Hessenmeister XIV

Ugly Casting versus Art For Rent (AFR)
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Im ewigen Sommer Neunundneunzig zogen die Leute mit Monsterkühlboxen über die Dächer.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/e/e0/Frankfurt_Am_Main-Stadtpanorama_von_der_Deutschherrnbruecke-20140714.jpg/330px-Frankfurt_Am_Main-Stadtpanorama_von_der_Deutschherrnbruecke-20140714.jpg

Bildnachweis: Wikipedia

Ruza hatte mich mit der Aussicht auf eine heiße Geschichte über Krankenhauskorruption in ihre Wohnung gelockt. Sie war noch nicht lange von ihrem „Verlobten“ („Ex-Verlobten“) getrennt und an einer „Beziehung mit Niveau“ interessiert. Ich zweifelte daran, dass der Verlobte vollkommen ex war. Im Wohnzimmer hing ein Bild von Tito, das fand ich immerhin bemerkenswert. Wer hatte schon einen Tito im Haus.

Das Wohnzimmer knisterte vor Ungemütlichkeit, die Unfähigkeit, sich einzurichten, sprach sich in den Dingen aus.

„Ich bin Gastarbeiterin“, sagte Ruza. „Wenn mir das jemand früher gesagt hätte.“

„Wir sagen nicht mehr Gastarbeiter“, sagte ich, um überhaupt etwas zu sagen.

„Aber ich fühle mich wie eine Gastarbeiterin.“

Darauf bestand Ruza. Sie hatte von den Gastarbeiterinnen, die aus Deutschland heimgekehrt waren, wenig gehalten. Sie war Patriotin, das bewies ein Foto, dass Ruza in Landestracht zeigte.

Sie war ein Flüchtling. Das bewies die Wohnung und der zerrüttete Zustand.

„Möchten Sie, dass ich die Tracht meiner Heimat anlege?“ fragte Ruza, da ich in meiner Verlegenheit zu lange das Foto betrachtet hatte.

Ruza erschien vor mir als Ausbund der Folklore; es war ihr bitterernst. Sie erzählte von einem Blindtest bei Hugendubel, den sie als Gottesbeweis aufgefasst hatte – kurz nach ihrer Ankunft in Deutschland.

„Ich griff ins Regal und zog Nimm das Leben wie es ist.“

Ich hörte die Erkennungsmelodie von Mission Impossible, vermutlich versuchte der Verlobte Ruza zu erreichen.

„Ich rufe später zurück.“

Ruza sah mich erwartungsvoll an.

*

„Du musst dich beeilen“, sagte ich. „Es ist halbelf.“

Hauke hatte eine Verabredung und wusste nicht, was sie anziehen sollte. Das war neu nach Jahrzehnten im Sweater. Eine Kehrseite des Wohlstands, der über uns gekommen war wie der vierzehnte Juli über Paris. Hauke verschüttete Gin auf dem Teppich, der Verzweiflung nah. Das Paar neben uns setzte sich zu Musik von Phil Collins unter Drogen. Die Hitze hatte viele Trennungen verdampfen lassen, die Leute wohnten praktisch mit uns zusammen. Er war Maler, sie Galeristin. Ihr Dreh und Schnapp war art for rent, so dass die Agenturen immer wieder neue Sachen im Foyer hatten, den Mist aber nicht kaufen mussten. Horst und Heike waren Sachsenhäuser Hippies gewesen, richtige Schmorenten, die den Arsch nicht hochbekommen und Tag und Nacht im „Schwarzmarkt“ abgehangen hatten – bis zu ihrer Geschäftsidee. Sie sammelten die Kunst ihrer Freunde ein und schoben sie der Geschäftswelt gegen ein paar Groschen unter. Die Groschen läpperten sich.

Nun waren Horst und Heike reich und liebten sich immer noch. Sie hingen aneinander, sie klebten zusammen. Sie hatten nach fünfzehn Jahren gemeinsamem Abhängens immer noch Sex miteinander. Horst wollte mit Hauke swingern, das Gespräch war im Gang. Ich glaube, Hauke betrachtete die Angelegenheit in Abhängigkeit meines Verhältnisses zu Edith.

Hauke und ich hatten uns die Wahrheit versprochen. Es war uns beiden unheimlich, dass wir so aufeinander abfuhren. Hauke war keine Schmuserin, sie hatte nie jemandem einen Rosengarten versprochen. Sie war leise gespielter Rock and Roll. Ich spürte, wie es ihr immer schwerer fiel, die Worte nicht zu sagen, mit denen man sich bindet.

Hauke täuschte Unabhängigkeit vor. Ich nutzte das aus. Ich zwang Hauke, kuhl zu bleiben. Denn da war Edith, die Frau vom irren Wanz. Edith war selbst wirr, aber schnuckelig. Ein altes Mädchen mit merkwürdigen Einfällen. Sie hielt ihren psychopathischen Gatten für ein Genie. Wanz litt enorm unter Ediths Interesse an mir. Er drohte und rumorte und schrieb jeden Tag ein pathologisches Poem. Ich stand in seiner lyrischen Schusslinie.

Horst kam angewanzt, wir lebten auf unseren Terrassen. In einer Pose nachlässiger Beweglichkeit lehnte er gegen die Brüstung. Seit er Schotter hatte, bildete Horst seinen Leib. Hauke brachte ihm Wasser, das ging gegen mich.

Horst näherte sich Hauke wie ein Miettänzer: diese Schmierengrazie. Heike wutschte an und fragte mich nach meiner Arbeit. Horst balzte, Heike hängte sich an meine Schulter.

„Ich habe so einen harten Rücken“, sagte sie.

Ich entzog mich und zerrte einen Heimtrainer aus dem Bestand von Horst und Heike unter ein Sonnensegel. Ich fing an zu trainieren.

Hauke fragte: „Soll ich hierbleiben?“

Ich hatte vergessen, mit wem sie verabredet war und wollte sie das auch nicht fragen. Weil sich das zu sehr nach Desinteresse angehört hätte. Ein Desinteresse, das ich gar nicht hatte. Ich war ja selbst verliebt wie verrückt.

Ich machte Liegestütze, während Hauke den Heimtrainer bestieg.

„Du bist toll in Form“, sagte Heike.

Horst fragte: „Und ich?“

Nun war klar, dass Haukes Verabredung zum Platzen verurteilt war. Leute aus der Musikbranche, aber keine Musiker, kamen über das Dach vom Nebenhaus auf die Terrassenflucht. Sie brachten eine Kühlbox voller Cocktails mit. Im ewigen Sommer Neunundneunzig verwandelten Vietnamesen ihre Telefonläden in Mischgetränke-Anstalten. Das waren keine Bars, war alles zum Mitnehmen lediglich bestimmt. Es gehörte zum new style mit einer Monsterkühlbox durch die Gegend zu laufen und mit Superfruchtcocktails gute Freunde zu überraschen.

Sie griffen zu, Hauke, Heike, Horst. Die Produzenten-Gang übernahm im Gegenzug die Geräte, wir hatten auch Hanteln für den Hausgebrauch. Man legte den Oberkörper frei, machte drei, vier sportliche Bewegungen und zog dann einen Cocktail durch. Manchmal blieb der Besuch Tage und die Eigentümer oder Besitzer suchten sich eine andere Terrasse und manchmal auch einen anderen Partner.

Plötzlich stand Wanz vor mir. Ich sah schiere Not.

„Weißt du, wo Edith ist?“

Morgen mehr.

08:53 03.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare