Hessenmeister XII

Ugly Casting Zaimoglus Hässlichkeit war unumstritten. Das traf sich gut
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ich wollt ne schandtat losmachen was hochkalkuliertes und fand im raum der pauker nur ne üble toleranz für rocker. es waren diese 2 inner klasse: der eine warf nen apfel hoch und als die frucht einer christa auffe kalotte krachte bog sich der hundesohn vor schnappdieluft: s äußerste an hardcore. der andere ne nazisau saß ausgerechnet neben mir: immer diese scheiß filmreifen batzen erinnerung. dem schwein sollte ich in 3 bis 5 fächern gedankengänge öffnen dabei hätt er schon gern aus meiner haut riemen geschnitten …

Tuschick/Zaimoglu

Aus der Frankfurter Rundschau vom 31. Januar 1998

Ethan Hawke - Er flog mit der Concorde nach Hause

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/2/29/Ethan_Hawke_-_2009_Venice_Film_Festival.jpg/220px-Ethan_Hawke_-_2009_Venice_Film_Festival.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Zaimoglus Hässlichkeit war unumstritten, Wellensittiche fielen tot von der Stange beim Anblick des Zaimoglu. Insane brain - Steffi führte eine Ugly Casting Agentur, der Lauf der Welt glühte vor Koinzidenz. Zaimoglu hatte immer von einer künstlerischen Karriere geträumt, als weltweit gebuchtes Modell sollte er seinen Träumen noch verdammt nahe kommen. Doch eins nach dem anderen. Steffis Chefassistent Andi fotografierte Zaimoglu im ewigen Sommer Neunundneunzig. Steffi begleitete Ethan Hawke nach Paris. Sie schrieb: „Wir sind def. eingeschlossen. Die Fenster des Apartments beschlagen von innen, es regnet Tag und Nacht.“

In Frankfurt hatte es seit einem halben Jahr nicht mehr geregnet. Die Temperaturen schossen durch die Decke, es gab keine historischen Wetterbeobachtungen, die dergleichen überlieferten. Die Bevölkerung arabisierte. Frauen verschleierten sich vor der sengenden Sonne.

Hawke flog mit der Concorde heim, Steffi wandte sich wieder verstärkt Frauen zu. Sie unterhielt ein halbes Dutzend On/Off-Beziehungen. Sie konkurrierte im erotisch Lapidaren mit Willie.

Willie hatte eine Sexsucht. Sie war besessen von versperrten Gesichtern und in Fett liegenden Muskeln. Das Geschlecht spielte keine Rolle. Ich erinnere an Mario(n) Sieben. In besserer Erzähllaune konnte man nicht antreten als Sieben angetreten war. Willie, Hauke und ich hatten auf dem Balkon am Debüt geschwitzt. Sieben ruinierte in der Zwischenzeit meine Kaffeemaschine.

Der Roman wurde als „stille Sensation“ gefeiert. Das heißt, ich feierte ihn als stille Sensation, es gab sonst keine Besprechungen. Trotzdem war die Aufregung groß und gemein. Sieben bekam ihre Lesungen in Steffis Agentur und Willies Kneipe. Seltsamerweise reichte das für eine Erwähnung in der Tagesschau. Erwähnt wurde allerdings nur Willies Kneipe „Zum Willie“.

Ich habe Willie nie gefragt, warum sie ihre Kneipe nicht „Zur Willie“ genannt hatte. Vielleicht lag da was im Argen.

*

die wucht reißt s trübe auf. manchs reichtn schmaler schlag oder das wunder eines minimalen schnappkicks und sone hebelmotte kriegts inner sprache wieder die sie schlägt gnadenlos. mann keine reue!

Tuschick/Zaimoglu 1998

Edith wuchs mir ans Herz, das war Hauke nicht recht. Das war auch Ediths Mann nicht recht. Die Wahrheit ist, es war mir selbst nicht nach der Mütze. Ich musste meinen Instinkten widersprechen, das tat ich nicht gern und hielt das auch nicht für gesund.

Intuition war für mich alles. Meine Intuition warnte mich vor Edith, Hauke warnte mich. Ediths Mann, der irre Wanz, ihr erinnert euch, warnte. Doch Edith fesselte mich. Ihre Geschichten handelten von großen Gefühlen und kleinen Gelegenheiten.

Edith verstand sich als Kämpferin. Das war unbegreiflich. Sie gehörte Wanz wie ein Ding. Sie „liebte“ den Psychopathen und cholerischen Rechtsstaatsverächter.

Das Häusliche war aus den Fugen. Schon immer gewesen. „Elektriker“ nannte Edith ihren Vater. Der noch lebte in Fechenheim unter einer verzitterten Rauchsäule. Mit der siebzehnten Gefährtin nach dem Tod der eigenen Frau und Ediths Mutter.

„Der Elektriker hatte immer seine Hände nicht da, wo sie hingehörten.“

Das konnte alles Mögliche bedeuten. Edith gab mir Rätsel auf. Für ihre Chroniken wählte sie den triumphierenden Ton der Selbstbehauptung.

„Das war nicht meine Mutter. Aber ich sollte Mutti sagen zu der.“

Schweres Schicksal. Eine Stiefmutter folgte der nächsten wie im Märchen.

„Dem Elektriker war alles egal. Hauptsache da war eine Frau im Haus. Und die Frauen suchten auch nur das Dach über dem Kopf. Denen passte ich nicht in den Kram.“

So ein ausgebautes Gartenhaus bietet Verborgenem wenig Raum.

Ihr ahnt schon, dass es für Edith keinen anderen Referenzrahmen gab als narzisstische Selbstbespiegelung in Aspik.

Kühle und Eleganz wünschte sie sich. Einen Stil. Nicht nur Rotz und Trotz.

Es gab intakte Elternhäuser. Familien mit richtigen Müttern und Vätern. Das war die Katastrophe: das richtige Leben unerreichbar so nah. Edith konnte jederzeit mit Judith oder Sybille ein Zuhause aufsuchen, in dem zum Beispiel Walnussbrot in einem gewischten Kasten anzutreffen war. Diese Sorgfalt und Umsicht. Dann kam ein Erwachsener und war freundlich. Und war interessiert.

„Das habe ich nicht ertragen.“

Edith erschien Gesundheit, Geborgenheit, politische Klarsicht, überhaupt jede Form von Gesichtsklarheit „wirklichkeitsfern“. Sie fand das Glück der Judith oder Sybille „verbohrt“. In ihrer Verzweiflung aß Edith kalte Fischstäbchen.

Die Eltern der anderen verschanzten sich hinter demonstrativer Gelassenheit. Nun begriff ich. Die Gelassenheit griff Edith an. Dann doch lieber so einen wulligen Wanz. Bei dem konnte man sich darauf verlassen, dass er nie gelassen werden würde. Der kochte garantiert bis zum Schluss.

Jetzt kommt das psychologische Knallbonbon. Der Wanz kochte wie Edith gern gekocht hätte. Da saß der Hase im Salat.

Der Schulhof war gefährliches Gebiet gewesen. Edith „hasste die türkischen Jungs“. Frustriert von der Dominanz der Migrantensöhne in den Arenen der Jugendkonkurrenzen. Ihre Zerrissenheit zwischen dem folkloristischen Erziehungsideal der linken Pädagogen und den eigenen Erfahrungen verwickelte Edith in Widersprüche. Sie wollte Skinhead werden, obwohl das zum Linkssein der Lehrer nicht passte. Zugleich wollte sie auch Türke sein und eine Gang haben.

Edith war so verworren wie Wanz. Wanzens Verworrenheit hatte etwas Tröstliches für Edith.

Morgen mehr.

10:45 01.09.2015
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