Hessenmeister VI

Ugly Casting V Agenturchefin Steffi langweilt sich im Café
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Was ein Fahrradbote verdiente, sagte Mirko, hing nicht allein von seinem Tempo ab. Wichtig waren Adressengedächtnis und Ortskenntnisse, die in Gebäude hineinreichen mussten. Zwischen zehn und 19 Uhr fuhr Mirko zwischen achtzig und hundert Kilometer. Klar, dass am Wochenende der Arsch klemmte. Das Koordinationstalent des Disponenten war ein geldwerter Faktor. An einem gewöhnlichen Tag war der Wetterbericht falsch und du wirst von der ersten Minute an mit Aufträgen zugeschmissen. Und wegen des falschen Wetterberichts trägst du die falschen Klamotten.

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Bildnachweis: berliner-akzente.de

Gerald Zschorsch donnerte gegen „die allgemeine Seichtigkeit“. Leichtigkeit war für ihn Seichtigkeit, war unverbindliches Gehabe, war ein Geschäft der Vermeidung. Dem Donnerer Zschorsch fehlte es an vielem, doch hatte er viel Wut. So schmucklos wie schneidig zwang er sich in den kurzen Satz:

„Ich bin vollkommen antidemokratisch.“

Das wurde variiert: „Ich bin nicht konsensfähig.“

Wir saßen in einem Westendcafé, tranken Kakao mit Sahne, mir war fad von so viel Rigorismus.

Zschorsch kam aus Plauen im Vogtland. Sein Vater war Diplomat, die DDR eine Ecke Deutschlands, an der Zschorsch sich stieß. Man tat ihn in die Kettenburg, die Eltern sagten sich los.

„Vom Westen freigekauft“, wurde Zschorsch Weihnachten Vierundsiebzig.

Zu lang her sei das, um Zunder fürs Gespräch zu geben.

Steffi spielte mit einem Löffel, Zschorsch fühlte sich um seine Wirkung betrogen. Wir verkörperten den Westen und die Seichtigkeit, Zschorsch war Deutschland in seiner Tragik. Er meinte es ernst. Er warnte vor den Gefahren des Unernst, er warnte uns vor uns. Er rauchte Steffis Nelkenzigaretten. Seine Bemerkungen stießen Pforten zu Erinnerungen auf: an frühe Tatorte und den jungen Egon Bahr.

Willie rief an, sie wollte wissen, wo wir waren.

„Wir sitzen mit einem Dichter im Café“, antwortete ich klassisch. Es hätte keinen Sinn gehabt, den Dichter beim Namen zu nennen, nicht bei Willie. Man sah sie überall auf Plakaten, eine Lingerie-Matrone und Kneipenchefin mit einer Schwäche für fußballverrückte, armdrückende Broker – Hool-Banker, ein Fach für sich und nur echt mit dem Gütezeichen Made in England.

„Klingt wie sitzengeblieben“, sagte Willie. Sie hängte mich ab. Auf ihre Art war sie so rigoros wie Zschorsch.

Meine Routine der biografischen Auffassung seiner Person missfiel Zschorsch. Er wollte nicht mit links behandelt werden. Ich konnte nicht anders. Ich war Ende Dreißig und lebte das Leben eines betuchten Fünfundzwanzigjährigen. Was nicht leicht von der Hand ging, kam mir vor wie Gift oder wie eine Krankheit. Etwas, dass nach Abstand schrie.

Steffi untersuchte ihre Wirkung auf den Dichter, an diesem Nachmittag spielte sie das auf dem Teppich gebliebene Mädchen aus Bad Soden, das in Frankfurt zur Schule gegangen war. Steffi war Marktführerin im Ugly Casting, sie gab sich Mühe, Zschorsch nicht mit Gleichgültigkeit zu verletzen.

Nach Frankfurt kam er Zweiundachtzig.

„Hier war der Verlag“, also Suhrkamp.

Zschorsch stellte ein Bild mit Zschorsch, Johnson, Unseld scharf, Literaturgeschichte vor dem weißen Verlagshaus in der Lindenstraße.

Nie krank gewesen, nie verheiratet. Zschorsch berief sich auf „die alte Garde der konservativen Revolution“, weil sie ein gutes Deutsch schrieb.

„Die Linke hat ja kein Verhältnis zur Sprache.“

„Das ganze reaktionäre Pack“ war Zschorsch recht, so kamen Stefan George und William Burroughs zusammen. Er rührte gern die Kriegstrommel.

„Ich bin ein alter Minenleger.“

„Alle großen Armeen wurden von Partisanen besiegt.“

„So langweilig wie heute war die Welt noch nie.“

„Jeder kann nur eine Sache.“

„Ich schöpfe aus dem Wahnsinn.“

Steffi malte in Zucker und Krümel. Sie verlangte die Rechnung.

Sie fragte: „Können wir Sie irgendwo absetzen?“

Auf vielfachen Wunsch - Auch der Autor kriegte seine Karteikarte

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Bildnachweis: Steffi Kranz

Wir parkten in der Lenaustraße. Seit mich der Fahrradbote Mirko beinah umgefahren hatte, interessierte ich mich für Mirkos Metier. Wir hatten uns im Grössenwahn verabredet, Mirko hatte Schreiner gelernt bis zur Holzstauballergiediagnose.

Die Frage war doch, warum hatten solche durchhängenden Figuren Allergien und eine Steffi hatte nichts. Noch nicht mal Schnupfen.

„Schönes Auto“, sagte Mirko.

Er musste sich die Anerkennung abpressen. Ich fand, er machte es sich unnötig schwer.

„Hass mich doch“, munterte ich ihn auf.

Gemeinsam sahen wir Steffi nach, die zum Klo schwebte.

Jeder Grössenwahn-Kellner war eine umfassende Persönlichkeit, manche waren beinah berühmt. Was ein Fahrradbote verdiente, sagte Mirko, hing nicht allein von seinem Tempo ab. Wichtig waren Adressengedächtnis und Ortskenntnisse, die in Gebäude hineinreichen mussten.

Das war Frankfurt, wie wir es liebten. Die Marie strich derjenige ein, der sich in einem Komplex besser zurechtfand. Das war ein 3D-Spiel in der Wirklichkeit.

Zwischen zehn und sieben Uhr fuhr Mirko zwischen achtzig und hundert Kilometer. Klar, dass am Wochenende der Arsch klemmte.

Das Koordinationstalent des Disponenten war ein geldwerter Faktor. Steffi war wieder da, an einem gewöhnlichen Tag war der Wetterbericht falsch und du wirst von der ersten Minute an mit Aufträgen zugeschissen. Und wegen dem falschen Wetterbericht hast du die falschen Klamotten an.

Mirko jammerte. Steffi machte, als müsse sie kotzen. Der Koch erschien, mein alter Freund Bruni, er wollte, dass ich für ihn einen Wodka bestellte. Man hatte ihm das Trinken während der Schicht verboten.

Ich bestellte bei Konrad, Hauke tauchte auf. Ich fand sie immer noch schön.

Morgen mehr.


09:43 26.08.2015
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