Hessenmeister XCVI

Kassel An einer Mündung zum Rio de los Mares trifft Torres‘ Flotte auf eine Versammlung von fünfzig Hütten und wenigstens tausend Leuten
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Rauchender Landarbeiter

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Bildnachweis: Zeitenblicke.de

Was zuvor geschah.

Der Weltreisende Friedrich von Zierenberg befährt siebzig Jahre nach Kolumbus den Rio de los Mares. Das Kommando an Bord hat ein Mann, der sich in Europa nicht mehr blicken lassen kann - Rodrigo de Torres. Heiner Müller beschreibt ihn so: Torres war als Mann der Alten Welt kaum zu begreifen. Er verspürte keinerlei royale Sympathien. Ihm fehlte der innere Ankergrund Europa. Mit der von fremdem Blut nassen Hand brach er das Brot ohne Bedenken. Er folgte seinen Bedürfnissen als seien sie Gesetz.

Torres hört von einem amerikanischen Pharao vier Tagesreisen landeinwärts.

So geht es weiter.

Die Kunde vom Goldkönig im Wald ist eine Ente, die nicht jeder überlebt. Von Kapitän Torres abgeschickte Emissäre geraten in ein Verteidigungswerk, das sich von seiner Umgebung kaum unterscheidet. Der Verhaucharakter einer Dornenhecke offenbart sich ihnen nicht. Die nachfolgende Gesellschaft findet gepfählte, angefressene, in Rekordzeit verfaulende Leichen. Unmutsäußerungen der „Wilden“ folgt ein kaum geordneter Rückzug. In ihrer Sprache sagen die Bewohner des Waldes:

„Wir sind das Volk und ihr seid die Pest.“

Was anderes sind die Spanier als Terroristen, die fern der karstigen Heimat einen Gottesstaat errichten wollen?

Torres lässt die Karavellen kalfatern. Die zur Teerverflüssigung in Brand gesteckten Stöße entwickeln einen aromatischen Rauch mit narkotisierender Wirkung. Friedrich von Zierenberg vermutet die Quelle des Rausches im Harz der Mastixbäume, auch bekannt als Wilde Pistazie. Das ist ein Irrtum, als Deutschländer weiß Zierenberg vieles nicht. Die deutschen Länder wälzen sich zwischen Agonie und Epochenschlaf. Funktioniert etwas, dann kannten das die Römer schon besser.

Zierenberg denkt über den Nutzen der Süßkartoffel nach. Er wird sich dazu noch gründlich äußern in einem Traktat. Ich stellte den Kartoffel-Zierenberg Kasseler Schülern vor. Das waren Vierzehnjährige, die nicht wussten, dass ihre Stadt sechshundert Jahre lang Residenz der kurhessischen Landgrafen gewesen war. (Seit Heinrich von Brabant, Enkel der heiligen Elisabeth, Kassel zu seiner Hauptstadt gemacht hatte.) Sie konnten aber sämtliche arabische Staaten fehlerfrei an die Tafel bringen. Sie gingen über die offizielle Zahl hinweg … aus einem internen Selbstverständnis. Sie übertrugen den Zierenberg in die Herkunftssprache der Eltern, somit ins Albanische, Arabische, Bulgarische, Italienische, Kurdische, Russische, Türkische und Spanische.

An einer Mündung zum Rio de los Mares trifft Torres‘ Flotte auf eine Versammlung von fünfzig Hütten und wenigstens tausend Leuten. Das hat etwas von Großstadt im Dschungel. Die Zeiten sind vorbei, dass man Weiße für übermenschliche Wesen hält und ihnen zum Zeichen der Unterwürfigkeit Hände und Füße küsst.

Eine Delegation hat Anspruch auf Bewirtung im besten Haus am Platz. Man nötigt den Kapitän und die Entourage auf hölzerne Tierskulpturen. Ein Ritt wie auf dem Schaukelpferd. Gereicht wird fermentierter Fruchtsaft. Ein Dolmetscher macht den Redner für die Weißen. Er hält nach der Landessitte einen ordentlichen Vortrag.

Zierenberg beobachtet die Klassenunterschiede und Rangabstufungen der gastgebenden Gesellschaft. Er hat Gemeinschaften in „vollkommener“ Gleichberechtigung kennengelernt und setzt Egalität in einen Zusammenhang mit Goldferne.

Je näher die Expedition pharaonischen Reichen kommt, desto furchtbarer sind Regime. Nicht zum ersten Mal sieht Zierenberg Raucher, „sowohl Männer als auch Frauen“. Zigarren vergleicht er mit Papiertüten (papierne Düten) „wie man sie Kindern zu Pfingsten schenkt“.

„Sie zünden diese Vorrichtung an einem Ende an, während sie am anderen Ende saugen und mit dem Atem den Rauch einziehen.“

Zierenberg spekuliert über den Nutzen des Rauchens. Er hält „Tabacos“ für ein Mittel zur Steigerung der Ausdauer, so dass User keine Anstrengung „fühlen“.

Zierenberg zitiert einen Kritiker:

„Ich kannte Spanier auf Kuba, welche sich an die Tabacos gewöhnt hatten. Sie sagten aus, das es nicht mehr in ihrer Gewalt stehe, das Rauchen aufzugeben. Ich kann nicht begreifen, welchen Genuß und Vorteil sie davon haben.“

Der Witz dabei: Mit kubanischem Tabak wird zu Zierenbergs Zeit schon mehr Schotter gemacht als in den Goldlagern auf Haiti.

Morgen mehr.

11:16 30.11.2015
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