Hessenmeister XCII

Kassel Vom Gefangenen zum Chronisten - Die unglaubliche Geschichte eines echten Nordhessen. Kuno Hof segelte auf dem ersten spanischen Schiff, „das die Südsee trug“
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Diego de Almagro el Viejo war goldsüchtig. Goldsucht - das war die Krankheit der Epoche.

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Wie viele Adelige, die in Spanien auf den Hund gekommen waren und weltweit Kneipenwirte zu ihren Gläubigern zählten, züchtete Vasco Núñez de Balboa (1475 – 1519) Schweine auf Haiti. Ihm zur Hand ging Kuno Huf, der als Kriegsgefangener in der alten Welt vor die Wahl gestellt worden war: Bergwerk, Steinbruch oder Seefahrt. In der Neuen Welt war er in den Besitz von Vasco Núñez de Balboa geraten. Wir wüssten nichts von Kuno, dem Seefahrer, wären nicht seine Tagebücher auf uns gekommen. Ich fand sie im Kasseler Stadtarchiv. Kuno stammte aus dem Schwalm, seinen Scharfsinn hielt er im Verborgenen. Er hatte das Schreiben und Lesen von einem Mönch erst als Erwachsener gelernt. Sein Ehrgeiz war verboten.

Kuno war dabei, als Vasco Núñez de Balboa überschuldet und überstürzt Haiti verließ, um Ende September 1513 den Pazifik zu „entdecken“; einen bis dahin schon tüchtig befahrener Ozean, nur eben nicht von Weißen. Kuno segelte auf dem ersten spanischen Schiff, „das die Südsee trug“.

Es gab Zeiten, in denen Pizarro ein Gefolgsmann des Vasco Núñez de Balboa war.

Als Vasco Núñez de Balboa in Panama den Kopf auf einen Block legen musste, stand Kuno enttäuscht im Auditorium. Der Zug ins sagenhafte Goldland hatte gerade seinen Anführer verloren. Mit der Sachlichkeit des Scharfrichters beschreibt Kuno die Vorzüge seines Herrn. Vasco Núñez de Balboa habe als Erster begriffen, dass es klüger sein konnte, Bündnisse mit der indigenen Bevölkerung anzustreben als sie unverzüglich zu töten. Er sei in der Lage gewesen, so formuliert es Kuno, die Intelligenz und Würde (dignitas) einheimischer Herrscher anzuerkennen.

Vasco Núñez de Balboa hatte mehr Gelegenheit als andere gehabt, mit Einheimischen Bekanntschaft zu schließen. Er war viel auf der Flucht vor der spanischen Krone gewesen und wurde von der Hoffnung getrieben, mit der Entdeckung des Goldlandes den spanischen König gegen sich gnädig stimmen zu können.

Unermessliche Reichtümer fielen ihm zu und entglitten ihm gleich wieder.

Bei Kuno taucht ein Wort auf, das mich überraschte: Goldsucht. Ohne jeden Aufwand stellt Kuno immer wieder diese Diagnose. Franz Pizarro sei goldsüchtig. Pizarros Kumpel Almagro ebenfalls. Die beiden traten auf den Plan der Geschichte, als Mexiko schon gefallen war. Die Kunde von der „Eroberung“ Mexikos trieb Pizarro Schaum vor den Mund. Almagro und er pfiffen ihre Bluthunde herbei und ließen Männer Aufstellung nehmen, von denen jeder wusste, dass sie bald schwach sein würden vom Zeckenfieber etc. Ich glaube, körperliche Widerstandskraft und seelische Unempfindlichkeit waren die besten Voraussetzungen dafür, um in den Adelsstand erhoben zu werden. Süchtig musste man außerdem sein.

„Pizarro“, so schreibt Kuno, „war in seiner Jugend ein Schweinehirt in Trujillo, und als ihm seine Herde eines Tages durchbrannte, ging er aus Furcht vor Schlägen unter die Soldaten. Er machte einen Feldzug in Italien mit, versuchte dann sein Glück in der Neuen Welt und gelangte unter Balboa zu den Gestaden des Stillen Ozeans.“

Nun schloss sich Kuno der Pizarro/Almagro-Expedition an. Er war ein erfahrener Dschungelläufer und Hundeführer und im Übrigen zweifelsohne, dass Indios nur dienende Funktionen zukamen. Ein Weißer, geboren in Leibeigenschaft, der Weißen mal sklavisch, mal lediglich speichelleckend unterworfen gewesen, entdeckte sein El Dorado in der Überlegenheit gegenüber der ursprünglichen Bevölkerung. Dieser unerwartete Gewinn war die Triebfeder seines Engagements. Kuno vermutete die Leute vor Ort im Schatten des göttlichen Interesses. Anderenfalls hätten sie Christen sein müssen vor Ankunft der Conquistadores. Macht euch die Erde untertan: das war ein Auftrag. Das war Gottes Wille. Die „Eingeborenen“ gehörten zur Erde wie die Affen auf den Bäumen. Ende der Durchsage.

Was gab es da zu diskutieren. Da gab es nichts zu diskutieren. Kuno beobachtete die Führer, um von ihnen zu lernen.

Die Fürsten kämpfen für den Sieg, die Gefolgsmänner für den Fürsten. Germania

Was bedeutete Herkunft in der Neuen Welt?

Pizarro hatte unter Schweinen gelebt und war nicht höher geachtet gewesen als ein Schwein. Nein, er war weniger wert gewesen. Und Almagro? - Auch er war von unrühmlicher Herkunft, schreibt Kuno. Ein Niemand, der sich aufgeschwungen hatte. Ein gewalttätiger Träumer.

Im November 1524 stachen Pizarro und Almagro südwärts in See.

Die Jahreszeit war ungünstig. Sturm und Regen ermüdeten die Mannschaft. Am Ufer fand man nichts als Urwald und Morast.

Morgen mehr.

09:13 26.11.2015
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