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Ugly Casting Edith trifft Andrew Phillip Cunanan
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Wer erinnert sich noch an Andrew Phillip Cunanan? Die Ähnlichkeit mit Bruce Lee wurde ihm zum Verhängnis.

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Bildnachweis: biography.com

Damals debütierte stündlich einer, der bei Rolf Dieter Brinkmann in die Schule gegangen war. Ich erinnere an Heiner Link. Vermutlich in der Annahme, die Quelle sei verschüttet, zitierte er im Vorwort zu der Anthologie Trash-Piloten aus Brinkmanns Acid-Nachbetrachtung. Link ließ den Eindruck entstehen, etwas Aktuelles sei mit einer Wendung originell skizziert, die Brinkmann zur Beschreibung der Lage vor 1970 eingesetzt hatte. Dem Autor von Keiner weiß mehr kam es auf den vor-offiziellen Bereich amerikanischer Literatur an. Auf eine Literatur, die noch nicht durch Anpassung an den Markt korrumpiert war.Link machte daraus: Bis heute ist ein freier … Ansatz im so genannten vor- und nicht-offiziellen Bereich zu finden.

Acid-Co-Editor Ralf-Rainer Rygulla, einst maßgeblich an der Verbreitung von Begriffen beteiligt, sagte in einem Interview zu dem ich Steffi und Hauke mitnahm, es habe zum Zeitpunkt des Imports (der Begriffe für die Stutzigen) in Amerika nichts mehr gegeben, wozu Underground gepasst hätte. Dennoch strapazierten deutsche Kritiker Rygullas und Brinkmanns Pop-Vokabular. Die amerikanischen Freiheitswörter tauchten leitmotivisch und gebetsmüllerisch in einer Vielzahl von Bemühungen zur Bewältigung der Gegenwart um 1969 auf. Der deutsche Underground war eine Fama, die mehr als eine Fama stiftete. Links Rekurs auf Pop und Bewusstseinserweiterung führte auch nicht weiter.

Überall entstanden Prospekte des Zwielichtigen und nannten sich social beat. Ich glaube heute, dass auch der Lyrik-Terrorist Wanz sich diesen Post-Beatniks zurechnete. Unter den Beats waren reichlich Boten und Wanz war nicht nur Psychopath sondern auch Disponent. Er hatte seine Ehefrau Edith ruiniert. Edith war die dienstälteste Fahrradbotin Frankfurts, sie war das Wrack vom Wanz. Seit meiner Reportage über Ikonen des Informationszeitalters/ Asphaltcowboys/ Nachfahren der Pony Express-Reiter, in der sie mit keinem Wort Erwähnung fand (aus redaktionellen Gründen), hatte ich Edith an der Backe. Bei jeder Gelegenheit schlich sie sich aus dem Regime ihres Mannes ins Ostend, wo man damals wohnte. Ich war ein durchschnittlich-lausiger Journalist, ungebildet und umschwärmt. Ich konnte nicht auf ein hartgekochtes Ei egal wo einkehren, ohne das eine lausige Schauspielerin, die als Sprecherin überlebte, angekrochen gekommen wäre, damit ich sie in die Zeitung setzte. Ob Schauspielerin oder Dichterin. Alle betonten ihre Vorzüge und „präsentierten“ ihre „Schokoladenseiten“. Ich pries Stimmen voller Gier und Angst als „Klangwunder“. Hatte jemand „ein Gastspiel“ in einem „Fall für zwei“ absolviert, war das garantiert schon der Karrierehöhepunkt.

Natürlich war jede mindesten auf der Falkenberg-Schule gewesen. Vielleicht war Edith mir deshalb angenehm, sie konnte sich die Bedeutung, die sie nicht hatte, noch nicht einmal einbilden. Wanz hatte ihr (fast) alles ausgetrieben, er hatte Edith seelisch lahmgelegt.

Ich strich meine Beobachtungsgewinne bei einer Tasse Tee ein.

Edith sagte: „Mir reicht es, dass ich neben dir sitzen darf.“

Hinter uns unterhielten sich Leute über Gianni Versace und einen internationalen Trauerrekord nach dem Tod von Lady Di. Versace war ermordet worden - von Andrew Phillip Cunanan: einem vom Zwang zur überinszenierten Selbstdarstellung bedrängten invertierten Partyfürsten.

Edith hatte noch nie von Andrew Phillip Cunanan gehört. Sie wollte mich einfach nur reden hören so wie ich auch. Wie aus dem Wurzelholz geschlagen, stand Wanz plötzlich vor uns.

Wanz kochte vor Wut.

Morgen mehr.

09:45 30.08.2015
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