Hessenmeister VIII

Ugly Casting Der Unterschied zwischen links und rechts
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Der Römer in Frankfurt am Main

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Bildnachweis: Wikipedia

Frankfurt-Bornheim am frühen Abend. Albatrosse landeten auf der ruinierten Erde, um diese Zeit tranken sie Castro Cooler – das Getränk der Avantgarde im endlosen Sommer Neunundneunzig.

Edith sagte: „Autofahrer sind meine Feinde.“

Edith war fünfunddreißig und zum zweiten Mal mit Wanz verheiratet. Wanz war achtunddreißig, Disponent eines Kurierdienstes und Lyriker. Vor, während und nach der Scheidung hatte Wanz Edith terrorisiert in einer Art und Weise wie das nur Psychopathen mit anschließender Poesieneurose fertigbringen.

Edith hatte nur einen Feind, den eigenen Mann. Aber lieber hasste sie Autofahrer, das war einfacher. Wanz wusste nicht, ob er links oder rechts war. Er brannte darauf, großartig zu sein. Den Unterschied zwischen Anzünden und Beschützen von Flüchtlingsunterkünften kannte Wanz nicht. Er schrieb rassistische Gedichte und verstand sie als Beitrag zur internationalen Solidarität. Und auch wieder nicht. Diesem verworren sein war Edith ausgeliefert. Sie hatte sich ergeben. Wanz war ihr Schicksal, ein armer Irrer, der noch nie in nennenswerten Zusammenhängen veröffentlicht hatte und sich deshalb für verkannt hielt.

Das alles hatte ein Prozess ergeben und war im Urteil berücksichtigt worden. Mich erinnerte Wanz an die Berliner Stimmenrauscher, Papenfüßler, Schleimbeutler und Lindenblütler. Hinter den harmlosen Namen verbarg sich eine Verschwörung wider alle Vernunft. Diese Leute wachten als Hooligans auf und gingen als Punks zu Bett. Sie waren links, rechts, rassistisch, solidarisch in wirrem Durcheinander. Ihr Wort für Dresche war „günthern“ oder „franzkissen“ (von french kiss). Manche erkannten sich an hochgekrempelten Hosenbeinen, dass andere sie daran auch erkannten, war ihnen bis zu den ersten Verhaftungen nicht in den Sinn gekommen.

Edith folgte mir wie zufällig und frei von jeder Absicht in die „Sonnenuhr“. Die „Sonnenuhr“ hätte man für ein Café halten können. Sie bot jedoch nur einer Handvoll Bornheimer (Bernemer) Lebensraum. Diese Leute waren von morgens bis abends in der „Sonnenuhr“. Sie spielten, lasen und unterhielten sich. Sie bedienten die Kaffeemaschine, belegten Brötchen, brieten Eier vom Geiger. Ihr Aufenthaltsraum gehörte dem Geburtsbornheimer Keks. Der Name Keks hatte in Frankfurt einmal Klang besessen. (Dazu später mehr.)

Unter der Küche lag eine verborgene Welt, aus der Zeit, als man noch keine Kühlschränke hatte. Edith und ich verzogen uns in eine Katakombe, Keks reichte mir seinen Karabiner. Es gab jede Menge Gänge unter Bornheim, man konnte sich nie sicher sein.

„Wenn Wanz das herausfindet, bringt er mich um“, bebte Edith.

„Warum ist der so grässlich?“ fragte ich investigativ.

„Ich glaube, er hat zu viele Absagen gekriegt.“

Ich will das jetzt nicht vertiefen, zum Ausgleich für ihre sklavische Abhängigkeit von Wanz erlebte sich Edith als Maschinenstürmerin.

„Klar ist der Job gefährlich“, sagte sie.

Edith war gar nicht in Frankfurt geboren, so was kam vor. Sie hatte ihr Soziales Jahr im Hüttendorf an der Startbahn West gehabt und Wanz da kennengelernt. Er war ein Träumer von Aufständen gewesen und Edith hatte „die Radikalität“ gefallen. Dass sie sich in einen Kranken verliebt hatte, bemerkte sie, nachdem es zu spät war. Seitdem fuhr sie unter Wanz, abgesehen von einer Zeit, in der Edith Freiheit für möglich gehalten hatte.

„Länger als ich macht in dieser Stadt keiner den Job.“

In der Firma gab es eine sportliche Fraktion, Triathleten, die mit einem 35er-Schnitt unterwegs waren, und Leute mit einem politischen Verständnis des Kurierwesens. Jetzt kommt der Witz: Die voll eingetütete Edith hielt sich für „politisch“.

Fahrradfahren war Straßenkampf.

Edith arbeitete vier Tage pro Woche. Den ersten Auftrag nahm sie zuhause an. Vorher hörte sie den Wetterbericht und verschaffte sich einen eigenen Temperatureindruck. Regenzeug gehörte immer zur Ausrüstung, wie die Fahrradflasche, die Edith mit Pfefferminztee auffüllte.

Während sie den Tag in Angriff nahm, schrieb Wanz sein tägliches Gedicht in ein Schulheft. Manchmal schrie er Edith an, nur um sie unter Druck zu halten (zu unterdrücken). Edith fing sofort an zu zittern, es wurde schlimmer mit den Jahren. Ihre Hinfälligkeit stachelte Wanz auf, für die Fitness schluckte Edith ein Mineralpulver des Basica-Sortiments.

Meist transportierte sie Umschläge im Din-A-4-Format, oft Flugtickets, die an Banken und Agenturen gingen.

Morgen mehr.

08:20 28.08.2015
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