunde ringweise Fleischwurst aßen und den Senf mit Messern auftrugen, die sie ableckten.

*

Mirkos Agentur schien zusammenklappbar. Zusammengetragene Elektronik, Kaffeespender, Metallspinde. Der Kundenwelt wurde wie aus dem Kohlenkeller zugearbeitet.

„Es haben auch schon Autofahrer für mich gebremst“, sagte Mirko.

„Es gibt so viele Gründe für eine Botenexistenz wie es Boten gibt“, behauptete er.

Mir leuchtete keiner ein. Ich hielt es für schwerer, in Frankfurt arm zu bleiben, als Schotter zu machen. Wer sich anstrengte und durchhing, tat das, weil er es wollte.

Natürlich kannte ich Randgruppen. Meine Putzfrau war eine Einpersonenrandgruppe. Ich war auf sie angewiesen. Unser Wohlstand ging an Hauke nicht spurlos vorbei. Seit sie Porsche fuhr, nahm sie das Auto zum Einkaufen mit ums Eck.

Hauke beschwerte sich über Radfahrer, Politessen und fehlende Parkplätze. Meine Hippiehauke trug jetzt Unterwäsche, da hieß der Schlüpfer Penelope.

Morgen mehr.

10:41 25.08.2015
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