Hessenmeister XLIX

Ugly Casting in Algerien
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Pierre Jean Jouve

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Bildnachweis: Wikipedia

„Wohin du sihst nur Eitelkeit auff Erden“, dichtete 1658 Andreas Gryphius in der Rechtschreibung seiner Zeit. Auf der bebenden Flanke der Gegenwart zeigte sich nichts anderes. Wir ritten mit Pierre Jean Jouve (1887 – 1976), „dessen Existenz in einem fast quälenden Verhältnis zu den reißenden Strömungen des Boulevard stand.“ (Grand Slam Coogan in der Vorlesung vom 07.04. 1920, nach Notizen von Hauke v. Salzmannshausen)

Bei Heinrich Mann, dem alten Lebemann und Bettelbruder, riefen Jouves Prosa jene „unbestimmten Nostalgien“ hervor, „die uns ein Buch lieben lassen“.

Wir lasen im Sattel die „Abenteuer der Catherine Crachat“. Catherine ist „von Berufs wegen schön“. Sie hält sich in einer Mittellage zwischen gesellschaftlichem Erfolg und künstlerischer Bedeutungslosigkeit. Von ihrer „Bereitschaft mit einem Mann … Dinge bis zum Morgen zu treiben“, fängt sie ständig an. Jouve selbst irrlichtet im Geschehen, er wartet mit bizarren und banalen Einzelheiten des mondänen Lebens auf. Catherine verliebt sich in Pierre, einem männlichen Model, das sich mit „philosophischer Mathematik“ befasst, wir erreichten Kapitän Müllers dreistöckiges Hexenhaus im Finsterwald (Föhrenweg/keine Hausnummer oder PLZ). Eine Bluesband begrüßte uns mit Stormy Monday. Nachkommen der von Müller in den hessischen Urwald verschleppten Afrikaner hatten eine Kommune aufgezogen, geblendet von Pierres Erscheinung rechnet Catherine ihn „einer außergewöhnlichen Rasse“ zu. Gemeinsam verkehren sie im Jack, „einem Tanzlokal, in dem Schwarze arbeiten“ und amerikanische Touristinnen „kreischen“. Paul Morand sitzt am Tresen, Josephine Baker an seiner Seite. Da kommt Gertrude Stein, die Liebe schüchtert Catherine ein. Im Taumel des Nachtbetriebs* zweifelt sie an sich.

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„Konnte Pierre ein Mädchen wie mich lieben?“ fragt sie ohne Hoffnung und bekennt mit der Großartigkeit von Betrunkenen, dass ihr „erster gründlicher Fehler“ sich in „der Sünde“ erschöpfte, „zu existieren“.

Catherine verliert Pierre an eine andere Schauspielerin, sie trifft ihn wieder in Wien, wo ein Film gedreht wird. Ihr begegnet ein monumentaler Adelsmann in Lederhosen,

„schlicht und schön wie eine Scheibe Weißbrot“;

während Pierres Mutter sich an die schöne Französin heranmacht. Die Frauen spielen in Paris weiter. Fünfzig Jahre später bietet da ein Mann in ordentlichen Verhältnissen einer Streunenden die Wohnung seiner reisenden Eltern als einmaliges Nachtquartier an. Er überlässt sie rasch der Stille und dem Staub auf abgedeckten Möbeln und eilt zu einem Rendezvous ins Restaurant. TV-Nachrichten eröffnen ihm die Identität des Gastes. Einer Entsprungenen hat dieser Herr mit Affären und Vermögen sein Kinderzimmer überlassen. Er wird noch mehr für Edith (Heidi) tun.

Erst gefallen, dann entsprungen - so geht es den Leichtherzigen! Der nächste (nach dem kurfürstlichen, von der Thronfolge wegen einer bürgerlichen Mutter ausgeschlossenen Leutnant, der Edith zwar schwängerte, aber nicht heiratete) war ein Sarde mit dem Gemüt eines Bluthundes – Murati. Er residierte als Bordellbesitzer in Bechar. Seinen Betrieb führte er direkt neben dem Raketenstartplatz*.

*https://de.wikipedia.org/wiki/Centre_interarm%C3%A9es_d%E2%80%99essais_d%E2%80%99engins_sp%C3%A9ciaux

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Bildnachweis: alger-roi.fr

Er verlangte von Edith, dass sie den Freiern Komplimente machte. Die fiebrigen Legionäre erachteten Edith als etwas Besonderes, im Bordell erwarteten sie sonst nur einheimische Frauen im Zustand der Teilnahmslosigkeit.

Drogen, Läuse, Pilze, Depressionen, Langeweile, um jetzt nicht von schwerwiegenden Dingen anzufangen.

Edith hatte Nonnen ihr Kind gegeben, sie hielt sich für verdammt. Und - wollen wir ihr widersprechen? Vor dem Bordell verelendete Oleander. Ein Geländer lag wie abgebrochen neben der Veranda. Es war nie angebracht worden.

Föhn zog um die Häuser und raschelte mit Stacheldraht. Die Wüste kam näher. Die Legionäre sehnten sich nach Europäerinnen. Das Departement d’outre-mer hatte zwar alles organisiert, man hielt das bewaffnete Personal in Schuss. Aber eben nur mit dem, was da war.

Die weiße Frau bot sich einer Obsession an. Aberrationen können Leben retten. Die Legionäre hatten sich ans Erzwingen gewöhnt. Korporal Willi wettete mit Kameraden. Er war Rheinländer. Der ganze Mann: ein Brustkorb.

Zu prahlen, es fiel ihm leicht. So ein Willi trumpfte an der Rummelplatzschießbude auf. Der trennte einen Teddybär von seinen Knopfaugen und erntete selbstverständlich Bewunderung.

Edith erlag Willis Knallchargencharme. Nun musste noch ein Mord geschehen, Willi zeigte Lust, zu desertieren. Man setzte ihn fest, eins kam zum anderen. Edith riss sich von allem los. Sie wurde gesucht – nicht nur von der Polizei. Die Sarden waren sauer. Sie wollten ihren Murati rächen, das kann man verstehen.

In Paris spielte Edith ihrem Gastgeber eine Amour fou vor, dass er sie weiter versteckt hielt in der Wohnung seiner Eltern. Vor der Tür fand ein Entwurzelungsfestival statt, mit trister Notzucht, milieugerechten Trottoir-Erpressungen und schillernden Härteauftritten. Die Leute scharten sich um brennende Tonnen …

Von Zwehren her kam Coogan, man hatte ihm ein Zeichen gegeben. Edith sprang ihm wie erlöst entgegen.

Morgen mehr.

13:13 07.10.2015
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