Hessenmeister VII

Ugly Casting VI Auf der Suche nach der Hässlichsten im ganzen Land
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Im Messeturm durften Kuriere Personenaufzüge nicht benutzen.

Frankfurter Messeturm

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Bildnachweis: Wikipedia

Er nannte sich Mirko. Gewiss war das nicht sein richtiger Name. Er hatte Knoten im Gesicht, einen Bart wie Stacheldraht. Sein Haupthaar empörte sich, es war misshandelt worden.

Mirko war Fahrradbote. Er hatte mich beinah umgebracht. Ich revanchierte mich mit Interesse an seinem Job. Wir saßen vor dem Grössenwahn, Bruni diente in der Küche, Konrad im Service. Den Tisch säumten Steffi (Agenturchefin), Winnie (Wirtin, Modell), Hauke (Heilpraktikerin, Headhunter), Protagonisten der Nordend Kanakster Lauf- und Literaturgruppe und der Kanakster All Stars so wie Zaimoglu (Autor, Maler), Murat (Student, Fahrradbote), Hala (Studentin), Friede (Studentin).

Mirko brachte Zeitungen zu Abonnenten, weil der reguläre Zustellservice das verbockt hatte. Banken ließen Hauspost zwischen ihren Filialen kursieren. Fand die Musikbearbeitung eines Spots an einem anderen Ort als die Textbearbeitung statt, wurde dazwischen ein Bote geschaltet.

Private Kunden waren selten.

Unangenehm war wenig. Manchen Kunden durfte Mirko kein Rad auf den Hof stellen. Im Messeturm durften Kuriere Personenaufzüge nicht benutzen. Sie mussten Lastenlifte nehmen.

„Dir kann passieren, dass du zur Hintertür geschickt wirst, weil du vorn nicht ins Erscheinungsbild passt.“

Mehrere Anlaufstationen (Portale) und internes Wuschwusch-Dingeldong konnten eine Übergabe erschweren. Wartezeiten beim Kunden waren unerfreulich, wurden aber bezahlt.

*

Ich traf Wanz auf dem Parkplatz vor einem Supermarkt. Wanz aß da zu Mittag, angeblich den besten Burger Bornheims. Wanz war achtunddreißig und Disponent. Er sagte: „Für einen Brief, der zehn Gramm wiegt, muss nicht gleich eine Tonne Stahl bewegt werden.“

Mirko war ein Kurier ohne Sendung, Wanz hatte eine Botschaft. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen aus den Ohren, ich kannte Wanz. Ich war Beobachter in einem Prozess gewesen, den man ihm gemacht hatte. Wanz hatte in unüblichen Formaten seine Ex bedrängt, ich redete mit der Frau, um ihren Fall in der Frankfurter Rundschau zu schildern. Sie war demoralisiert, zitterte nur noch.

Ich fragte Wanz nach seinem Familienleben.

„Alles paletti.“

*

Wir saßen in einer Hinterhofklitsche mit Gartenmöbeln vom Flohmarkt. Vorn im Haus war ein Bäckerladen, wo es alles gab. Eine Kiste Bananen stand zur Grundversorgung bereit. Die Allwetterkleidung roch fies nach Weltanschauung. Ladestationen für die Akkus der Funkgeräte standen dekorativ in Reihe.

Eine Fahrerin meldete per Funk: „Hab nen Platten.“

„Meld dich, wenn du weiter kannst“, sagte Wanz gemütlich.

Einem Fahrer gab er Bescheid: „Du hast jetzt noch das Advantage und die Alte Oper.“

Einer sollte Autokaufverträge in einem Formulargeschäft besorgen. Die Auftragsentgegennahme erfolgte in einer Kette nahezu identischer Aussagen. Aufrechterhaltung der Illusion von just in time hieß das Prinzip. Selbst wenn alle Fahrer auf der Strecke geblieben waren, nahm Wanz dem Kunden die Terminlast von den Schultern.

„Es kommt sofort jemand.“

Ich trat durch die Tür auf den Hof und traf die Frau, die Wanz bis zum Nervenzusammenbruch drangsaliert hatte. Sie war zu ihm „zurückgekehrt“ (nachdem sie ein Annäherungsverbot durchgesetzt hatte).

Sie hieß Edith und war zum zweiten Mal mit Wanz verheiratet. Deshalb sah sie nicht glücklich aus. Das interessierte mich, ich forderte: „Erzähl mir die ganze Geschichte.“

Ängstlich schaute sich Edith um.

Morgen mehr.

09:26 27.08.2015
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