Hessenmeister XCVIII

Kassel Von Kassel in die Karibik - Als das noch ein Abenteuer war
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Karacke in der Zeit, als Kolumbus zur See fuhr
Bildnachweis: Wikipedia
Friedrich von Zierenberg memoriert, dass Kolumbus ein Menschenalter vor ihm „Wilde an Bord nahm, Männer wie Weiber.“ Sie sollten Spanien sehen, Christen werden und bei künftigen Reisen nützlich sein.“
„Ich hörte“, zisiliert Zierenberg, „dass die Mitreise seitens der Wilden nicht eine freiwillige war.“
Kolumbus fand sich wohltätig. „Diese Leute“ kannten „Gottesverehrung nicht“, sie waren „von sanfter Art und ohne Falsch“.
Sie töteten einander nicht und beraubten sich nicht der Freiheit.
Kolumbus setzte das in Erstaunen. Komisch, diese Inder. Führen keine Waffen und sind „so furchtsam, dass ein einziger von uns reicht, um ihrer hundert „dahinfliehen“ zu lassen.
Sie glaubten alles, „was wir ihnen sagten“.
Zu Kolumbus‘ Zeiten verstand man ozeanische Reisen als Unternehmungen, die im besten Fall „zum Wachstum und Ruhm der christlichen Religion gereichten“. Man unterschied nicht groß zwischen Handel und Bekehrung. Die Missionare waren social fixer. Zierenberg zitiert Kolumbus: „Der Verkehr mit Nichtkatholiken bringt Gleichgültigkeit in Bezug auf die Glaubenssätze, erschüttert folglich das Fundament der Religion, während der Umgang mit nicht guten Christen unmittelbar Sittenverderbnis herbeiführt.“
Zierenberg ist evangelisch, die Reformation noch jung genug, um heftig zu sein. Der Protestant befährt den Rio de los Mares als eine Art Zaunkönig. Das Kommando auf der Karacke hat Kapitän Torres, ein versoffener Totschläger und goldgeiler Erzkatholik. Für Torres ist Zierenberg ein Abtrünniger, doch sind an Bord noch mehr „nicht guten Christen“. - Europäer mit exotischem Status. – Zweifelhafte Typen. Kommt auf die Tageszeit an, wie Torres seine Passagiere taxiert. Morgens gegen Vormittag fängt er an zu trinken.
Zierenberg denkt über die aufgegebenen Götter der einheimischen Bevölkerung noch nicht ethnologisch nach. Er rechnet „die Götzen“ zu einer „tiefstehenden und traurigen Religion, viel armseliger als die Menschen, die sich fälschlich zu ihr bekannten“.
Er spricht mit Fernwald Classen, dem mitreisenden Anführer der Deutsch-Schweizer Landjugend. Classen ist charismatischer Führer einer Erneuerungsbewegung, in der Zukurzgekommene sich sammeln. – Bauernsöhne, ohne Aussicht auf ein Erbe. - Adlige und Gelehrte mit nichts als einem Titel. – Hochstapler. Rassistische Schriftsteller, ich erinnere an Odin Dunkel, der allerdings in der Schweiz zurückblieb. Einer seiner Nachfolger setzt bis heute mit Zustimmung des „Transhumanisten“ Bernd Kröll Muslime konsequent als „Musels“ herab. Unterstützt werden Kunkel/Kröll von anonymen „Stimmenrausch“-Aktivisten, die ihre Freude an der Anonymität nun auch als Leserbriefschreiber auf Spiegel Online ausleben. In einer erweiterten Auswahlmannschaft sind die „Stimmenrauscher“ an der Berliner Stadtgrenze auch schon einmal auf Menschenjagd gegangen. Ihr „repressives“ Repertoire erfüllt sie mit Stolz. Am liebsten legen sie ihre Einsichten* unter den Kolumnen der hoffentlich weitgehend ahnungslosen Sibylle Berg ab.
Was für ein Sumpf. Dazu kommt bei den „Stimmenrauschern“ ein immer wieder aufkreuzender, verschwurbelter Antisemitismus, der von sich nichts wissen will.
*thewestisthebest - Stimmenrauschender Leserbrief auf spiegel online (mit allen Fehlern):
im gegensatz zu allen anderen religionen befindet sich die christliche welt seit ca. 1300 jahren in einer feindlichen auseinandersetzung mit der islamischen welt, mal mehr oder weniger offen, aber grundsätzlich ständig. diese 1300-jährige gegenseitige aversion und das ringen um die vormacht hat sich in das kollektive gedächnis der christlichen und der islamischen welt eingebrannt, das gibt es weder in bezug auf den buddismus oder hinduismus. muslime reagieren daher weit empfindlicher auf offene oder vermeindliche beleidigungen oder mangelnden oder vermeindlich mangelnden repekt vor ihrer religion. christen wiederum ist der muslim weitaus suspekter als der buddist, hinduist oder sikh und wird daher mit wesentlich größeren vorbehalten begegnet. es ist daher "normal" wenn es mit einwanderen aus islamischen ländern größere probleme gibt als mit anderen, da ist eine unterschellige gegenseitige abneigung am wirken die sich auch durch eine willkommenskultur nicht ausbügeln läßt.
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Classen fühlt sich wie eine Kerzenprozession neben einem Vulkanausbruch, wenn er neben Zierenberg an der Reling steht. Da ist ein Mann ohne Furcht, hoch intelligent, passabel in der Erscheinung, vermögend. Zudem zählt Zierenberg zur Urhessischen Ritter-Gesellschaft. In diesen Verein kannst du dich nicht einkaufen.
Nobilitierter geht es nicht. Zierenberg entzieht sich der forschen Unbedachtheit des jungen Classen in der Betrachtung einer Aprikosenart, die heilig mancher Kommune einst gewesen, bis Kolumbus in seiner Benevolenz (und um bei seinen Hoheiten Isabella und Ferdinand zu punkten) sie unter das Kreuz befahl.
Die Reisegesellschaft erreicht St. Vincent*. Da begegnet sie „einer starken Bande von Kriegern mit drohenden Mienen“. Zierenberg notiert: „Die Insel ist also nicht ganz ohne Polizei und staatliche Ordnung.“
Der Oberwachtmeister empfiehlt die plötzliche Abreise.
Zierenberg: Sonderliche Furcht hatten nun freilich die gepanzerten Seefahrer nicht; ihre Feinde waren armselig bewaffnet, ganz nackt, ohne Schild …
*Später Stamminsel der Garifuna, einer volkstümlichen Verschmelzung von Afrikanern und Kariben.
Morgen mehr.
10:38 02.12.2015
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