Hessenmeister XIX

Ugly Casting auf der Konstablerwache
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Konstablerwache - Im Neunundneunziger Sommer fand der Wochenmarkt auf der Konstablerwache nachts statt, um Mensch und Tier vor der stechenden Sonne zu schützen.

Konstablerwache - Ein Platz in Frankfurt am Main

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/3/39/Frankfurt_am_Main_-_Konstablerwache_2014.JPG/245px-Frankfurt_am_Main_-_Konstablerwache_2014.JPG

Bildnachweis: WIkipedia

Ginka Steinwachs hatte an der Ecole normale supérieure de Paris studiert und über die „Mythologie des Surrealismus“ promoviert. Sie vertrat eine „horizontale Weltanschauung“. Die Anschauung verlangte „Arbeit im Liegen“.

Steinwachs erschien gelenkig, ginka’resk, komödiantisch. Der lebendigste Somnambulismus nahm die Füße in die Hand und erklärte Stein zu Wachs. Steinwachs‘ Kunst schuf Raum zwischen Silben. Ihre Produktion war eine Zuckerbäckerei, spezialisiert auf an Giebeln, Erkern, Rundläufen reichen Zauberinnendomizilen.

Steinwachs putzte Worte, sie steckte ihnen zusätzlich Buchstaben in die Glieder und sondierte ihre fernen Bedeutungschancen. Sie trieb Sternzeichen zu Paaren. Widder konnte sie schlecht leiden.

„Du widderst mich an.“

Edith hatte mich gebeten, sie zu einer Steinwachs-Lesung im Literaturhaus mitzunehmen. Nun standen wir mit Steinwachs, Gazzetti, Falk, Torben-Thymian, Heike, Murat, Hala, Fritz und der kompletten Nordend-Kanakster Lauf- und Lerngruppe auf der Konstablerwache, inzwischen fand der Erzeugermarkt nach Mitternacht statt. So wurden Mensch und Tier geschont. Die Kegel von Flakscheinwerfern unterhielten sich über uns. Die Nähe zu nordhessischer Wurst und Käse aus Bioland machte alle glücklich in ihren mittleren Jahren. Alle deckten sich mit Lebensmitteln aus dem bäurischen Spektrum ein. Steinwachs hatte an diesem Abend kein Buch verkauft, das Geld der Leser floss zur Wurst.

Das Zeitverständnis dehnte frühe Morgenstunden, bis der Vormittag komplett hineinpasste.

Knowbot-Stände konnten schon alles selbst. Die bauten sich auf und ab und vercheckten ihre Semmeln wie geschnitten Brot. Die meisten nahmen aber lieber mit echten Menschen vorlieb, da gab es diesen Konservatismus.

In der breiten Bevölkerung beobachtete man eine sehr negative Einstellung gegenüber Knowbots. Es hieß, die nehmen uns die Arbeitsplätze weg und fressen unseren Strom aus der Dose. Was die verbrauchen! Können die nicht da bleiben, wo sie herkommen. Wir bleiben ja auch hier.

Übergriffe gegen Knowbots häuften sich.

Machen wir uns nichts vor. Die Dritte Welt war in Frankfurt angekommen, nichts lief mehr wie Neunzehnhundertachtundneunzig. Die Zeit hatte einen Sprung in der Schüssel, der Sommer Neunundneunzig konnte nicht in den Ruhestand gehen. Er ächzte. Er dauerte sich selbst viel zu lang.

Der Sommer Neunundneunzig hörte einfach nicht auf.

Manche Leute nahmen die Hitze zum Vorwand, um das Bekleidungsminimum zu unterschreiten. Dagegen schritt der Freiwillige Heimatschutz ein. Trotzdem sah man immer wieder Angehörige der neuen Stämme mit hochgebundenen Penissen. Ich erinnere an die Barfüßler, die nach dem Gesetz lebten und sich folglich nicht waschen durften. Man sah sie nur im Pulk und in sekteoser Erregung.

Indes waren wir Genießer einer Lebens-Art-Melange aus Knist, Karst und verlebten Gesichtern. Edith zupfte mich aus dem Kranz der Freunde und Kollegen, sie lockte mit einem Bratwurstversprechen.

Die Wurst wurde im Stehen eingeführt. Der Saft schoss aufs Kinn und tropfte ab; etwas Senf würde man auf dem Revers mit nach Hause nehmen dürfen. Der marodierende Blick verhakte sich im Lauch.

„Sieht gut aus.“

Edith besprach mit mir die Steinwachslesung. Nachbereitung bedeutete ihr viel. Nebenbei kaufte sie ein. Kräuter gab es gratis zum Salat, angeblich aus einem Offenbacher Gewächshaus. Doch kursierten wilde Salatgerüchte. Edikettenschwindel war verbreitet.

Edith trug Flipflops. Sie hatte knubbelige Füße.

Wir stießen zum kultischen Kern des Marktes vor. Kein Fremder konnte den Kult erkennen. Der Fremde sah Äpfel nur und wie von Silberhand getrimmte Zylinder. Der Fremde ging weiter, wir aber grüßten rituell Marktmeister Günter Gerster, kurz GG wie Grundgesetz. Bei GG tranken die besser als der Rest Informierten. Denen konnte man keinen Bären aufs Auge drücken, kam die Rede auf Apfelwein und Stadtgeschichte.

Mancher ließ sich zu entschiedenen Äußerungen herausfordern. Sofort flogen Fäuste und Klingen. Die Hitze hatte jedermanns Lunte verkürzt. Die Konstabler und Marktburschen regten sich alldieweil. Auch die Totengräber führten ein tätiges Dasein so wie es unserem Schöpfer gefiel.

Jederzeit hätte der irre Wanz, schwanger von Eifersucht und rassischem Hass, zum kultigen Kern vorrücken können. Wanz war Ediths Mann. Sie hatte ihm zweimal das Jawort gegeben, wie freiwillig, das ließ sich nur unter Zwang herausfinden. Edith verbarg mit Geschick ihre Ahnung der Gefahr. Sie schob Ginka Steinwachs vor.

Wir waren beim Kartoffelpuffer mit Apfelmüs, da ergab sich Heike, wie vom Erdboden entbunden. Sie bemäuste Edith missmutig. Ihr Horst war mit meiner Hauke im Kino (plein air). In solchen Zwischenzeiten sollte ich als Heikes zweiter Mann herhalten.

Morgen mehr.

10:45 08.09.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare