Hessenmeister XCIX

Kassel Friedrich von Zierenberg ging Georg Forster voran. Beide bereisten die Welt und wirkten in Kassel
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Georg Forster - Gemalt in Kassel von einem Tischbein

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Bildnachweis: Wikipedia

Was vorher geschah.

Auf St. Vinzent, einer Insel in der Karibik, trifft Kapitän Torres kampfbereite „Wilde“. Zu Torres Bedeckung gehört Friedrich von Zierenberg, eine Verkörperung des niederhessischen Uradels so wie ein Georg Forster* zu seiner Zeit. Zierenberg dilettiert als Ethnologe, Botaniker und Geograf. Seinen (auf Geheiß und Kosten des ersten Landgrafen von Hessen-Cassel (vorher hieß es bloß Landgraf von Hessen) Wilhelm IV. (1532 - 1592), genannt „Willi der Weise“, abgefassten und gedruckten) Reisebericht entdeckte ich im Januar 1980 in der 42. Auflage einer seit Jahrhunderten vergriffenen Ausgabe. Auf der Suche nach einem abgefahrenen Ort waren Mara, Susanne (genannt Flitz), Murat (genannt Osman, er gründete später das Label „Osman Universal“) und ich in eine aufgegebene Heilanstalt eingestiegen. Das war nicht einfach gewesen. Alles war vergittert und verrammelt.

*https://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Forster

Wir hatten uns mit einem Brecheisen Zutritt verschafft. Wir stellten fest, dass nicht amtliche Umsicht die Anlage vor unbefugtem Zutritt sicherte. Die Anstalt war als Seuchenkrankenhaus gegründet worden und lag abgeschieden fast schon im Wald. Man konnte es krachen lassen, fürchtete aber vandalische Konkurrenz. Abgeordnete der Kasseler Landkreisjugend hatten alles dichtgemacht, so dass andere da nicht als Punks oder Post-Hippies in die Vollen gehen konnten. Die Reviergebieter waren Hartmetaller, das bewies die Wandbemalung, man hatte sich einen Sport daraus gemacht, Bücher aus den Regalen zu reißen. Mara und ich packten ein, Flitz und Murat wollten sich lieber Stimmungen ergeben.

War alles magisch, zumindest unheimlich.

Gänge, in denen kein Licht anging. Räume wie Höhlen, die zu archäologischen Gesängen anregten. Die Kraft der Kälte. Ein glühender Heizstrahler, der eiskalt zurückgelassen worden war. Sich davor knien und ein Gedicht schreiben, war das nicht Gebot der Stunde.

Der Landkreis Kassel war für psychedelische Ausflüge ideal. Wir reisten im magic VW-Bus und hörte wish you were here. Jedenfalls kam ich in der Anstaltsbibliothek zu dem einzigen Exemplar des Zierenberg'schen Reiseberichts, das auf dem europäischen Kontinent noch existiert.

So geht es weiter.

Eine Bande grimmiger Kariben versucht bei Torres und seinen gepanzerten Gefährten Eindruck zu schinden. Zierenberg schreibt: „Der Feind war armselig, ganz nackt, ohne Schild, nur mit lanzenartigen, angespitzten Stöcken versehen.“

Die Spitzen sind schwarz, sie wurden im Feuer gehärtet – Zierenberg weigert sich schlankweg in dieser Bewaffnung so etwas Ausgereiftes wie Lanzen, Speere oder Spieße anzuerkennen. Das sind nur Stöcke. Der Mangel an Kleidung stigmatisiert die Verteidiger. Zierenberg schwitzt unter Helm und Brustpanzer, doch kommt es ihm nicht in den Sinn, die Rüstung für unangebracht zu halten. Zierenberg ist richtig angezogen, die anderen nicht. Der Mann wähnt sich immer im Recht, immer fühlt er sich überlegen. Und immer sind die anderen doof und stinken.

Der Typus stirbt nicht aus. Ich habe in Ebbelwoi-Schwemmen im Verlauf von Jahrzehnten zig Zierenberg-Varianten beobachtet. Manche sahen aus wie Ebby Thust. Alle tropften vor Selbstgefälligkeit. Das ist eine Bewaffnung.

Zierenberg steht am Strand von St. Vinzent und wartet von Fliegen umgarnt aufs Gemetzel. Er wird im Kampfmodus eher noch ruhiger als sowieso. Das ist kein Fatalismus. Die Gelassenheit gehört zur Bewaffnung.

In der Zwischenzeit macht der Dolmetscher den Kriegern klar, was sie erwartet.

Zierenberg: „Der Dolmetscher hatte Angst, er zitterte fortwährend; er trat aber vor mit der Armbrust eines Christen und zeigte sie den Wilden. Er riet ihnen, sich in allergrößter Acht zu nehmen. Sie würden sonst getötet werden. Unser Mann nahm ein Schwert, entzog es der Scheide, wies den Wilden die Schärfe und bemerkte, damit würden sie in lauter Stücke gehauen, so sie sich nicht eiligst aus den Staube machten. Das wirkte: im Nu stoben die Wilden auseinander und davon.“

Bei der nächsten Begegnung mit „Wilden“ sammeln die Europäer die angespitzten Stöcke ein.

„Torres gab ihnen ein bisschen Brot und verlangte dafür ihre spitzen Stöcke. Wer gehorchte, dem reichte er eine Schelle oder einen Messingring. Beinah augenblicklich strömten von überall Wilde herbei, begierig darauf, ihre Waffen gegen Tand einzutauschen.“

Die Einheimischen behandeln den Abfall wie Reliquien oder „hochgeschätzte Andenken“. Im Handumdrehen sind sie wehrlos.

Zierenberg nennt das „einen Handstreich“. Torres, seinem Wesen nach ein halluzinierender Querulant, streitlustig, bissig, verbohrt, seelisch entkernt, nur noch am Gold und an seiner Bequemlichkeit interessiert, beweist skrupellos Intelligenz. Für ihn besteht kein wesentlicher Unterschied zwischen einen „Wilden“ und einem Affen. Affen sind ihm lieber, da diesen Primaten die Hybris der Menschenähnlichkeit abgeht. Eine Affe gibt sich als das zu erkennen, was er ist. Das tut der „Wilde“ nicht.

Den „Wilden“ an der Nase herumzuführen, ist Christenpflicht; die Lust an der Zerstörung, ein Implantat. Schiffsjungen zerschlagen aus Langeweile Schildkrötenpanzer. Die für alle wertlosen Stücke lassen sich gegen Dinge von Wert tauschen. Es reicht, dass eine weiße Hand ihn gibt, um jedwedem Dreck einen honorablen Tauschwert zu verleihen.

Die Schiffsjungen kommen vor den Granden auf den Trichter, wie weit man gehen kann bei den „Eingeborenen“. Sie erschrecken die Leute mit Tröten. Die Tröten erzielen die Wirkung der Posaunen von Jericho.

Um die Rechtmäßigkeit aller Verhältnisse einfach von den Füßen auf den Kopf stellen zu können, nennen die Europäer jeden Kariben einen Menschenfresser. Das macht den Kariben zum Feind der Christenheit. - Zu einem Ungläubigen. So einem den Schädel zu spalten, will auf Erden und im Himmel gelobt sein.

Morgen mehr.

08:13 03.12.2015
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