Hessenmeister XCIV

Kassel Siebzig Jahre nach Kolumbus befährt der nordhessische Naturforscher Friedrich von Zierenberg den Rio de los Mares
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Die Erfindung des Indianers in der Gestalt des edlen Wilden. Dies zum Thema Wenn andere entscheiden, wer du bist ...

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Vierzig Jahre nach Pizarro schifft Friedrich von Zierenberg auf dem Rio de los Mares. Ein waldreicher Höhenzug dehnt sich vor dem nächsten. Der Himmel droht ins Wasser zu fallen. Bei „ungünstigem Wind“ und mit der Aussicht auf „schlimmes Wetter“ geht die Reise voran. Am Saum einer Flussschleife entdecken die Eroberer „eine Sammlung elender Hütten“. Kapitän Rodrigo de Torres, ein Mann mit europäischen Leichen im Keller, ein Gott auf der Flucht sozusagen, entsendet zwei Boote ans Ufer, um die Unterkünfte „besuchen“ zu lassen. Zierenberg setzt besuchen wie „besichtigen“ oder „inspizieren“ ein. Er schreibt: „Vermutlich sind die Indianer aus Angst vor den spanischen Waffen und in dem Wahn, Torres befehlige eine räuberische Expedition und wolle sie zu Gefangenen und Sklaven machen, in die Wälder geflohen.“

Interessant ist die Personalisierung. Zierenberg erscheint selbstverständlich, dass die Leute am Fluss spanische Kapitäne und deren (wechselnden) Schiffe kennen. In seiner Wahrnehmung sind das berühmte Zeitgenossen – Stars in der Manege einer unfassbar verbrecherischen Expansion. Das Gold der Inka macht das Plumpsklo Spanien weltgeschichtlich salonfähig. - Und kein Mensch fragt nach der Rechtlichkeit des Reichtums.

Der Skandal des Holocausts bestand darin, dass er in Europa stattfand. Heiner Müller

Interessant ist ferner „die Flucht in Wälder“. Man steht im Wald. Ist alles Wald. Die Konstruktion eines Außer Waldes auf dem Wasser definiert den weißen Standpunkt wie der Mondstein die Sterne. Schiffe sind Körper der Zivilisation, die Angst der Einheimischen: traurige Tropen.

„Wir kehrten zum Schiff zurück.“

Am Abend lässt Torres wieder ein Boot an das Ufer abgehen, mit einem Indianer an Bord, der die Eingeborenen von den wohltätigen Absichten der Spanier unterrichten und sagen sollte, dass sie mit den Menschenjägern in keiner Verbindung stünden. Nachdem der Indianer das den Wilden zugerufen hatte, sprang er ins Wasser und schwamm ans Gestade. Die Eingeborenen nahmen ihn gut auf und ließen so sehr von ihrer Furcht sich abbringen, dass bald vierzehn Kanus mit Ladungen von Baumwollgarn und anderen einfachen Handelsartikeln die Karavellen umgaben.

Der Fuchs Torres verbietet jeden Handel außer dem Tausch von Dreck gegen Gold, dass „die Wilden versucht würden, die eigentlichen Reichtümer ihres Landes zu zeigen.“

Sie konnten aber nichts anbieten und waren von allem Schmuck aus kostbarem Metall entblößt. Nur einer trug in seiner Nase ein massives Stück Silber.

Die Wilden haben dazugelernt. Während sie zuerst nicht verstanden, weshalb sich die Eindringlinge bei jedem größeren Goldaufkommen in die Haare kriegen, ist ihnen die Sache nun klar. Kapitän Torres lädt den Bürgermeister und die wichtigen Mitarbeiter zum Umtrunk unter Deck ein. Zierenberg bemerkt angeschliffene Zähne, ein „verschlagenes“ Grinsen. Für den Reiseschriftsteller sind diese Leute zurückgebliebene Kinder Gottes – der Führung und Aufsicht bedürftig. Zu Gehorsam befähigt. Nicht übel in ihrer Art.

Die Europäer stinken nach Blut. Jeder Satz beginnt mit den Worten tu mal. Ob gusto oder aliento. Die Spanier nehmen Kakao und geben Syphilis. Da die „zarten indianischen“ Bergwerkssklaven akkordisch sterben, importiert man Afrikaner. Trotzdem behält man einen moralischen Vorsprung und sowieso die Deutungshoheit. Es ist absurd, aber wahr.

Weiß zu sein, bedarf es wenig, doch wer weiß ist, ist ein König.

Zierenberg fasst den Besuch vom Bürgermeister ethnologisch auf. Er spekuliert darüber, ob dessen Knochenschmuck menschlichen Ursprungs sei.

Torres versteht die Einlassungen des Würdenträgers so, dass vier Tagesreisen landeinwärts ein König wohnt, den hochzunehmen sich lohnt.

Torres vermutet in Zierenberg keinen Spießgesellen, doch einen Mann seines imperialen Selbstverständnisses. Deshalb hält er mit nichts hinterm Berg und lässt Zierenberg bei den Schweinereien zu.

Torres schickt zwei Boten ab, die dem König beste Grüße von Philipp II. überbringen sollen. Philipp II. nennt sich König von Spanien – anders als seine Vorgänger. Als Kolumbus den Rio de los Mares befuhr, grüßten noch zwei kastilische Majestäten. Philipps Vater, Karl I., war König von Kastilien und Aragón. Es bedurfte dieses Riesenraubs, um Spanien auf eine Formel zu bringen.

Identität und Verbrechen – der Dschungelmarsch ist eine „Mission“. Daran teil nimmt, das wird extra erwähnt, ein getaufter Jude, der Hebräisch und Chaldäisch spricht und Arabisch versteht. Siebzig Jahre zuvor hatte man diese Sprachen bei den „westindischen“ Fürsten als bekannt vorausgesetzt. Kolumbus versuchte seine Kenntnisse vom Küstenverlauf Asiens mit den Verhältnissen am Rio de los Mares in Einklang zu bringen.

Die Missionare unter Kapitän Torres „erhielten Schnüre von Glasperlen und anderes Flitterwerk zur Bestreitung ihrer Reisekosten“.

Zierenberg sucht einen Aussichtspunkt, doch die „üppigste Vegetation“ verstellt ihm jeden freien Blick. Er ist über den Punkt hinaus, zu glauben, irgendein Wohlgeruch verbände sich mit „orientalischen Hölzern“. Die Zeiten sind vorbei, dass Gerüchte von Zimtbaum- und Muskatnuss-Plantagen Karawanen in Gang setzten.

Inzwischen geht es nur um Gold, die Goldsucht droht auch Zierenberg, obwohl er aus bestem hessischem Holz geschnitten ist. Zierenberg ist ein unermüdlicher Wanderer, der für drei Leute Zeug schleppen könnte, gäbe es die Träger nicht. Seine botanischen und geografischen Interessen sind humboldtesk.

Morgen mehr.

09:57 29.11.2015
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