Hessenmeister XCVII

Kassel Auf Tortuga suchte man Gold im Schein der Fackeln. Man war wie irre dabei. Das berichtet der nordhessische Weltreisende F.v. Zierenberg
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War Kolumbus wahnsinnig? Friedrich von Zierenberg stellte sich dieser Frage. ...

Als Kolumbus eine indische Straßenkarte auf die gewundene Küstenlinie von Haiti legte, glaubte er, mit einem Araber als Dolmetscher vor Ort gut aufgestellt zu sein.

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Bildnachweis: deseretnews.com

Zierenbergs Schilderungen der Neuen Welt fallen günstig aus. Bäume belasten Früchte von versuchender Gestalt. Da macht einer auf Camping im Paradies. Die von Kapitän Torres kommandierte, von unbekannten Fiebern erfasste, lediglich gelegentlich willkommene Reisegesellschaft trifft in rascher Folge auf Weiler mit zwei, drei Unterständen in landestypischer Leichtbauweise. Überall Netze und Hängematten - gewirtschaftet wird im Spektrum zwischen Süßkartoffel und Baumwolle. Zierenberg exponiert in seiner Liste amerikanischen Pfeffer in Erinnerung an ursprüngliche Absichten des Kolumbus, der auf indische Spezereien scharf war. Zierenberg erwähnt besonders eine Gemüsbohne, die er den Lupinen zurechnet.

Er hört den Schlag der Nachtigall und betrachtet Vögel mit seltenem Gefieder. Dies als Beispiel für eine europazentrierte Perspektive. Zierenberg wähnt sich an einem Anfang der Kultur. Er erwartet (beobachtet/fiktionalisiert) die Bevölkerung auf einem Übergang von nomadischer zur sesshaften Lebensform. Die Rückständigkeit priviligiert den Weißen zur Vorherrschaft.

„Die Verwunderung, womit man uns allerorts betrachtet, zeigt klar, dass dieses Volk mit zivilisierten Menschen noch nichts zu tun hatte.“

Kolumbus hatte sich im ersten Anlauf Phantasien von orientalischen Despoten und Palästen hinter dem nächsten Hügel hingegeben. Bald sah er sich in eine unverständliche Region versetzt. Bei Leslie B. Mortimer las ich: „Kolumbus befand sich in einem Zauberland, da seine Einbildungskraft mit magischer Gewalt alles schuf, was sie brauchte, um die Herrschaften in der Heimat zu beeindrucken.“

Kurz gesagt, Mortimer behauptet, Kolumbus sei in „Westindien“ oder schon vorher wahnsinnig geworden und habe so wahnsinnig erstaunlich lange das Zepter im Griff behalten.

Siebzig Jahre später weiß jedes Kind: hinter dem nächsten Hügel wartet der nächste unkultivierte Hügel. Gerüchte von Gegenden im Osten, wo Leute Gold bei Fackelschein aus Flüssen fischen, sind das Geschirr, in dem alle stecken: Torres' Mannschaft, angeheuerte Haudegen, von der Gemeinschaft an Bord und am Ufer angeödete Einzelgänger. Darunter frühe Wissenschaftseuphoriker. Wahre Futuristen auf geträumten Feuerstühlen: gestrandet in der Vergangenheit.

Eiferer sind an Bord, die in Erwartung muslimischer Vorherrschaft in Europa das Weite suchen. Während sie das Kreuz hochhalten, zwinkern sie Luzifer zu. Nennt sie Bohemians. Manche nennen sich selbst so. Fernwald Classen heißt ihr Vorstand mit eigenem Manifest. Er nimmt Henry David Thoreau nicht vorweg. Vielmehr folgt er einem später nicht mehr beachteten Eskapisten.

Classen predigt Härte. Er entführt einen Youth Bulge, so sagt die Soziologie, einen Testosteron-Überschuss, seinen angestammten Plätzen der Entladung. Stellt euch vor, diese jüngeren und jüngsten, total chancenlosen Söhne und Brüder, allesamt kaum alphabetisiert, explodierten in Europa - soziale Sprengsätze, die sie in der Konsequenz einer anthropologischen Konstante* angeblich sind.

*Sagt Fernwald Classen.

Die „Eroberer“ sind Verlierer sozialer Ordnungen. Diese Ordnungen hebt der Urwald auf. Dafür weiß keiner genau, wo er ist. Man kann nicht alles haben.

Morgen mehr.

12:50 01.12.2015
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