Hessenmeister XLIV

Ugly Casting an der Elfenbeinküste
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Der Tischler John Harrison löste das Längenproblem

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http://www.hr-online.de/website/derhr/home/presse_meldung_einzel.jsp?rubrik=54991&key=presse_lang_57237886

Zaimoglu berichtete von den Beschwerlichkeiten früher Hochseereisen. Wir hörten ihm mit Behagen zu, bequem wie wir es uns gemacht hatten in den Fauteuils der Witwe Voss. Es war die hohe Zeit der Shisha-Kultur und der überheizten Stuben voll der Jagdtrophäen. (Was gab es Löwenköpfe in hessischen Haushalten. Afrika schien am Edersee zu liegen.) Rauchend ließen sich die Strapazen der mit unzureichendem nautischem Gerät den Elementen trotzenden Abenteurer am besten überstehen. Zaimoglu schilderte uns den verträglichen Charakter des Tischlers John Harrison (1693 – 1776). In unserem Kreis verkehrten Kapitäne, jeder Schiffsführer sang sein Loblied auf den Hobby-Uhrmacher, der das Längenproblem gelöst - und so die christliche Seefahrt erheblich voran gebracht hatte. König George I. hatte sich der Auslobung eines Preisgeldes für eine Längenproblemlösung nicht widersetzt, er regierte zunächst in der Opposition. Ich berichtete für die engl. Ausgabe der Frankfurter Rundschau: (vom 08.05. 1715) A series of riots occurred in England, protesting against the first Hanoverian King of Britain and his new Whig government.

Harrison hatte die Akribie und den Wahn der Autodidakten (auch Kalaschnikow war Autodidakt), er schuf mit einem seetauglichen Chronometer die Voraussetzung für eine exakte Bestimmung des Längengrads an Bord eines Segelschiffs.

Es gab in unserem Kreis keinen Mann, der Amerika nicht gesehen hätte. Wir wussten alle zu schätzen, was Harrison getan hatte. „Die gute Uhr“ (Captain Cook) hatte ihm zwanzigtausend Pfund Preisgeld eingebracht, entsprechend dem Longitude Act*.

*https://en.wikipedia.org/wiki/Longitude_Act

Täuschte ich mich? Heidi (Edith), eine der dreiunddreißig Voss‘schen Töchter, wuschte anders als gewöhnlich an die Schicklichkeitsgrenze zu Zaimoglu. Unser Freund genoss den Applaus und die Bravo-Rufe für seinen Bericht, ihm folgte der greise Kapitän Müller als Erzähler. Er hatte seinen Schnitt im Sklavenhandel gemacht, für jeden Matrosen, der sich verloren gab, waren ihm die Verpflegungskosten gutgeschrieben worden. Müller verdiente an den Toten und an den Lebenden, denn jeder überlebende Afrikaner brachte am Bestimmungsort einen Bonus.

Müller lachte rostig (frostig).

Kapitän Müller war eine große Nummer im Sklaventransportgeschäft gewesen. Er hielt einige Unglückliche im dunklen Wald seines Ruhesitzes gefangen. Ihre Lieder und Klagen fanden Eingang in hessische Volksweisen. So erklärt sich die Affinität des Hessen zum Blues.

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Bildnachweis: Wikipedia

Dem schwarzen Elfenbein, der heidnischen Fracht galt größere Fürsorge als jenen, mit denen die auf ihren schwankenden Gebieten alttestamentarisch/gottgleich schaltenden Herren oft die Nationalität und immer die Religion verband.

„Alles was nicht blinder Gehorsam war, lief auf Meuterei hinaus“, dröhnte Kapitän Müller.

Da konnte ein Seemann mit Selbstachtung leicht in Schwierigkeiten geraten. Müller rieb seine Nilpferdpeitsche, die er aus Gewohnheit mitführte und die uns allen schon Bewunderung abgerungen hatte ob der eleganten Handarbeit. Müller kratzte sich zuzeiten mit einem Schuhlöffel, den eine Schrumpfhand mit einem Knochen verfasste.

Den Voss’schen Töchtern war Müller unheimlich, doch uns gefiel er als redlicher Sachse und guter Nachbar der Hessen und türkischen Texaner. Man munkelte, dass Müller sich einen Stall voll Sklaven in seinem Haus hielt, das tief im Finsterwald lag und laut Grimms Märchen bereits zum Schauplatz eines königlichen Verhängnisses geworden war.

Wieder und wieder waren Coogan und ich so wie Bill & Jake (Grimm) einer Einladung in das angeblich dreistöckige Hexenhaus nicht nachgekommen. Da war ein Hemmnis, das man sich kaum zugab. Es ließ sich an der Tüchtigkeit des Kapitäns nicht zweifeln. Etwas Abstoßendes verbarg sich gleichwohl vor der Analyse.

Ein Interesse am Leibesumfang schürte Kapitän Müller, indem er das Tröstliche forcierter Nahrungsaufnahme zum biografischen Pfeiler machte. Dabei war jeder von uns beleibt nur in dem Maß, das eine besondere Erörterung nicht verdient.

Halt! Das war vorschnell. Heidi schien der Fatalität (Koinzidenz) von Kummer und Hunger als Beispiel dienen zu wollen. Ihre Schwestern flochten den Gästen Heiterkeitsgloriolen. Sie bedankten sich mit Artigkeit, dabei sein zu dürfen, wo Geschichte gemacht wurde. Ihre Zeugenschaft hatte den Wert einer erheblichen Rente. Im Alter würden sie als hochnobilitierte Witwen einer neuen Zeitgenossenschaft wie die allerherrlichsten Fossile einer herrlichen Zeit erscheinen.

Die dreiundvierzig Schwestern konnten makaber, sogar albern sein. Doch hielten sie sich zurück, man erwartete von Frauen damals die Wirkungen von Parfüm. Wir Neuerer waren nicht nach Zwehren geritten, um die Frauenbewegung in Gang zu bringen. Das sollte der Zukunft vorbehalten bleiben. Obwohl man Coogan einen frühen Feministen nennen muss.

Morgen mehr.

10:13 03.10.2015
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