Hessenmeister XLII

Ugly Casting in Ruinen
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Janet Flanner folgte den amerikanischen Verbänden

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Bildnachweis: loc.gov

Janet Flanner folgte den alliierten Truppen im Auftrag des New Yorker. Im März Fünfundvierzig erreichte sie Köln. Flanner berichtete: (Die Stadt) „ist in die Luft gesprengt worden. Im Schutt und in der Einsamkeit völliger physischer Zerstörung lehnt Köln, bar jeder Gestalt und schmucklos, an seinem Ufer. … Die meisten Kölner haben nicht viel zu erzählen.“

Einer dafür umso mehr. Heinrich Böll lieferte Flanners Bestandsaufnahmen Innenansichten:

„Aus dem Keller kam ihm schwüle, säuerliche Luft entgegen; er ging langsam die schleimigen Stufen hinunter und tastete sich in ein gelbliches Dunkel hinein. Von irgendwoher tropfte es; die Flüssigkeit vermengte sich mit Staub und Schutt.“

Aus „Der Engel schwieg“

Böll wusste, dass er Redakteuren mit Leichenschleim nicht kommen konnte. Der Scheu vor harten Stoffen trug er vorauseilend Rechnung. In seinen Zeitungsgeschichten verbreitete er eine biedere, von Euphemismen und Redundanz aufgetriebene Sprache. Er reagierte satirisch:

„Auf die Gefahr hin, mich unbeliebt zu machen, muß ich hier eine Tatsache erwähnen, zu deren Verteidigung ich nur sagen kann, daß sie wirklich eine ist. In den Jahren 1939 bis 1945 hatten wir Krieg.“

Aus „Nicht nur zur Weihnachtszeit“

Heinrich Böll - Der Künstler als junger Mann

Motive für die ungleichwertigen Produktionen entdeckt man in Briefen. Die Post der frühen Jahre umkreist Beschaffungsprobleme und die Chancen der literarischen Mehrfachverwertung. Böll setzt dem Kolossal des Wiederaufbaus unbeabsichtigt ein günstiges Denkmal. Die ersten Mitteilungen an Freund Kunz, Ernst Adolf, sind noch Verständigungen in Landsermanier. Das Essen ist „beschissen“, Böll schwebt eine brüderliche „Tabakgemeinschaft“ vor.

Aus Herbert Hoven (Hg.): „Die Hoffnung ist wie ein wildes Tier“, Kiepenheuer & Witsch 1994

Böll ist Hilfsarbeiter in der Tischlerei seines Bruders, 1945 verliert er einen Sohn im Säuglingsalter. Kunz kondoliert und stellt weiter fest, dass er jeden Preis für Tabak zu zahlen bereit sei, „ehe ich mir einen Tag verbiestere“.

„Das Leben ist fürchterlich, ich kann es gar nicht begreifen.“

Großfamilie Böll übernimmt eine Ruine, Heinrich kommt mit Frau und zwei Kindern in zwei Räumen unter. Die Tagesordnung wird vom Mangel diktiert. Die Lage ist immer beinah unhaltbar. Böll schreibt, um zu überleben. Der Markt erzwingt Geschmeidigkeit; Böll knüpft vor allem kommerzielle Erwartungen an seine Produktion. Daneben entsteht Prosa, die seinen Ruhm vorbereitet.

Böll ist kein Künstler in der Klause. Er trommelt und trompetet für seine Sache.

„Im Grunde ist doch jede Kunst irgendwie Gebet.“

Böll beweist Sendungsbewusstsein und Familiensinn. Ihn trägt die Überzeugung, dass

„die Leute auf mich warten“.

Als kurz vor Deutschermark Honorare noch in der alten Währung beglichen werden, schreibt Böll: „Mich enttäuscht diese Haltung kaum, da ich die abgründige Verworfenheit der Literaturhändler zu Genüge kenne.“

Zunehmende Resonanz stachelt Bölls Geschäftssinn. Im Jahr der ersten Einzelpublikation (1949, „Der Zug war pünktlich“) verhandelt Böll mit mehreren Verlagen und Redaktionen. Er ist nicht einfach froh, er will die Marie, den Schotter & Kies, er glaubt an den materiellen Wert seiner Sache. (Während Benn kein Mark aus seiner Kunst schlägt.)

Böll trumpft auf, er nimmt den Debütantenstil von Generationen vorweg:

„Die ganze Literatur hängt mir kilometerweise zum Hals heraus und was ich wirklich möchte ist: spazierengehen. Ich scheiß auf alles.“

Das notiert Böll, nachdem er Himmel & Hölle in Bewegung gesetzt hat, um überhaupt veröffentlichen zu können.

Selbst schwanger vom Künstlerwahn, zwingt Künstlerpech Kunz zu einem Metierwechsel. Auf der ersten Stufe einer Kaskade gescheiterter Unternehmungen verkauft er Kugelschreiber.

Sage vergeht nie ganz … denn sie ist unsterbliche Göttin

Motto der Grimm’schen Hausmärchensammlung

Wir entnehmen das Vorhergegangene einer Nebenarbeit von Jacob Grimm, der von Heinrich Böll wenig hielt. Da war kein bloßes Dasein, „das hinreichte“, ein Werk zu schützen, so wie die nackte Existenz der Märchen den Schutz der Sammlung selbstverständlich erscheinen ließ. Coogan, Zaimoglu, William & Jake Grimm und die schönen Töchter der üblichen Witwe Voss (daheim in Niederzwehren) waren sich ohne ein Wort der zweifelnden Einrede einig. Wir Tapferen waren allesamt zur See gefahren, hatten Bären geschossen, ein Vermögen im Sklavenhandel erworben, die Freiheit am Hindukusch verteidigt, Erfindungen gemacht, in der Nase nach Öl gebohrt und manches mehr. Dafür wurden wir von den holden Maiden natürlich bewundert. Sie griffen in ihre güldenen Löcken. Sigmünd Freud erklärt euch gern, was das zu bedeuten hatte.

Morgen mehr.

11:52 01.10.2015
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