Hessenmeister XIII

Ugly Casting Es lief wie immer. Vom Café zum Wein, die Einladung zum Abendbrot bei ihr. Sie lebte allein wohl noch nicht lang
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Gärten über Gärten - 1838 trafen wir Gérard de Nerval in der „Mainlust“ am Untermainkai. Später schrieb Gérard in seinem Reiseführer für die gehobenen Stände:

„Die „Mainlust“ ist der Hauptvergnügungsplatz der Frankfurter, Treffpunkt ihrer geselligen Vereine. Von dem eleganten Pavillon, der diesen Garten beherrscht,

Gérard de Nerval überschlug sich - Er teilte mit Zaimoglu und mir eine heiße Liebe zu Frankfurt am Main

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/5/54/G%C3%A9rard_de_Nerval.jpg/220px-G%C3%A9rard_de_Nerval.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

genießt man eins der schönsten Bilder der Welt: den Anblick von Frankfurt am rechten Ufer mit seinen Kaianlagen und dem Mastenwald der Schiffe davor, am linken Ufer den der Vorstadt Sachsenhausen, von der eine Brücke zur Stadt führt. Paläste unter blühenden Terrassen, Gärten über Gärten … das reicht jetzt, Gérard, du nervst, wir machen new style und schreiben rough. Guck ma, Gérard, ist an sich ganz einfach da warn aus dem plotz die feinde brigade und doch bloß blöde bagage und arierpack, jede youngmiss sprach tingeltangelliesig daher so mit purpurschleifen zöpfchenmonster arschwich! kirchenstiege bricht nicht, bin die rechte braut nicht das war nun mitnemmal ihre neue fassong. heute sagt man schmollmund dazu ist aber lallfallera mit ner küßmichmasche. die sah aus als würde sie ihr beutel tugend beim pfaffen zurren lassen.

Aus der Frankfurter Rundschau vom 31. Januar 1838

Texas Tuschick/de Zaimoglu

Gérard de Nerval war nicht zu bremsen, Gärten über Gärten, wie gesagt, ein paar alte Türme, das alles schmückt die Ufer des Flusses, in dem die Sonne untergeht wie in einem Meer; in der Ferne schließt die Taunuskette mit ihren bläulichen Wellenlinien den Horizont ab. Mein lieber Herr Gesangsverein, das war ein Nachmittag im ewigen Sommer Neunundneunzig, zurückdatiert auf das Jahr 1838. Dem Glücklichen schlug keine Stunde, die Hitze erreichte Temperaturen, die Liebe zum Rock`n`Roll wurde neu erfunden, unser Gérard rumpelte in einem fort: Eine jener vollendet schönen Impressionen, die im Gedächtnis ewig haftet bleibt – die alte Stadt, die prachtvolle Landschaft, die weite Wasserfläche, ein Bild, das Gottes Schöpfung und der Menschen Werk in wunderbarer Harmonie vereint.

Goethe schüttelte den Kopf, das wollte was heißen. Dem Gérard kam der Apfelwein aus den Ohren, ich verdrückte mich mit Hauke, sie war mir von allen die Liebste.

*

Zwischendurch mal ne Kleinigkeit von "stimmenrausch" - Max Pfeifer/Bert Papenfuß - pfeifer@stimmenrausch.de

Das nenne ich eine Drohung. Das ist Rassismus.

"wie heißt neger auf korrekt?

ich fahre besser
der fahrer fährt
...
unter tiefem dunkelgrau
die farbigen um mich sind dunkelbraun und müde
vom telefonieren oder vom erdnußsnack
...
von schadenfreude zu frohem verschontbleiben
wir sind schnell schneller als die wolken
meine wette holt das sommerwetter ein
spätestens bis zur berliner stadtgrenze
na warte ...
...
"
sonst sind’s mehr schlepper die bleiben müssen als geflüchtete die dürfen
unter den leistungserschleichern diesmal keine balkanzigeuner
auch keine kurden armenier assyrer aramäer aus syrien
gerettet nur zahlende neger und ein paar schwarzfahrende berber
...
warum schwarze in deutschland
fahrscheine zum vorzugspreis anbieten können
den verwaltungsaufwand lassen wir uns doch was kosten
damit die schmarotzer nicht unser gutes bares in die finger kriegen
..."
*

Sie hatte sich als groß und blond beschrieben, ich war zu spät. Sie lächelte meiner Beeilung entgegen … vor dem Café unserer Verabredung.

„Zu voll“, behauptete sie.

Sie wollte mich unter ihren Schirm nehmen, man schützte den Teint mit Regenschirmen.

Dieser Aufwand, den manche treiben, um anderen einen erfreulichen Anblick zu bieten.

Ruza war weder groß noch blond. Sie arbeitete in kalten Kammern des Vortods und wollte mir von einem mafiösen Mist berichten. Doch zuerst wollte sie mich kennenlernen und sich ein Bild von dem Mann machen, mit dem sie gegen die Krankenhauscamorra antrat.

Es lief wie immer. Vom Café zum Wein, die Einladung zum Abendbrot bei ihr. Sie lebte allein wohl noch nicht lang. Die Wohnung war seltsam geschnitten. Offensichtlich hatte man das Herrenzimmer einer feudalen Wohnung mit der Gesinde- oder Rumpelkammer vom Rest getrennt und daraus eine Dreizimmerwohnung gemacht. Man roch die Armut, sie knickte und knackte in den Gegenständen. Ich suchte nach Spuren der vergangenen Liebe, manche Frauen hielten ein Bild oder etwas vom Ausgezogenen Vergessenes im Sog ihres Alltags. Ruza erzählte von „Zigeunern“ in ihrer Kindheit. Ich glaube nicht, dass Zigeuner damals noch politisch korrekt war. Ruza vermutete ein feines Leben bei den Verachteten.

„Ich würde immer noch mit ihnen ziehen.“

Die Geläufigkeit der Nomaden-Pittoreske rührte nicht nur von Märchen, die Operette zog aus der abgesunkenen Realität eines früheren Lebens ferner Nahrung. Ja, Ruza konnte sich mit ihrem ausgezeichneten Gedächtnis an manches erinnern, welches vor ihrer Geburt sein Stattfinden gehabt hatte.

„Bin ich nicht immer noch eine Zigeunerin?“ fragte mich Ruza, während sie in einer Pfanne wühlte, die man unbedacht vielleicht Zigeunerpfanne genannt hätte.

Da war sie wieder: die weibliche Bedürftigkeit in der Verkleidung eines Zigeunerspießes. Warum wollten solche Ruzas immer wie verschleppt und unter die Räuber gefallen erscheinen? Ruza beschäftigte sich mit störendem Haar. Ihre erste deutsche Wohnung war ein Schwesternheim gewesen.

„In einem Wald … das mir, der Städterin. An großen Bahnhof gewöhnt.“

Die Frau vom irren Wanz rief an. Seit Tagen lief Edith hinter mir her und Wanz hinter ihr. Jedes Mal kriegte er sie, bevor sie mich kriegte. Dann heulte sie wieder ins Telefon.

Ruza guckte schon eifersüchtig.

„Großstädtisch, bürgerlich, westlich“ sei … gewesen. Aus einem furiosen Damals wehten imaginäre Glücksbänder über der Pfanne. Die Liste der Verluste war dramatisch. Dazu gehörten Freundschaften und Landpartien, das Meer bei Dubrovnik und der Schnee von Slowenien. Entwickelte Vetternwirtschaft. Bauern, an denen man vorbeifuhr. Titos vorbildliches Selbstbewusstsein. Tito hatte Stalin getrotzt.

Ich war einmal wieder konsterniert. Wusste ich doch, dass Ruza der Sinn nur noch nach einer Sache stand.

„Haben Sie großen Hunger?“ fragte sie scheinheilig.

Morgen mehr.

09:28 02.09.2015
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